https://www.faz.net/-gv6-9ug2c

Labour-Niederlage : Britische Unternehmen erleben Mini-Hausse

Der London Stock Exchange in London Bild: Reuters

Das britische Wahlergebnis befeuert die Aktienkurse vieler Unternehmen – im Falle eines Labour-Siegs wären sie von Verstaatlichung und Enteignung bedroht gewesen.

          2 Min.

          Nach der krachenden Niederlage der Labour-Partei in der britischen Parlamentswahl sind besonders die Aktienkurse jener Unternehmen stark gestiegen, die im Falle eines Labour-Wahlsiegs von einer Verstaatlichung und Enteignung bedroht gewesen wären. Dazu zählen Energie-, Wasser- und Eisenbahn-Unternehmen sowie die Post Royal Mail und der britische Telekommunikationskonzern BT, deren Breitband-Internetservice Labour unter staatliche Kontrolle bringen wollte.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Der britische Gesamtbörsenindex FTSE 100 ist am Freitag, am Tag nach der Wahl, um 1,1 Prozent geklettert, wobei dieser Anstieg durch den Sprung des Pfundkurses auf den höchsten Stand seit drei Jahren gedämpft wurde. Gegenüber dem Euro stieg das Pfund um rund 2 Prozent, gegenüber dem Dollar sogar um 2,5 Prozent. Die im FTSE enthaltenen internationalen Großkonzerne machen mehr als zwei Drittel ihrer Umsätze außerhalb Britanniens, daher dämpft eine Pfundaufwertung ihre Kurse.

          Der FTSE 250 der mittleren Unternehmen, die vor allem auf dem britischen Markt tätig sind, sprang am Freitag sogar um 3,4 Prozent in die Höhe. Analysten erklärten die Gewinne damit, dass der klare Wahlausgang die Brexit-Unsicherheit reduziere. Außerdem hatten Labours Pläne viel Skepsis am Finanzmarkt ausgelöst. Vom plötzlichen Kursanstieg wurden einige Leerverkäufer, die auf sinkende Kurse gewettet hatten, auf dem falschen Fuß erwischt. Der amerikanische Fonds AQR Capital soll laut Medienberichten größere Verluste erlitten haben.

          FTSE100

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Zu den größten Kursgewinnern gehörte BT (die frühere British Telecom) mit einem Plus von 8,2 Prozent. Labour hatte angekündigt, die schnellen BT-Internetverbindungen zu verstaatlichen und dann gratis allen Haushalten Internetanschlüsse zu geben. Das hätte auch das Geschäftsmodell von Wettbewerbern wie Virgin Media teilweise zerstört. Der Kurs von Vodafone legte um 1,7 Prozent zu. Die Anteilsscheine der Royal Mail gewannen 3 Prozent an Wert. Kräftig gestiegen sind auch die Aktienkurse der drei börsennotierten Wasser-Versorger Severn Trent mit 9 Prozent und Pennon sowie United Utilities mit rund 8 Prozent. Der landesweite Netzbetreiber National Grid, der Strom- und Gasleitungen unterhält, verbuchte nach der Wahl ein Plus von 4,4 Prozent, während der Kurs des vor allem in Schottland und im Südwesten tätige Energieunternehmens SSE sogar um mehr als 9 Prozent höher notierte.

          SSE hatte vor der Wahl noch eine Holding im Ausland gegründet, um besser vor einer Enteignung unter Wert geschützt zu sein. Der Aktienkurs des großen Gas-Versorgers Centrica, der zu British Gas gehört, kletterte um gut 7 Prozent. Von Labours Verstaatlichungsplänen wären auch die zu Eon gehörenden Unternehmen Eon UK und N-Power betroffen gewesen. Der Kurs des Essener Energiekonzerns lag am Freitagabend um knapp ein halbes Prozent im Plus. Stark zugelegt haben die britischen Eisenbahnbetreiber Go-Ahead, die Southeastern Railways und Govia Thameslink betreiben, mit einem Kursplus von 9 Prozent, sowie die First Group, die vier Bahngesellschaften im Land vereint, mit einem Kursplus von 4 Prozent. Der Aktienkurs des großen Bahn-Unternehmens Stagecoach sprang besonders in die Höhe und notierte zum Wochenende sogar um fast 14 Prozent höher als noch vor der Wahl.

          Labours Pläne zur Nationalisierung der Eisenbahnen waren unter vielen Wählern recht populär, weil es Klagen über den Service der privatisierten Bahnen gibt. Die Konservative Partei plant nun besonders im Norden Englands, wo sie in ehemaligen Labour-Hochburgen – der sogenannten „Red Wall“ – Wahlkreise gewonnen hat, eine Investitionsoffensive zur Verbesserung der Infrastruktur. Am Sonntag schrieb die „Times“ über Überlegungen der Tories, bis zu 80 Milliarden Pfund zusätzlich in den nächsten fünf Jahren in die Modernisierung von Straßen, Bahnen und Brücken zu stecken. Daten der vergangenen Jahre zeigen, dass London bislang mehr als doppelt so viel Geld erhalten hat für seine Infrastruktur und der Norden vernachlässigt wurde.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schwieriges Terrain für die grüne Parteichefin: Annalena Baerbock am Freitag im Stahlwerk von ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt

          Besuch im Stahlwerk : Baerbocks Auswärtsspiel

          Ausgerechnet in einem Stahlwerk in Eisenhüttenstadt präsentiert die Kanzlerkandidatin der Grünen ihre Pläne für eine klimafreundliche Wirtschaftpolitik. Wie kommt das an?
          Die frühere AfD-Vorsitzende Frauke Petry stellt am 18. Juni ihr neues Buch vor.

          Neues Buch : Frauke Petry rechnet mit der AfD ab

          Die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry meint, dass ihre frühere Partei einen langsamen Tod sterben werde. Gegen Jörg Meuthen und Alice Weidel erhebt sie in ihrem Buch „Requiem für die AfD“ schwere Vorwürfe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.