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Leerverkaufsverbot : Die Bafin statuiert im Fall Wirecard ein Exempel

Zentrale von Wirecard in Aschheim bei München Bild: Reuters

Die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat neue Leerverkäufe in der Wirecard-Aktie verboten. Das Vorgehen ist ein Novum.

          Die deutsche Wertpapieraufsicht Bafin hat am Montag überraschend verboten, sogenannte Leerverkäufe von Aktien des Zahlungsdienstleisters Wirecard zu tätigen. Sie will damit das Marktvertrauen stabilisieren. Durch die jüngsten Turbulenzen des Aktienkurses von Wirecard sei dieses ernsthaft bedroht und es seien in den vergangenen Tagen massive Unsicherheiten an den Finanzmärkten feststellbar gewesen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es ist das erste Mal, dass das Bafin ein solches Leerverkaufsverbot für eine einzelne Aktie verhängt. Zwischen 2008 und 2010 waren zwar schon einmal sogenannte ungedeckte Leerverkäufe verboten worden, allerdings bei allen elf deutschen Finanzwerten.

          Entscheidend ist, was unter dem Strich herauskommt

          Im Fall des Leerverkaufens oder „Shortens“ einer Aktie verkaufen Marktteilnehmer eine Aktie, die sie nicht besitzen. Sie hoffen dann, diese Aktie später günstiger kaufen zu können und profitieren so von fallenden Kursen. In der Regel leihen sie sich zur Deckung der Geschäfte die Aktie, etwa von einem Investmentfonds, meist ein börsengehandelter Indexfonds (ETF). Das ist aber nicht zwingend notwendig. Diese nicht-gedeckten Leerverkäufe sind mittlerweile aber europaweit verboten. Leerverkäufe sind auch auf zahlreichen anderen Wegen möglich, etwa durch Aktienzertifikate, Derivate und Verkaufsoptionen.

          Im Fall von Wirecard sind Leerverkäufe nicht generell verboten, sondern nur dann, wenn sie dazu führen, dass ein Investor unter dem Strich eine größere Leerverkaufposition hält. Das bedeutet, dass Leerverkäufe getätigt werden können, so lange der Investor entweder ausgleichend Käufe tätigt oder aber selbst per saldo mehr Aktien (oder entsprechende Positionen) hält. Ob dies Sinn ergibt, ist eine andere Frage und pauschal nicht zu beantworten.

          Manipulative Spielchen

          Theoretisch haben Leerverkäufe eine durchaus bereinigende Wirkung. Da Marktteilnehmer eine negative Meinung nach dem Verkauf einer Aktie ansonsten nicht mehr zum Ausdruck bringen können, sorgen sie dafür, dass sich ein Aktienkurs gegebenenfalls stärker an den inneren Wert des Unternehmens anpasst.

          In der Praxis jedoch wird bei Leerverkäufen ein hochgradig manipulatives Spiel betrieben. So geben professionelle Leerverkäufer häufig Studien heraus, in denen sie begründen, warum ein Aktienkurs fallen sollte, meist kurz nachdem sie entsprechende Leerverkaufpositionen eingegangen sind. Das wird auch als „Short-Attacke“ bezeichnet. Dabei nehmen es nicht alle zu jedem Zeitpunkt mit der Wahrheit so genau, so auch im Fall von Wirecard vor rund drei Jahren.

          Gegenüber Analysten von Investmentbanken sind sogenannte „Research-Institute“, hinter denen professionelle Leerverkäufer stehen, effektiv weniger reguliert. Namhafte Investmentbanken können sich gegenüber namenlosen „Aktien-Research-Instituten“ (offensichtlich) manipulative Analystenstudien weniger leisten, auch wenn man so manche Empfehlung einer Bank bezweifeln mag.

          Im Fall von Wirecard hat im Dezember 2018 die Staatsanwaltschaft ein Ordnungsgeld gegen den Herausgeber des Börsenbriefs, hinter dem auch ein Leerverkäufer stand, beantragt. Oft stehen die Strafen, wenn sie dann verhängt werden, auch in keinem Verhältnis zu den mit den Geschäften zuvor erzielten Gewinnen. Sitzen die Verantwortlichen dann in Drittländern, kann es auch mit dem Einzug der Gelder kompliziert werden.

          Sorge um das Marktvertrauen

          Short-Attacken wie im Fall von Wirecard gefährdeten die inländische Marktintegrität und das Vertrauen des Marktes in die faire und effiziente Preisbildung, argumentiert die Bafin. In den vergangenen zwei Wochen sei der Aktienkurs der Wirecard AG von 167 bis auf 99,90 Euro gefallen, was eine Reduzierung der Marktkapitalisierung um 40 Prozent bedeute.

          Ein signifikanter Kurssturz habe nach Veröffentlichung eines Presseartikels beobachtet werden können, in dem behauptet wurde, Mitarbeiter eines Tochterunternehmens der Wirecard AG in Singapur hätten durch Buchführungsmanipulationen höhere Umsätze vorgetäuscht. Die Presseberichte in der „Financial Times“ fielen zeitlich zusammen mit verstärkten Netto-Leerverkaufspositionen und damit einhergehenden starken Schwankungen des Aktienkurse. Nach Informationen der F.A.Z. hat die Staatsanwaltschaft München I ein Ermittlungsverfahren gegen einen Journalisten der „Financial Times“ (FT) eingeleitet. 

          Die exzessiven Preisbewegungen könnten durch ihre trendverstärkende Wirkung den Verlust des Marktvertrauens in Deutschland bewirken. Es bestehe das Risiko, dass die Verunsicherung des Marktes zunehme und daraus eine generelle Marktverunsicherung werde. Nur das umfassende Verbot der Leerverkäufe könne sicherstellen, dass dies nicht eintrete. Daher gelte das Verbot auch für alle Personen, die in der europäischen Union oder einem Drittland ansässig oder niedergelassen seien.

          Die Effizienz der Finanzmärkte werde dadurch nicht unverhältnismäßig beeinträchtigt, denn das Verbot beschränke sich nur auf die Aktie der Wirecard AG. Zudem sind gedeckte Leerverkäufe nicht komplett verboten, sondern nur für den Fall, dass sie in einer Gesamtbetrachtung zu einer Vergrößerung der Netto-Leerverkaufspositonen führten. Außerdem seinen Market-Maker-Tätigkeiten ausgenommen.

          Die gewählte Dauer der Maßnahme ermöglicht es den Marktteilnehmern, ihre Handelsaktivitäten über einen angemessenen Zeitraum mit hinreichender Sicherheit zu planen, ermöglicht es gleichfalls dem Markt sich zu beruhigen und den Sachverhalt weiter aufzuklären und einzuordnen.

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