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Gewinnquellen in Gefahr : Ertragspuffer der Lebensversicherer werden dünner

Der Niedrigzins erdrückt die deutsche Lebensversicherung: Wie wird also der Gewinn generiert? Bild: dpa

Anbieter der Versicherungsbranche sind zunehmend auf andere Gewinnquellen als die Kapitalerträge angewiesen. Eine Untersuchung zeigt nun aus welchen Quellen genau der Gewinn erzielt wird.

          Der Niedrigzins erdrückt die deutsche Lebensversicherung. Das ist schlecht für die meisten der 89,3 Millionen Policeninhaber, weil sie in irgendeiner Form von Erträgen aus dem Sicherungsvermögen der Versicherer profitieren. Doch wie schlecht es den Anbietern geht, lässt sich nur an einer Vielzahl von Kennzahlen ablesen. Etwas mehr Transparenz in die Diskussion hat nun der größte deutsche Policenaufkäufer Policen Direkt gebracht, der am Montag eine Untersuchung zugänglich gemacht hat, aus welchen Ertragsquellen die deutschen Lebensversicherer ihre Gewinne erzielen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Es ist mal wieder ein sehr heterogenes Bild, das die Branche abgibt. Marktführer Allianz hat eine komfortable Lage und könnte mit seinen Kapitalerträgen 127,7 Prozent seiner Garantieverpflichtungen erfüllen. Ähnliches gilt für die DEVK, die Stuttgarter, die Alte Leipziger und die R+V. Für 30 von 84 Lebensversicherern aber reichen die 2016 erwirtschafteten Kapitalanlageerträge nicht aus. In der Liste dieser Unternehmen finden sich Namen wie HDI (91,4), Continentale (98), Generali (87,6), Debeka (80,4), Barmenia (92,4) oder Gothaer (97,7). Diese Versicherer sind darauf angewiesen, aus den anderen zwei Gewinnquellen (Kosten und Risiko) Erträge zu generieren, um die Garantien zu stemmen. Die Gothaer und die Generali, die derzeit den Verkauf ihres Bestands auf einen Abwickler erwägt, zählen auch im Rating der Agentur Morgen & Morgen zu den vier Versicherern mit der niedrigsten Bewertung. „Die Zeiten, in denen es um die Höhe von Überschüssen geht, sind Vergangenheit. Heute zählt für Versicherte vor allem die Sicherheit der Garantie“, sagt Henning Kühl, Chefaktuar von Policen Direkt.

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          Die Lage ist nach Einschätzung von Marktbeobachtern nicht dramatisch, aber herausfordernd. Durch die niedrigen Anleihezinsen steigt seit Jahren der Kapitalanlagezins, den Versicherer mindestens erzielen müssen, um einen positiven Rohüberschuss erzielen zu können. Lag dieser noch im Jahr 2011 bei 2,39 Prozent, ist er im vergangenen Jahr auf 3,15 Prozent gestiegen, hat die Ratingagentur Assekurata in ihrem jüngsten Bilanzen-Check der Branche ermittelt. Die hohen Zusagen der Vergangenheit lasten schwer auf den Anbietern. Auf 45 Milliarden Euro summierte sich die Zinszusatzreserve, mit denen sie abgesichert werden, Ende vergangenen Jahres. Nun ist der entsprechende Referenzzinssatz auf 2,21 Prozent gesunken. Auf Basis dieses Zinssatzes schätzt Assekurata die zusätzliche Reservierung auf 20 Milliarden Euro, so dass in der Branche bis Ende des Jahres rund 65 Milliarden Euro zweckgebunden sein werden und nicht in diese oder spätere Überschussbeteiligungen fließen können.

          Etwas Erleichterung hat die Bundesregierung den Versicherern verschafft. Negative Kapitalanlageergebnisse können seit einem Reformgesetz von 2014 mit positiven Ergebnissen aus anderen Gewinnquellen verrechnet werden. „Wir nehmen an, dass davon reger Gebrauch gemacht wird. Damit kann man sagen, dass Verwaltungskostengewinne immer mehr zu einem Zeichen für Finanzkraft und günstiges Wirtschaften werden“, sagt Kühl. Dieser Mechanismus ist eine Erklärung dafür, warum Lebensversicherer immer stärker auf ihre Kosten achten müssen. Denn wirtschaften sie günstiger als kalkuliert, können sie Erträge realisieren, die ihnen helfen, Garantien zu bedienen.

          Ein wichtiger Faktor sind die weiterhin hohen Bewertungsreserven aus bestehenden Anleihen. Durch Veräußerung dieser Wertpapiere können die Unternehmen dringend benötigte Erträge generieren. „Hohe Nettoverzinsungen aus der Kapitalanlage sind trügerisch“, warnt aber Assekurata. Denn die Wiederanlage erfolgt meist zu ungünstigeren Konditionen. Im Jahr 2016 fiel der Ertragspuffer aus Kapitalanlagen von 0,4 Prozent auf nur noch 0,22 Prozent der Deckungsrückstellungen. Zwei Jahre zuvor hatte er noch bei 0,7 Prozent gelegen.

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