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Ungeliebter Sieg : Luxemburger Finanzplatz befürchtet Brexit-Chaos

Beschauliche Stadt im Wandel: Am Finanzplatz Luxemburg mussten in den vergangenen Jahren viele Altbauten weichen. Bild: Wolfgang Eilmes

Bislang haben 50 Finanzdienstleister ihr EU-Geschäft aus London in das Großherzogtum verlagert. Doch die Begeisterung dort hält sich in Grenzen.

          Luxemburg hat die Nase vorn gegenüber Frankfurt. Aber geht es nach Nicolas Mackel, dem Vorstandschef der Finanzplatzinitiative Luxemburg for Finance, dann hätte es diesen Wettbewerb erst gar nicht geben dürfen. Der EU-Austritt Großbritanniens kenne grundsätzlich keine Gewinner, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im Rahmen des Brexits haben sich nach seinen Angaben bislang 50 Finanzdienstleister für Luxemburg als neuen EU-Standort entschieden. Es handele sich um 24 Fondsgesellschaften, zwölf Versicherer, acht Banken und sechs Zahlungsdienste wie zum Beispiel Alipay. Mitte Januar sprach der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), Felix Hufeld, von „45 Finanzinstituten“, die im Zuge des Brexits ihre Präsenz in Deutschland neu etablieren oder deutlich stärken wollen.

          „Unmöglich, Lösungen zu finden“

          Am Luxemburger Finanzplatz wird der politische Stillstand in London mit großer Sorge verfolgt. Die Lage rund um den Brexit ändere sich aktuell laufend, und es sei schwer vorherzusagen, welches Szenario am Ende Realität werde. Mackel hält einen harten Brexit, also einen EU-Austritt Großbritanniens ohne vertragliche Vereinbarungen, für die wahrscheinlichste Variante.

          Die britische Premierministerin Theresa May will seiner Ansicht nach offenbar ihre Regierung und ihre Partei zusammenhalten, und dafür muss sie vor allem dem rechten Flügel der Konservativen weit entgegenkommen. „Dadurch, dass die Brexiteers in den vergangenen Jahren vor allem gesagt haben, was sie nicht wollen, aber nicht, was sie denn wollen, war es der EU nahezu unmöglich, Lösungen zu finden.“ Nun laufe die Zeit davon. Ein ungeordneter Brexit ohne Deal würde vor allem die britische Wirtschaft schwer treffen, aber sicher auch negative Auswirkungen auf die Wirtschaft in Europa insgesamt haben – allein durch die Störung der Lieferketten.

          In diesem Szenario erwartet Mackel einen zusätzlichen Abwertungsdruck auf das britische Pfund. Die direkten Auswirkungen auf die Finanzbranche wären wohl eher weniger stark. Denn die meisten Finanzdienstleister hätten Vorkehrungen getroffen, um auch am Tag nach einem Austritt ohne Abkommen arbeitsfähig zu sein. Unklar sei aber, wie stark mögliche Verwerfungen in der britischen Realwirtschaft auf die Finanzmärkte und die Branche durchschlagen – selbst wenn die Investoren einen harten Brexit schon weitgehend eingepreist hätten.

          London sieht der Interessenvertreter des Luxemburger Finanzplatzes weiter als dominierenden Finanzstandort in Europa. Die Finanzplätze, die von einer möglichen Verlagerung aus London heraus profitieren werden, sind seiner Ansicht nach in erster Linie Paris, Frankfurt, Luxemburg und Dublin. „Ich rechne mit einer Geschäftsverlagerung, die sich an den jeweiligen Stärken der Standorte ausrichten wird“, ist Mackel überzeugt. Frankfurt und Paris würden im Wertpapier- und Derivategeschäft konkurrieren, während Luxemburg und Dublin im Wettbewerb um Vermögensverwalter stünden. Mit einem verwalteten Fondsvermögen von rund 4 Billionen Euro ist Luxemburg führender Fondsstandort in Europa.

          Europa ist stark fragmentiert

          Die Digitalisierung schreitet auch dort voran. Was die Leistungen für Endverbraucher betrifft, sieht Mackel Europa in der Digitalisierung von Finanzgeschäften weiter, als es die öffentliche Diskussion manchmal erscheinen lasse. Trotzdem bleibe viel zu tun. Handlungsbedarf sieht er in der Harmonisierung der regulatorischen Rahmenbedingungen. Diese hält er für notwendig, um die Digitalisierung im Finanzbereich zu erleichtern.

          Junge Unternehmen aus der Finanztechnologie, sogenannte Fintechs, müssten noch immer unterschiedliche Vorgaben der 28 EU-Mitgliedsländer beachten. Der europäische Markt sei stark fragmentiert. Das gilt nach Ansicht von Mackel trotz Bankenunion auch für das Bankengeschäft. Ideal hält er eine Regel nach dem Vorbild des EU-Passporting, speziell auf die Anforderungen von Fintechs zugeschnitten. Die Lizenz als Bank oder Zahlungsdienst passe oftmals nicht zu den Geschäftsmodellen.

          Hohe Bedeutung misst Luxemburg der nachhaltigen Finanzierung bei. „Wenn wir den Klimawandel aufhalten wollen, müssen wir jetzt handeln.“ Hier sei auch die Finanzbranche gefordert, betont Mackel. Als wichtig betrachtet er einen EU-weit einheitlichen Kriterienkatalog, welche Finanzprodukte als nachhaltig eingestuft werden können. Die EU-Kommission arbeitet daran.

          Einheitliche Kriterien, in Brüssel wird von einer Taxonomie gesprochen, schüfen Transparenz und damit die Voraussetzung für Vertrauen. Luxemburg sei schon heute Vorreiter und wichtigstes Finanzzentrum für nachhaltige Finanzprodukte in Europa, wirbt Mackel. Für ihn umfasst Nachhaltigkeit nicht nur grüne, also ökologische Finanzprodukte, sondern auch soziale Aspekte und entsprechend ausgerichtete Finanzprodukte.

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