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Euro-Staatsanleihen : Lockere EZB-Geldpolitik lässt auch künftig die Renditen fallen

Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main Bild: dpa

Die Märkte erwarten eine neue Lockerungsrunde in der EZB-Geldpolitik - auch unter einer neuen Chefin Christine Lagarde.Das liegt auch an den enttäuschenden Konjunkturdaten.

          Die Investoren gehen auf Nummer sicher, obwohl die Chancen auf eine Einigung im amerikanisch-chinesischen Handelskonflikt gestiegen sind. Eine wichtige Fieberkurve an den Finanzmärkten sind die Renditen von Staatsanleihen. Und diese sind quer durch die Reihen der Euroländer auf neue Tiefstände gefallen, was mit entsprechenden Kursgewinnen verbunden ist. An den Märkten wird eine geldpolitische Lockerung der Europäischen Zentralbank (EZB) in Anbetracht konjunktureller Abkühlung und weiter schwacher Inflation erwartet.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe fiel am Mittwoch auf das Rekordtief von minus 0,4 Prozent. Der Bund-Future, der Terminkontrakt für die zehnjährige Bundesanleihe, erreichte mit 173,8 Prozent ein Rekordhoch. Der Vergleich mit dem Nominalwert von 100 Prozent zeigt, wie hoch die Bewertungen am Anleihemarkt derzeit ausfallen.

          Auch Italiens Kurzläufer mit negativer Rendite

          Sehr gefragt sind auch italienische Staatsanleihen, die wegen der deutlichen Schuldenlast des Staates mit hohen Risikoaufschlägen gehandelt werden. Diese sind gegenüber Bundesanleihen noch immer nötig, aber auch hier gehen die Marktzinsen deutlich zurück. Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe fiel erstmals seit Mai 2018 unter zwei Prozent und liegt am Mittwochvormittag bei 1,75 Prozent. Die Rendite zweijähriger Staatsanleihen Italiens liegt mit einer Rendite von derzeit minus 0,04 Prozent mittlerweile im negativen Bereich.

          Italien hatte im Haushaltsstreit mit der EU-Kommission eingelenkt und angekündigt, das geforderte Defizitziel von 2,04 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr zu erreichen. Allerdings bestehen Zweifel an der Nachhaltigkeit, da die Regierung aus den populistischen Parteien Lega und Fünf Sterne zu fragwürdigen Methoden gegriffen hat. So wurde die staatliche Förderbank angehalten, eine höhere Dividende an den Staat auszuschütten.

          Lockere Geldpolitik geht wohl auch unter Lagarde weiter

          Um die Marke von null Prozent pendeln in der zehnjährigen Laufzeit Staatsanleihen aus Belgien, der Slowakei und Slowenien. Während die beiden letzten noch leicht darüber liegen, handelt die belgische Anleihe aktuell darunter Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe Frankreichs notierte mit minus 0,1 Prozent. Auslöser für die Bewegung in den „sicheren Hafen“ der Staatsanleihen sind die zunehmenden Anzeichen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) eine neue Lockerungsrunde in ihrer Geldpolitik einläuten will.

          Entsprechende Äußerungen hatte der amtierende EZB-Präsident Mario Draghi schon vor zwei Wochen im portugiesischen Sintra gemacht. Die Bereitschaft zur Lockerung der Geldpolitik bekräftigte Anfang der Woche auch der neue EZB-Chefvolkswirt Philip Lane. Die Zentralbanken sollten an ihrer Entschlossenheit, das Inflationsziel mittelfristig zu erreichen, keine Zweifel lassen, sagte der Ire auf einer Konferenz in Helsinki. Das gelte insbesondere in Zeiten, in denen die Inflation schon seit längerem deutlich niedriger als gewünscht sei. Als mögliche Instrumente zur monetären Anpassung nannte Lane eine Zinssenkung sowie die Wiederaufnahme von Wertpapierkäufen.

          Auch unter einer neuen Notenbankpräsidentin Christine Lagarde dürfte sich an der EZB-Politik nichts ändern, „Letztlich gibt es für den Markt auch keinen Anlass, die kurz- bis mittelfristigen Zinserwartungen zu ändern. Denn unter Lagarde würde die EZB vermutlich die lockere Geldpolitik von Draghi fortsetzen", kommentiert Commerzbank-Analystin Antje Praefcke. Auch David Lafferty, Chefstratege des Investmenthauses Natixis Investment Managers, erwartet ebenfalls eine Fortsetzung der ultra-lockeren Geldpolitik. „Lagarde ist mehr Politikerin als traditionelle Volkswirtin.“ Angesichts der niedrigen Inflation, des schleppenden Wachstums und der schwer zu findenden Struktur­reformen werde sie kein neues geldpolitisches Regelbuch erstellen müssen.

          An dieser Stelle sei ihre Fähigkeit, europäische Politik zu steuern, wahrscheinlich mehr wert als eine Promotion in Wirtschaftswissenschaften. Sie müsse die EZB-Politik sowohl den Ländern des Euroraums als auch internationalen Investoren verkaufen. Ihr Hintergrund und ihr beim IWF verfeinertes Verhandlungsgeschick würden sicherlich zum Tragen kommen, wenn sie in einem Umfeld, in dem monetäre Instrumente viel von ihrer Wirksamkeit verloren hätten, eine größere Rolle der Fiskalpolitik und Strukturreformen fordere.

          Genug Raum für Wertpapierkäufe

          Die EZB strebt eine Teuerungsrate knapp unter 2 Prozent an, doch wird diese Marke schon seit dem Frühjahr 2013 verfehlt. Im Mai lag die Inflationsrate bei 1,2 Prozent. Auch am Geldmarkt stellen sich die Investoren auf eine Zinssenkung zur nächsten EZB-Ratssitzung am 25. Juli ein. Dort zeigt die jüngste Kursentwicklung der Terminkontrakte, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent die Senkung des Einlagensatzes von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent angenommen wird. Der Zins ist negativ, weil ihn die Banken für ihre bei der EZB oder den Euronotenbanken geparkten Gelder zahlen müssen. Der Einlagensatz wurde erstmals im Juni 2014 negativ, seit Frühjahr 2016 liegt er bei minus 0,4 Prozent.

          Mit Interesse nahmen die Marktteilnehmer auch die Aussagen des niederländischen Notenbankgouverneurs Klaas Knot auf. Dieser hatte angekündigt, dass die EZB handeln werde, sobald widrige Szenarien aufträten. Mit Blick auf eine neue Runde der Anleihekäufe, der sogenannten quantitativen Lockerung, bezeichnete Knot die Ansicht, wonach der EZB die zum Kauf verfügbaren Wertpapiere ausgehen, als „merkwürdig“. Die Aussagen des Niederländers werden am Markt als starkes Indiz für eine neue geldpolitische Lockerung gesehen, weil Knot bislang eher als Falke, also als Vertreter einer restriktiven Geldpolitik, galt.

          Die Erwartung einer bevorstehenden Lockerung wird auch durch enttäuschende Konjunkturdaten verstärkt. So lag der Einkaufsmanagerindex für die Eurozone im Juni mit 47,6 Punkten klar in dem Bereich, der für eine konjunkturelle Abkühlung steht. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Ratsmitglieder der EZB noch weitere Konjunkturdaten abwarten wollen, bevor sie handeln. Deshalb ist die Entscheidung über eine geldpolitische Lockerung auch erst in der Ratssitzung im September denkbar. Denn dann liegen auch aktuelle Prognosen der EZB-Volkswirte vor, mit denen die Entscheidung dann begründet werden kann. Fast alle Volkswirte in den Banken gehen davon aus, dass der EZB-Rat schon auf seiner Sitzung am 25. Juli verbal die Finanzmärkte auf eine neue Lockerungsrunde vorbereiten wird.

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