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10 Jahre Insolvenz : Lehman - Totalschaden eines verknöcherten Systems

Mitte September 2018: Ein Mitarbeiter von Lehman Brothers packt seine Sachen nach der Pleite der amerikanischen Investmentbank. Bild: AFP

Vertrauensverlust in und Ratlosigkeit der Regulierenden sind für Fondsmanager Georg von Wallwitz die nachhaltigste Auswirkung der Lehman-Pleite.

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          Als vor zehn Jahren die Bank Lehman Brothers den Gang zum Konkursrichter antreten musste, war dies ein Wendepunkt, der zunächst in eine Finanzkrise führte. Der wirtschaftliche Schaden war gewaltig und auch der soziale Schaden, resümiert Georg von Wallwitz, Gesellschafter und Portfoliomanager der Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz. Manche seien sogar aus der Erwerbstätigkeit und den sozialen Systemen herausgefallen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch der ganz große, nachhaltige Schaden mit einer immensen Tragweite sei ein anderer: „Die Menschen haben das Vertrauen in die regulierenden Technokraten verloren.“ Vieles sei im Kleinen falsch gelaufen, das am Ende gar nicht so wichtig sei. „Aber der Eindruck, dass die Eliten die Finanzkrise nicht in den Griff bekamen – das ist der Totalschaden.“

          Die große Leere

          All das, was seit den achtziger Jahren als zukunftsweisend galt, wie Deregulierung, freie Märkte und Globalisierung sei in Frage gestellt worden. Die Hoffnungen auf eine Beschleunigung des Wachstums hätten sich dadurch nicht erfüllt, vielmehr sei vielerorts ein struktureller Rückgang eingetreten. „Der Westen steht intellektuell nicht gut da. Er hat in der Finanzkrise keine neue Idee anbieten können. Es herrscht Leere.“

          Stattdessen habe sich der Staat seinerzeit hinter die Banken gestellt, damit den Deckel draufgemacht und nun werde weiter gewurstelt. „Aber Krisen muss man nutzen. Und seien wir ehrlich: Lehman hat nur die Verknöcherung des Systems bloß gelegt, deren Gründe weit älter sind.“ Das Problem seien nicht zuletzt die Besitzstände und deren Wahrer, gegen die sich zaghafte Ansätze wie etwa „Occupy Wall Street“ nicht hätten durchsetzen können.

          „Die Menschen sind frustriert. Sie vertrauen den Experten nicht mehr, weil sie den Eindruck haben, dass diese keine Lösungen anzubieten haben.“ Das sei der Grund, warum nun simple Antworten auf komplizierte Fragen Zulauf erlebten. Der Brexit als britische Lösung für die Krise der Europäischen Union sei ein solches Beispiel. Früher scheine alles einfacher und besser gewesen zu sein – was zu bezweifeln sei.

          Entwicklung scheitert an Besitzstandswahrung

          Nach Alternativen gefragt, muss Wallwitz dann aber passen. Nein, einen neuen „dritten Weg“ sehe auch er nicht. Aber ein paar Ansätze fallen ihm dann doch ein. „Bestimmte Privilegien des Kapitals müsste man zurückschrauben. Dass etwa in Amerika Private Equity keine Einkommen-, sondern nur Kapitalertragsteuer zahlt, ist nicht mehr zeitgemäß. Hierzulande sollte man etwa eine Steuer auf den Bodenwert einführen.“

          Denn Grundbesitzer täten nichts für die Wertsteigerung, die ihre Immobilien erführen, außer dass diese eben vorhanden seien. Am Ende würde eine solche Steuer aber wohl an den weit verbreiteten Besitzständen scheitern - wie andere, einfache und notwendige Dinge auch. „Wenn eine Stadt das Baurecht lockern will, damit höher gebaut werden kann und die Mieten sinken, klagen Anwohner dagegen, weil sie um die Sonne in ihrem Garten fürchten. Das ist entwicklungshemmend, das ist wachstumshemmend.“ Das führe im Endeffekt zu einer Welt mit niedrigen Zinsen, die tendenziell stagniere.

          Und die Anleger? Die machten wie immer das Beste aus den realen Gegebenheiten. In einer tendenziell stagnierenden Welt, in der die Innovationskraft nachgelassen habe, werde Wachstum gesucht und hoch bezahlt. Das erkläre auch die hohe Bewertung etwa einer Amazon-Aktie. Wobei das Unternehmen ja auf Kosten der stationären Welt wachse, was ein weiteres Symptom einer stagnierenden Welt sei. So griffen die Anleger eben zu dem, was erfolgversprechend sei: „Gekauft wird alles, was wächst oder eine monopolartige Rendite bietet.“

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