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Finanzmärkte : Rekordstände überraschen die Analysten

Wie ist die Stimmung? Händler an der Börse in New York Bild: AP

Die Finanzmärkte werden immer zuversichtlicher: Die Wall Street hakt ihre Rezessionsängste ab und wichtige Indizes steigen auf Rekordhochs. Der Dax trotzt einem schwachen Ifo-Index.

          An den Finanzmärkten hat sich die Zuversicht durchgesetzt. An Wall Street haben wichtige Indizes am Dienstag auf neuen Rekordhochs geschlossen. In Deutschland ist der Leitindex Dax am Mittwoch im Handelsverlauf um bis zu 0,9 Prozent auf 12.350 Punkte gestiegen. Im späten Geschäft lag der Index noch mit 0,5 Prozent auf 12.294 Punkten im Plus, obwohl der wichtige Ifo-Geschäftsklimaindex unerwartet schwach ausgefallen ist. Das bedeutet, dass die Stimmung in den Führungsetagen deutscher Unternehmen nicht ganz so gut ist, wie zuvor an den Märkten angenommen worden war. Doch die Wahrnehmung hat sich gedreht, die Rezessionsängste, die im zweiten Halbjahr 2018 die Börsen auf Talfahrt geschickt haben, scheinen abgehakt zu sein.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die neue Konjunkturzuversicht verdeutlicht die Einschätzung von Klaus Bauknecht, Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank, zum aktuellen Ifo-Geschäftsklimaindex: „Die Geschäftsperspektiven wurden geringfügig schwächer beurteilt als einen Monat zuvor und signalisieren grundsätzlich eine Stabilisierung der Erwartungen.“ Vor wenigen Monaten lösten enttäuschende Konjunkturzahlen noch Rezessionsängste aus. Die Folge waren Verkaufswellen an den Aktienmärkten. Doch nun setzen die Anleger auf Wachstum.

          Zu den Optimisten zählt auch Esty Dwek, Chefstrategin des französischen Vermögensverwalters Natixis Investment Managers: „Wir gehen davon aus, dass sich in den kommenden Quartalen eine Stabilisierung des Wachstums einstellen wird, angeführt von den Vereinigten Staaten und China, wo die Daten bereits auf Verbesserungen hinweisen.“ Gleichwohl verweist die Natixis-Strategin auf die nach wie vor bestehenden Risiken wie etwa das schwache Wachstum in Europa, den Brexit oder die nächste Schuldenobergrenze in den Vereinigten Staaten. Deshalb schließt Dwek Kursschwankungen nicht aus, ist aber grundsätzlich von einer Fortsetzung der Kurserholung an den Aktienmärkten überzeugt.

          Wie stark die Aktienkurse in den vergangenen Monaten angezogen haben, zeigt ein Vergleich des Deutsche-Bank-Analysten Jim Reid: Der breit gefasste S&P-500-Index hat sich seit Dezember um 25 Prozent auf 2934 Punkte, den höchsten Schlussstand aller Zeiten, erholt. An der Technologiebörse rückte der Nasdaq Composite in diesem Zeitraum um 31 Prozent auf 8121 Punkte vor. Laut Reid war dies die stärkste Kurserholung seit einem Jahrzehnt. Zuletzt seien die Indizes nach der Finanzkrise so rasch und stark zurückgekommen. Der Dax hat in diesem Jahr 17 Prozent zugelegt. Der breiter gefasste F.A.Z.-Index, der nur die Kursentwicklung, aber nicht auch noch wie der Dax Dividendenausschüttungen berücksichtigt, ist um fast 16 Prozent gestiegen.

          Die Konjunktursorgen sind verflogen

          Die kräftigen Kursgewinne in diesem Jahr überraschten die ausgewiesenen Pessimisten, die Bären der Wall Street. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass wir im April Rekordstände erreichen“, sagte Michael Wilson, der für die Investmentbank Morgan Stanley die Strategie am amerikanischen Aktienmarkt verantwortet. Wilson gilt gegenwärtig als einer der prominentesten Bären an der Wall Street und hatte die starke Kurskorrektur im vierten Quartal des vergangenen Jahres korrekt vorhergesagt. Wilson hält dennoch an seiner Jahresendprognose für den S&P 500 von 2750 Punkten fest. Das entspräche einem Kursrückgang um rund 6 Prozent. Angesichts des aktuellen Aufschwungs hält er kurzfristig allerdings weitere Kursgewinne für möglich. „Wir werden in den kommenden Wochen wahrscheinlich auf 3000 Punkte steigen“, sagte er. Das ist keine radikale Prognose, da der S&P 500 nur noch rund 2 Prozent von diesem Meilenstein entfernt ist.

          Gestützt wurde der Kursaufschwung in diesem Jahr von der Notenbank Fed, die eine Pause bei den noch im Dezember vorhergesagten Leitzinserhöhungen avisiert hatte. Darüber hinaus rechnen Investoren mit einer Einigung im Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China. Das Thema hatte noch im vergangenen Jahr für Angst vor einer weltweiten Rezession gesorgt.

          Die Konjunktursorgen scheinen nun weitgehend verflogen. Entsprechend haben die konjunktursensiblen, die sogenannten zyklischen Segmente des Aktienmarktes in diesem Jahr wieder die Führungsrolle am Aktienmarkt übernommen: Technologiewerte, zyklische Konsumwerte und Industrieaktien. Diese Segmente hatten im vierten Quartal noch zu den größten Verlierern gehört. „Es ist fast so, als habe der Markt, nachdem was im vierten Quartal passiert ist, einen neuen Versuch gestartet“, sagte Michael Baele, Fondsmanager in der privaten Vermögensverwaltung der U.S. Bank.

          Die Gefahren sind noch da

          Die positive Stimmung überdeckt allerdings die wahrscheinlich rückläufigen Unternehmensgewinne für das erste Quartal. Analysten kalkulieren für die im S&P500 abgebildeten Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr derzeit mit einem durchschnittlichen Gewinnrückgang von mehr als 3 Prozent. Rückläufige Unternehmensgewinne sind für Pessimisten wie den Morgan-Stanley-Strategen Wilson ein Warnsignal, da der Trend der Unternehmensgewinne den langfristigen Trend der Aktienkurse bestimmt. Im Vorfeld der derzeit laufenden Bilanzsaison hatten viele Unternehmen ihre Gewinnprognosen gesenkt – möglicherweise aber zu stark. Vier Fünftel von den rund hundert S&P-500-Werten, die ihre Quartalszahlen schon veröffentlichten, übertrafen die durchschnittlichen Prognosen der Analysten.

          Dass die Notenbanken, neben der Fed auch die Europäische Zentralbank (EZB), vor einer geldpolitischen Straffung zurückschrecken, lässt erkennen, wie groß noch die Gefahren für die Konjunktur sind. In den kommenden Tagen werden die Anleger deshalb verstärkt auf die Ausblicke der Unternehmen zur Gewinnentwicklung achten. Ohne Gewinnwachstum droht die Kurserholung wieder zu verpuffen.

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