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Leitindex : Wer steigt in die erste Börsenliga auf?

Der „Berlin-Malus“ könnte die Deutsche Wohnen auch dieses Mal davon abhalten, an der Börse aufzusteigen – und damit Thyssen-Krupps Platz im Dax einzunehmen. Bild: EPA

Kommende Woche kürt die Deutsche Börse das Unternehmen, das neu im Dax notiert sein wird. Die Nachfolge des Absteigers Thyssen ist hart umkämpft.

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          Die Deutsche Börse wird nächste Woche einen Neuling für ihr wichtigstes Börsenbarometer Dax bekanntgeben. So viel scheint sicher. Die Aktie von Thyssen-Krupp müsste schon ein Wunder vollbringen, um ihren Kursniedergang der vergangenen Jahre in den drei Handelstagen bis Freitag noch wettzumachen. Dann zieht die Deutsche Börse ihre jährliche Bilanz für den Dax. Nächste Woche Mittwoch entscheidet sie auf der Datenlage Stand Ende August, welche ihrer Ansicht nach die wichtigsten 30 Börsenwerte in Deutschland sind.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Thyssen-Krupp dürfte nicht mehr dazu zählen. Der Kurs hat sich binnen eines Jahres halbiert. Auf der Rangliste der Börse von Ende Juli lag der Stahl- und Technologiekonzern nur noch auf Rang 42 beim Börsenwert der frei handelbaren Aktien. Mindestens Rang 40 wäre nötig, um den Dax-Erhalt zu sichern. Doch statt einer Aufholjagd ist der Aktienkurs im August stärker als der Markt gefallen.

          Thyssen ist als Gründungsmitglied seit 1988 im Dax, seit der Fusion mit Krupp 1999 als Thyssen-Krupp. Erst vor einem Jahr hatte mit der Commerzbank ein Gründungsmitglied den Dax verlassen müssen. 13 der 30 Gründungsmitglieder sind noch übrig.

          Malus Berlin

          Favorit für die Nachfolge war seit Monaten der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen. Doch die Anleger fliehen seit Wochen aus der Aktie. Die Gründung der Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ war für den Konzern wenig schmeichelhaft. Doch die wirtschaftlichen Auswirkungen wurden bis weit ins Frühjahr hinein an den Börsen für gering gehalten. Doch seit sich der Berliner Senat ständig mit neuen Vorschlägen zur Mietenbegrenzung oder seit dieser Woche sogar mit Vorschlägen zur zwangsweisen Mietensenkung befasst, ist an der Börse vom „Berlin-Malus“ für die Deutsche Wohnen die Rede. Von gut 42 Euro im Juni ist der Aktienkurs nun auf 29 Euro abgesackt. Ausgerechnet kurz vor der Indexentscheidung der Börse.

          Die Aufnahme in den Dax ist längst nicht mehr nur mit höherer Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und bei Investoren verbunden. Die immer bedeutender werdende ETF-Branche ist bei einer Dax-Mitgliedschaft sogar gezwungen, in allen ihren Dax-Indexfonds die Aktie entsprechend ihrem Gewicht im Dax zu kaufen. ETF-Marktführer Blackrock mit seiner Marke iShares ist so zum größten Aktionär von vielen Dax-Unternehmen geworden.

          Bei der Deutschen Wohnen ist Blackrock dies schon. Gemäß der jüngsten Stimmrechtsmitteilung hält Blackrock gut 10 Prozent der Deutsche-Wohnen-Aktien. Ob der Aufbau der großen Position in der Erwartung des Indexaufstiegs geschah oder aus Überzeugung in den aktiv gemanagten Fonds von Blackrock eine wichtige Rolle spielt, ist nicht bekannt. Doch aus dem sicher geglaubten Index-Aufstieg könnte nichts werden. Nachdem die Deutsche Wohnen vergangenes Jahr im Rennen um den Dax-Aufstieg im März erst von Covestro (für Pro Sieben) und im September von Wirecard (für die Commerzbank) knapp ausgestochen wurde, schien der Weg nun frei. Doch die Kursschwäche hat die Karten neu gemischt. Schon in der Juli-Rangliste war der Münchener Triebwerkehersteller MTU Aero Engines hauchdünn an der Deutschen Wohnen vorbeigezogen. Und da im August die Deutsche-Wohnen-Aktie um weitere 12 Prozent gefallen ist, während der MTU-Kurs seine Rekordjagd mit einem weiteren Anstieg um 8 Prozent fortsetzte, ist nach dem Börsenwert MTU nun der klare Dax-Favorit.

          „Thyssen-Krupp ist klar raus aus dem Dax“

          Die Börse berücksichtigt jedoch zwei Kriterien. Neben dem Börsenwert muss die Aktie auch rege gehandelt werden, um sich für den Dax zu qualifizieren. In der Rangliste ist mindestens Rang 35 nötig, um Thyssen-Krupp nachfolgen zu können. Deutsche Wohnen lag auf der Juli-Rangliste auf Rang 32, MTU genau auf 35. „Dort liegt sie immer noch“, sagt Tobias Adler, Indexfachmann der Bank Oddo Seydler.

          Doch festlegen auf eine Prognose will er sich nicht. „Der Vorsprung auf Rang 36 ist relativ knapp.“ Uwe Streich von der Landesbank-Baden-Württemberg taxiert den Vorsprung auf knappe 1,5 Prozent. Verliert MTU noch Rang 35, wären die Kriterien für einen Dax-Aufstieg nicht mehr erfüllt. Dann bliebe nur die Deutsche Wohnen als Kandidat übrig, der beide Kriterien erfüllt, auch wenn der Börsenwert niedriger ist als derjenige von MTU. Beim Abstieg von Thyssen-Krupp ist sich Adler indes sicher: „Thyssen-Krupp ist nach unseren Berechnungen auf Rang 46 zurückgefallen und damit klar raus aus dem Dax.“

          Die Veränderungen im Dax treten zum 23. September in Kraft. Schneller geht es im M-Dax. Nach seinem Einstieg in die Axel Springer AG hält der Finanzinvestor KKR, wie Montag bekanntwurde, nun 43,5 Prozent der Aktien. Zusammen mit Verlegerwitwe Friede Springer, die 42,6 Prozent der Aktien hält, den Springer-Enkeln Ariane Melanie und Axel Sven Springer mit rund 6 Prozent der Aktien und den 2,8 Prozent, die der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner hält, befinden sich nun mehr als 90 Prozent der Aktien in Festbesitz. Damit disqualifiziert sich die Aktiengesellschaft für die Auswahlindizes der Deutschen Börse und wird von Donnerstag an nicht mehr im M-Dax notiert sein. Wie die Deutsche Börse am Montagabend mitteilte, wird der IT-Dienstleister Cancom aus München den Platz im M-Dax einnehmen. Für Cancom rückt der Essener Immobilienkonzern Instone in den S-Dax nach.

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