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Börse in London : Starke Börsengänge

Die Londoner Börse kann aktuell nicht über Regenwetter klagen. Bild: Reuters

Obwohl der Deliveroo-Börsengang ein Flop war, haben sich eine ganze Reihe von sehr starken Börsenneulingen überwiegend positiv im Wert entwickelt und den Anlegern viel Freude gemacht.

          3 Min.

          Große Sprünge macht die Börse an der Themse derzeit nicht. Seit einigen Wochen stagniert sie, wobei sie damit das erreichte hohe Niveau verteidigt. Der FTSE100-Index ist Ende Juli, nach einem kleinen Schwächeanfall, wieder deutlich über 7000 Punkte gestiegen. Zum Wochenbeginn legte er um 0,7 Prozent auf 7186 Punkte zu. Seit Jahresanfang ist das Börsenbarometer der größten hundert Unternehmen an der Londoner Börse um rund 15 Prozent kräftig gestiegen, wobei das britische Pfund auch noch etwas aufgewertet hat, was die Fremdwährungseinnahmen der sehr stark international ausgerichteten FTSE100-Konzerne dämpft. Ohne dies wäre der Aufschwung noch stärker.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die kräftige Erholung der britischen Wirtschaft nach dem Corona-Einbruch treibt die Kurse. Der FTSE100 hat sich in diesem Jahr sogar etwas stärker entwickelt als – in Pfund gerechnet – der deutsche DAX und der spanische Ibex. Allerdings liegt die britische Börsenentwicklung leicht unter der des Eurostoxx50-Index, der sich in Pfund gerechnet um 16,5 Prozent verbesserte, wie Goldman Sachs in einer aktuellen Übersicht zeigt.

          Was die britischen Börsianer besonders freut, ist der Reigen an IPOs (Initial Public Offerings) in diesem Jahr. Die London Stock Exchange verzeichnete 2021 so viele neue größere Börsengänge wie seit Langem nicht mehr, weit mehr als ein Dutzend. Darunter sind eine ganze Reihe schwergewichtige IPOs mit Unternehmensbewertungen im mittleren einstelligen Milliardenbereich. Die meisten der Neuen haben sich nach dem Börsenstart gut entwickelt, obwohl es zunächst nach dem Deliveroo-IPO im März lautes Klagen über den Flop mit dem Essenslieferdienst gab. Deliveroo wurde viel zu teuer angeboten, die Unsicherheit über die längerfristigen Gewinnaussichten ließ den Kurs abstürzen.

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          Einige Börsenneulinge wie Darktrace sind dagegen steil gestiegen, andere krebsen vor sich hin. Die Aktie des Schuhherstellers Dr. Martens etwa, der im Februar mit einer Bewertung von 4,5 Milliarden Pfund (5,2 Milliarden Euro) aufs Parkett ging, hat leicht verloren, sie liegt nun 3 Prozent unter dem Ausgabekurs. Dagegen hat sich Deliveroo nach seinem ersten schlimmen Tag erholt. Seit dem miesen Start mit einem dicken Minus ist das Papier um 25 Prozent gestiegen. Schlecht gelaufen ist es auch für die AlphaWave IP Group, einen kanadischen Spezialisten für Halbleiter und drahtlose IT-Infrastruktur, der am ersten Börsentag in London mit 2,4 Milliarden Pfund bewertet wurde, aber ein Minus von fast einem Fünftel einstecken musste und sich davon nicht erholt hat.

          Besonders spektakulär positiv ist dagegen die Entwicklung von Darktrace, dem Cybersecurity-Unternehmen aus Cambridge, das mit KI-Schutzprogrammen gegen Hackerangriffe auf der ganzen Welt erfolgreich ist. Nach dem Deliveroo-Flop gingen die Darktrace-Strategen den Börsengang eher vorsichtig an und senkten die Preisspanne für den Ausgabekurs. Der Spezialist für Computersicherheit durch Künstliche Intelligenz wurde Anfang Mai mit nur 2,2 Milliarden Pfund bewertet. Seit dem eher billigen Debüt ist die Aktie kometenhaft nach oben geschossen. Schon am ersten Tag ging es vom Ausgabekurs von 250 Pence um gut 30 Prozent nach oben; nach einer viermonatigen Kursrallye ist der Wert um mehr als 160 Prozent gestiegen. Noch mehr ist der Kurs von Endeavour Mining explodiert, einem internationalen Bergbauunternehmen, das in Westafrika ­mehrere Goldminen betreibt. Nachdem das auf den Cayman-Inseln registrierte Unternehmen sich im Juni in London in den Hauptmarkt-Index eintrug, ist der Kurs sogar um 230 Prozent gestiegen.

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          Plus für Devisenhändler

          Die Aktie des Zahlungsdienstleisters Wise, bekannt für grenzüberschreitende Geldüberweisungen und Devisenumtausch, hat seit seinem Börsengang im Juli – mit einer Bewertung von fast 8 Milliarden Pfund – gut 16 Prozent dazu­gewonnen. Weit besser als der britische Gesamtmarkt haben sich auch eine Reihe anderer Londoner Börsenneulinge geschlagen, etwa die Auction Technology Group, Big Technologies, Trustpilot, ­Baltic Classifieds Group, Bridgepoint Group, TinyBuild Inc. und einige andere. Dagegen konnte der Badezimmereinrichter Victorian Plumbing die hohen Erwartungen nicht erfüllen und verlor nach dem Debüt mit einer Milliarde Pfund Bewertung gut ein Viertel an Wert.

          Auch wenn man solche Flops und Schwergewichte wie Deliveroo dazunimmt, haben Anleger, die jeweils zum Börsenstart die IPOs mitmachten, in diesem Jahr den FTSE100 um gut 20 Prozent geschlagen, wie Bloomberg ausgerechnet hat.

          Im Großwerteindex, dem FTSE100-Flaggschiff, gibt es unterdessen einige Verschiebungen und Abschiede, die für London eher bedauerlich sind. Der australische Minenkonzern BHP, nach ­Marktbewertung der zweitgrößte Wert hinter AstraZeneca, nach Börsengewichtung der zehntwichtigste an der Themse, kehrt der London Stock Exchange den Rücken. BHP gibt die Doppelnotierung auf und wird künftig nicht mehr in London gehandelt. Einen unfreiwilligen Abschied nimmt der Essenslieferant Just Eat, der aus dem FTSE100 rausfliegt. Auch der Fernsehsender ITV und die Industriegruppe Weir können sich nicht im Leitwerteindex halten. Dafür steigen der Rüstungskonzern Meggitt und die Supermarktkette Morrisons auf, deren Aktienkurse nach Übernahmegeboten so stark in die Höhe gesprungen sind, dass sie sich für den Leitwerteindex qualifiziert haben.

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