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Türkei-Krise : Wie Erdogan den Euro drückt

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„Vergesst nicht, wenn sie ihre Dollars haben, dann haben wir unser Volk, unseren Gott“: Der türkische Präsident bemüht sich, die Furcht vor einem weiteren Verfall der Landeswährung Lira zu zerstreuen. Bild: AP

Die Lira-Krise ruft die EZB auf den Plan. Die Sorgen um europäische Banken mit starkem Türkei-Geschäft werden größer. Das größte Risiko tragen Banken aus einem Land, das ebenfalls Probleme hat. Das bekommt der Euro zu spüren.

          Der Verfall der türkischen Währung bereitet der EZB-Bankenaufsicht mit Blick auf Institute mit starkem Engagement in dem Land einem Bericht zufolge zunehmend Sorgen. Vor allem die Großbanken BBVA , BNP Paribas und Unicredit stünden deshalb unterer besonderer Beobachtung, berichtete die „Financial Times“ unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen. Die Situation sei aber noch nicht kritisch.

          Die Folgen des starken Kursrückgangs der türkischen Lira sollen dem Bericht zufolge sehr genau beobachtet werden. So könnten sich viele türkische Kreditnehmer nicht ausreichend gegen den Kursverfall der heimischen Währung abgesichert haben und so bei den auf Euro oder Dollar laufenden Krediten Zahlungsprobleme kommen. Die EZB lehnte eine Stellungnahme zu dem Bericht ab.

          Die europäischen Banken gerieten allerdings an der Börse unter Druck. Die Deutsche Bank, die spanische BBVA, die italienische Unicredit und die französische BNP Paribas verloren jeweils mehr als drei Prozent. Auch der Euro als Gesamtwährung geriet unter Druck: Er gab um 0,6 Prozent auf rund 1,1460 Dollar nach. Der Dax lag gegen Mittag um 1,6 Prozent im Minus bei rund 12.470 Punkten.

          Das höchste Risiko tragen spanische Banken

          Derzeit haben Banken in der Türkei einer aktuellen Aufstellung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) Kredite in Höhe von 148 Milliarden Dollar und von 110 Milliarden Euro vergeben - der Großteil davon kommt aus dem Ausland. Das höchste Risiko tragen den BIZ-Daten zufolge derzeit die spanischen Großbanken, die Kredite über rund 83 Milliarden Dollar vergeben haben - aus Frankreich und Italien kommen 38 Milliarden Dollar beziehungsweise 17 Milliarden Dollar. Vertreter der Banken und der EZB wollten die Informationen der Zeitung nicht kommentieren, hieß es in dem Bericht.

          Carsten Hesse von der Berenberg Bank sieht die Türkei in großen Schwierigkeiten. „Nach einem kreditgetriebenen Boom weisen der Anstieg der Inflation und der dramatische Währungsverfall in 2018 darauf hin, dass das Land nun Gefahr läuft, auf eine Pleite zuzusteuern. Neben den auf der Hand liegenden Risiken für die Türkei selbst, wirft das die Frage auf, wie stark die Eurozone davon beeinträchtigt würde. Unserer Meinung nach wäre der Einfluss auf das BIP der Eurozone gering. Selbst wenn die Exporte in die Türkei um 20 Prozent einbrechen würden, würde das nur 0,1 Prozentpunkt des Wachstums in der Eurozone wegnehmen."

          Erdogan von der Reaktion der Finanzmärkte unbeeindruckt

          Derweil ist Präsident Recep Tayyip Erdogan bemüht, die Furcht vor einem weiteren Verfall der Landeswährung Lira zu zerstreuen. „Macht Euch keine Sorgen“, rief Erdogan am späten Donnerstagabend in Rize am Schwarzen Meer seinen Anhängern zu. Derzeit liefen gegen die Türkei mehrere Kampagnen, sagte er mit Blick auf den Streit mit Amerika. „Beachtet sie nicht.“ Die Lira hat seit Jahresbeginn mehr als ein Drittel an Wert verloren, am Freitag rutschte sie erneut auf ein Rekordtief.

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          “Vergesst nicht, wenn sie ihre Dollars haben, dann haben wir unser Volk, unseren Gott“, sagte Erdogan. „Wir arbeiten hart. Schaut auf das, was wir vor 16 Jahren waren, und schaut heute auf uns.“ Erdogans islamisch-konservative Partei AKP hatte bei der Parlamentswahl 2002 einen deutlichen Sieg errungen. Er selbst war von 2003 bis 2014 Ministerpräsident und übernahm dann das Amt des Staatspräsidenten.

          Durch ein Verfassungsreferendum 2017 erhielt Erdogan eine enorme Machtfülle und nimmt zunehmend Einfluss auf die Zentralbank, was internationale Anleger schon seit Monaten beunruhigt. Hinzu kommt der Streit mit den Vereinigten Staaten über den in der Türkei festgehaltenen amerikanischen Pastor Andrew Brunson. Eine türkische Delegation, die um Entspannung bemüht war, kam diese Woche ohne greifbare Ergebnisse aus Washington zurück.

          Kräftige Zinserhöhung wäre notwendig

          Lutz Karpowitz von der Commerzbank sagte dazu: „Bisher zeigt sich Präsident Erdogan von der Reaktion der Finanzmärkte unbeeindruckt. Das ist ein gefährliches Spiel: Je später er nachgibt, desto größer der Schaden, denn ohne Politikwechsel dürfte die Lage weiter eskalieren. Dann wären auch Kapitalverkehrskontrollen wahrscheinlich. Wer derzeit nicht auf ein Einlenken von Erdogan setzen mag, sollte weitere massive Lira-Schwäche einplanen."

          Erdogan hat sich selbst als „Gegner der Zinsen“ tituliert und angekündigt, eine größere Kontrolle über die Geldpolitik auszuüben. Er will, dass die Banken billige Kredite vergeben und so das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Anleger befürchten jedoch, dass es zu einer Überhitzung kommen könnte. Der Präsident hat bereits seine Landsleute aufgerufen, ihre Dollar- und Euro-Guthaben in die heimische Währung umzutauschen.

          Experten sehen nun die Notenbank am Drücker. „Die angespannte Situation könnte durch ein beherztes Vorgehen der türkischen Notenbank abgemildert werden“, sagte der Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank, Thomas Gitzel. „Nötig wäre eine kräftige Zinserhöhung, die zu erkennen gäbe, dass die Währungshüter am Bosporus gewillt sind, dem Verfall der heimischen Währung nicht tatenlos zuzusehen.“

          Clemens Bundschuh von der LBBW ergänzt: „Die türkische Lira ist im Abwärtsstrudel. Es gibt kein Vertrauen. Und das ist aktuell das Hauptproblem der Türkei. Die Investoren verkaufen im großen Stil türkische Aktien und Anleihen und sorgen damit für immer mehr Abwertungsdruck. Anfangs waren noch mangelnde  Rechtssicherheit und Unabhängigkeit der Zentralbank im Kampf gegen die horrende Inflation das Hauptproblem. Mittlerweile spielen die Märkte durchaus einen Default der Türkei durch."

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