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Was wird aus dem Kurs? : Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien läuft bald aus

Die Wirecard-Unternehmenszentrale in Aschheim Bild: AFP

Das Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien läuft nach Ostern aus. Die Bundesregierung verteidigt die Maßnahme der Finanzaufsicht.

          Bis Ostern steht der Zahlungsdienstleister Wirecard noch unter Schutz: Erst ab Karfreitag 00.00 Uhr, erlischt das Leerverkaufsverbot der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Danach folgen die Osterfeiertage, so dass Leerverkäufe erst ab dem Osterdienstag wieder möglich sind. Die Aufseher hatten die Wirecard-Aktie vor Spekulationen auf einen Kursverfall, angeheizt durch kritische Berichte in der „Financial Times“, schützen wollen.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Bundesregierung hat der Bafin nun den Rücken gestärkt, wie aus den der F.A.Z. vorliegenden Antworten der Parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium, Christine Lambrecht, hervorgeht. Auf eine Anfrage des Grünen-Bundestagsabgeordneten Danyal Bayaz verteidigte sie das erstmals für eine Einzelaktie verhängte Verbot: „Aus Sicht der Bundesregierung bewegt sich die Bafin innerhalb des ihr zugewiesenen Aufgabenbereichs und ist ihren zugewiesenen Aufgaben nachgekommen.“ Zuvor verwies Lambrecht auf die schon von der Bafin bekannte Argumentation, wonach negative Presseberichte über Wirecard Ende Januar zeitlich mit erhöhten Leerverkaufspositionen zusammenfielen, also Wetten auf einen Kursverfall.

          Verlängerung offen

          Das Leerverkaufsverbot trat am 18. Februar in Kraft, seitdem ist rund um das Dax-Unternehmen viel passiert, aber fest steht: Ein Befreiungsschlag gegen die Zweifel an der Bilanzierung steht noch aus. Der Untersuchungsbericht der Singapurer Kanzlei Rajah & Tann lässt zwar die Einschätzung zu, dass es keine größeren Manipulationen im Asiengeschäft gegeben hat. Trotzdem ist darin auch von Fehlbuchungen die Rede, die jenen Futter geben, die Wirecard und seinem Vorstand nicht vertrauen.

          Das waren Anfang April nicht wenige. Die „Börsen-Zeitung“ berichtete damals unter Berufung auf Zahlen des Finanzdatenanbieters IHS Markit, dass die Zahl der Short-Positionen, also der Wetten auf Kursverluste, noch immer hoch ist. Denn 12 Prozent der Wirecard-Aktien sollen zu diesem Zeitpunkt in Aktienleihegeschäften gebunden gewesen sein, was als Indikator für die Höhe der Leerverkaufspositionen gilt.

          Investoren wetten auf Kursverluste, indem sie sich von einer Bank Aktien leihen, um sie sofort am Markt zu verkaufen. Zu einem späteren Zeitpunkt erwerben die Spekulanten dann die Aktie zu einem niedrigeren Kurs und geben sie der Bank zurück. Die Differenz zwischen höherem Verkaufskurs und günstigerem Rückkaufkurs wäre dann der Gewinn aus diesem Geschäft.

          Ob die Bafin das Leerverkaufsverbot über Ostern hinaus verlängern wird, ist offen. Die Aufsicht will sich nicht in die Karten blicken lassen. Im Finanzausschuss des Bundestages sagte Bafin-Präsident Felix Hufeld Anfang April, dass dazu noch keine Entscheidung getroffen worden sei. Ein Bafin-Sprecher wollte sich zu einer Verlängerung des Leerverkaufsverbots nicht äußern. Am 25. April könnte es wieder heiß hergehen, dann berichtet Wirecard über das abgelaufene Geschäftsjahr.

          WIRECARD

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          Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Bayaz würde eine Verlängerung begrüßen: „Aufgrund der Indizien für ein strafrechtlich relevantes Verhalten beteiligter Akteure ist es richtig, dass die Bafin erstmalig ein Leerverkaufsverbot für Aktien nur eines Unternehmens ausgesprochen hat.“ Hier sei es an der Bafin, zu entscheiden, ob eine Verlängerung der Regelung geboten sei. Doch nach Ansicht von Bayaz hängen das Vertrauen in die Finanzstabilität und den deutschen Finanzmarkt auch von der Bewertung eines Einzeltitels ab, wenn es Hinweise auf eine illegale Marktbeeinflussung gebe.

          Auch Staatssekretärin Lambrecht sieht die Gefahr exzessiver Kursbewegungen der Wirecard-Aktie, die durch ihre trendverstärkende Wirkung den Verlust des Marktvertrauens in Deutschland, insbesondere hinsichtlich der Preisbildung an den Märkten auslösen könnten. Das Finanzministerium folgt in den Antworten eng der Argumentation der ihm untergeordneten Bafin.

          Allerdings hat es auch nach dem Leerverkaufsverbot der Aufsicht exzessive Kursbewegungen der Wirecard-Aktie gegeben: Am 26. März, als der vom Unternehmen als entlastend eingestufte Untersuchungsbericht von Rajah & Tann veröffentlicht wurde, schoss der Kurs in der Spitze um fast ein Drittel nach oben. Wenige Tage später, als die „Financial Times“ – trotz einer davor von Wirecard eingereichten Klage gegen die Zeitung – mit einem kritischen Bericht nachlegte, ging es um bis zu 10 Prozent wieder runter. Seit dem Leerverkaufsverbot hat die Wirecard-Aktie 4,5 Prozent an Wert verloren, während der deutsche Aktienindex Dax um fast 6 Prozent zugelegt hat.

          Interessant an den Antworten des Finanzministeriums ist die Angabe, wonach der Verdacht von Kursmanipulationen am deutschen Finanzmarkt häufiger gehegt wird. So sei die Bafin seit dem Jahr 2009 diesbezüglich 34 Untersuchungen nachgegangen. Diese betrafen Unternehmen aus dem Dax, dem Tec-Dax und dem M-Dax. In 13 Fällen habe die Bafin Tatsachen festgestellt, die den Verdacht eines strafbaren Verstoßes gegen das Verbot der Marktmanipulation begründeten. Die Aufsicht hat nach Angaben des Finanzministeriums Strafanzeige bei der zuständigen Staatsanwaltschaft erstattet.

          In 16 Fällen seien keine Anhaltspunkte gefunden worden. Die Untersuchungen seien eingestellt worden. Fünf Untersuchungen laufen noch, eine davon zu Wirecard. Und hier geht es nicht nur um Spekulanten: „Im Rahmen der laufenden Untersuchungen der Bafin wird auch mögliches Fehlverhalten von Verantwortlichen der Wirecard AG berücksichtigt“, teilte Staatssekretärin Lambrecht in ihren Antworten auf die Grünen-Anfrage mit.

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