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Klimaschutz und Wirtschaft : Finanzplatz Luxemburg plant nur noch grün

Pierre Gramegna Bild: EPA

Für den Finanzminister Pierre Gramegna steht die Nachhaltigkeit im Mittelpunkt. Die Weltbank dankt es ihm mit einem größeren Engagement. Grüne Staatsanleihen sollen folgen.

          Der Klimawandel wird auch am Finanzmarkt zu einem immer wichtigeren Thema. Das gilt erst recht für Luxemburg, das in nachhaltigen Finanzen eine Vorreiterrolle einnehmen will. Das machte der Finanzminister Pierre Gramegna in seiner Rede auf einer Konferenz zu nachhaltigen Finanzen am Mittwoch in Luxemburg deutlich. Für ihn steht die Finanzierung ökologischer und sozialer Projekte immer stärker im Mittelpunkt des Finanzmarktes. „Wenn wir dem Klima helfen, helfen wir uns selbst“, sagte er und verwies anschließend auf die Pionierrolle Luxemburgs: Die erste grüne Anleihe begab die Europäische Investitionsbank im Jahr 2007 und ließ sie an der Börse Luxemburg notieren.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Grün ist dann auch die Farbe, mit der die Börse Luxemburg für sich wirbt. Dort ist nach eigenen Angaben rund die Hälfte aller grünen Anleihen (Green Bonds) notiert, und dank der Weltbank werden demnächst noch weitere 174 nachhaltig konzipierte Schuldtitel hinzukommen. Damit dürfte das Volumen an nachhaltigen Anleihen, die in Luxemburg gelistet sind, in Richtung 200 Milliarden Euro gehen. Doch angesichts einer jährlichen Finanzierungslücke von 2,5 Billionen Dollar, die für den Übergang in eine nachhaltige und klimaneutrale Weltwirtschaft fehlen, ist das nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein.

          Emissionsvolumen von knapp 6 Milliarden Euro

          Deshalb forderte Farrukh Khan, leitender Direktor der auf Entwicklungsländer ausgerichteten Beteiligungsgesellschaft Acumen, eine stärkere Ausweitung nachhaltiger und sozialer Anlagen auf den gesamten Finanzmarkt, auch auf die Kleinanleger, nach seinen Worten auf den Mainstream. Als großes Problem betrachtet Christopher Clubb von der auf Finanzierungen in Entwicklungsländern spezialisierten Beratungsgesellschaft Convergence Blended Finance, dass viele Anlagen von der Kreditwürdigkeit her in der Regel zu schlecht sind, um institutionelle Investoren aus Industrieländern anzulocken. Ähnlich gering seien die Ertragsaussichten.

          Luxemburgs Finanzminister Gramegna sprach sich für eine stärkere Kooperation zwischen dem öffentlichen und privaten Sektor aus, um mehr Gelder für Nachhaltigkeit und Klimaschutz freizusetzen. Er hält es für denkbar, staatliche Garantien zur Abdeckung der ersten Verluste abzugeben, wodurch private Investoren vor Risiken abgeschirmt würden. Und Gramegna will ein weiteres Zeichen setzen: Im kommenden Jahr soll Luxemburg erstmals eine grüne Staatsanleihe begeben. Das mit der höchsten Bonitätsnote („AAA“) ausgestattete Land hat dank seinem ausgeglichenen Haushalt derzeit keinen Finanzierungsbedarf. Erst 2020 werden Anleihen fällig, und die sollen nach den Worten Gramegnas auch grün refinanziert werden.

          Das Beispiel der Niederlande hat vor wenigen Wochen gezeigt, welche enorme Nachfrage eine grüne Staatsanleihe im höchsten Segment der Kreditwürdigkeit („AAA“) entfalten kann. Der Titel mit 20-jähriger Laufzeit wurde mit mehr als 21 Milliarden Euro nachgefragt – bei einem Emissionsvolumen von knapp 6 Milliarden Euro.

          Als zweitwichtigster Fondsstandort der Welt

          Die Emissionen an grünen Anleihen haben in diesem Jahr schon die Marke von 100 Milliarden Dollar überschritten. Das Wachstum ist beeindruckend, doch bleibt die Größe zum Gesamtmarkt bescheiden. Gerade mal ein halbes Prozent dürfte an allen Anleihemärkten der Welt die Farbe Grün tragen. Ein wichtiger Emittent sind staatliche oder supranationale Förderbanken wie die EIB oder die Weltbank. Deren Vizepräsident Jingdong Hua sprach sich in Luxemburg für eine größere Transparenz und mehr Informationen zu Green Bonds aus, damit die Investoren eine bessere Entscheidungsgrundlage haben. Als größtes Problem bezeichnete Gramegna das sogenannte „Green Washing“, also die Grünfärbung. Das bedeutet, Anleihen werden von ihren Emittenten als grün bezeichnet, doch die Mittel dienen zum Beispiel auch anderen Zwecken wie zum Beispiel fossilen Energieträgern.

          Gramegna misst dem Kriterienkatalog der EU-Kommission, der sogenannten Taxonomie, große Bedeutung bei. Doch daran arbeitet Brüssel mit zahlreichen Fachleuten schon seit langem. Eine Einigung, was grün ist und was nicht, ist schwierig. Klassisches Beispiel ist die Kernenergie, die in Frankreich als klimaneutral gilt, in Deutschland aber wegen des Problems der Endlagerung nicht als nachhaltig betrachtet wird. Die Kommission hat die Kernenergie bei der Frage nach einem gemeinsamen grünen Kriterienkatalog ausgeklammert. Selbst diesen Ungewissheiten tritt Luxemburg selbstbewusst entgegen: Der Finanzplatz habe frühzeitig seine Standards für nachhaltige Finanzen entwickelt, sagte Gramegna. Davon hat sich auch die Weltbank überzeugen lassen. Als zweitwichtigster Fondsstandort der Welt nach den Vereinigten Staaten kann Luxemburg solche Rahmenbedingungen beeinflussen.

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