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Kreditwürdigkeit : Die Macht der Ratingagenturen

Auch die Ratingberichte der Agentur Standard&Poor’s haben mehr Macht, als manchem lieb ist. Bild: AFP

Mit ihren Bonitätsnoten entscheiden die Ratingagenturen über Finanzierungskonditionen von Staaten, Banken und Unternehmen. Kein Wunder, dass diese auch ein Politikum sind.

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          Die drei amerikanischen Ratingagenturen, Moody’s, Fitch sowie Standard & Poor’s (S&P), beherrschen den Weltmarkt für die Bewertung der Kreditwürdigkeit von Staaten, Banken und Unternehmen. Ihre Ratings, die Bonitätsnoten der Schuldner darstellen, sind nicht nur eine Voraussetzung für den Zugang zu den Finanzmärkten. An ihnen orientieren sich die Aufsichtsbehörden und die Notenbanken. So hat die Europäische Zentralbank (EZB) die anhand der Ratings gemessenen Qualitätsanforderungen für Sicherheiten, die Banken bei ihr als Pfand für Finanzierungsgeschäfte hinterlegen, deutlich gesenkt. Entsprechend werden in der Corona-Krise auch griechische Staatsanleihen oder „Ramschanleihen“ von finanzschwachen Unternehmen als Pfand akzeptiert.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Marktanteil an den für die Finanzmärkte relevanten Ratings wird für die drei großen Kreditbewertungsagenturen auf 93 Prozent geschätzt. Dadurch verfügen S&P (Marktanteil 43 Prozent), Moody’s (33 Prozent) und Fitch (17 Prozent) über eine große Macht, die nun Italien zu spüren bekommt. Das hochverschuldete und von der Corona-Krise besonders stark getroffene Land kämpft um sein Rating, das bislang noch im investitionswürdigen Bereich liegt, an dem sich auch Versicherer und Pensionsfonds orientieren müssen, weil sie aufgrund der Vorgaben von Aufsichtsbehörden auf eine hohe Qualität der Schuldtitel in ihren Anlageportfolios achten müssen. Als investitionswürdig (Investment Grade), gelten Schuldner, die mindestens ein Rating von „BBB–“ (S&P und Fitch) oder „Baa2“ (Moody’s) aufweisen.

          Die Macht der EZB

          Italien liegt nur noch knapp vor dem „Ramschniveau“, in das Versicherer und Altersvorsorgeeinrichtungen nicht investieren dürfen. Die EZB verlangte vor der Corona-Krise nur ein Investment-Grade-Rating, um die Anleihen als Sicherheit zu akzeptieren. Nun ist auch diese Bedingung aufgehoben, wie das Beispiel Griechenland zeigt.

          Die griechische Staatsschuldenkrise mit dem Schuldenschnitt im Frühjahr 2012 nahmen europäische Politiker zum Anlass, die Macht der amerikanischen Ratingagenturen brechen zu wollen und einen europäischen Gegenspieler aufzubauen. Daraus ist nicht viel geworden, was an der EZB liegt. Denn sie orientiert sich bislang nur an den Ratings von S&P, Moody’s, Fitch sowie der kanadischen DBRS.

          Die europäische Ratingagentur Scope gehört noch nicht zu dem Kreis. Sie bemüht sich seit Jahren um die Aufnahme und hat Ende 2018 eine erste Hürde genommen, indem sie die aus Sicht der EZB notwendige Mindestabdeckung von Anleiheemittenten und Schuldtiteln erfüllt hat. Nun muss Scope über mehrere Jahre diese Mindestabdeckung nachweisen, so dass frühestens im kommenden Jahr mit einer Aufnahme gerechnet werden kann. Scope hat in den Geschäftsaufbau seit 2015 rund 70 Millionen Euro investiert und prominente Ratinganalysten von anderen Agenturen abgeworben. Zu den Anteilseignern zählen unter anderem BMW-Großaktionär Stefan Quandt sowie eine Gruppe von Versicherern wie Signal-Iduna und HDI.

          Geschäft mit der Risikomessung

          Hoffnung auf eine Ende des Rating-Oligopols nährte vorübergehend die zunehmende Ausrichtung der Finanzmärkte auf nachhaltige Kriterien für Umwelt- und Klimaschutz. Doch in diesen Bereich investieren schon längst S&P und Moody’s große Summen und haben auf die Bewertung von Nachhaltigkeitsrisiken spezialisierte Dienstleister übernommen. Sie werden in diesem Bereich in den kommenden Jahren eine bedeutende Rolle spielen. Die Ratingagenturen verdienen ihr Geld nicht nur über die Gebühren, die Emittenten von Schuldtiteln für die Bewertung zahlen müssen, sondern auch über Tochtergesellschaften, die Banken, Unternehmen und institutionellen Investoren Instrumente zur Messung von Kreditrisiken verkaufen. So nahm Moody’s im vergangenen Jahr 4,8 Milliarden Dollar ein. Davon entfielen 60 Prozent auf das Ratinggeschäft und 40 Prozent auf die Analyseprodukte und -dienstleistungen.

          Vor der Finanzkrise 2008 drehten die Ratingagenturen ein großes Rad an den Verbriefungsmärkten. Über die mit amerikanischen Immobilienkrediten besicherten Wertpapiere hatten sich die Kreditausfälle in der ganzen Welt verbreitet und Löcher in die Bilanzen der Banken gerissen. Das lag auch daran, dass die Ratingagenturen diese verschachtelten Wertpapierkonstruktionen zum Teil mit der höchsten Bonitätskategorie (AAA) bewertet hatten, was Investoren zum Kauf veranlasste, weil sie den Ratings oft blind vertrauten. An den Ratings für die Kreditverbriefungen hatten die Agenturen kräftig mitverdient.

          Das weckt noch immer die Skepsis der Finanzaufsicht. So hat der Chef der EU-Börsen- und Wertpapieraufsicht ESMA, Steven Maijoor, vor wenigen Wochen die Ratingagenturen davor gewarnt, durch rasche Ratingherabstufungen die Corona-Krise zu verschärfen. In Europa beaufsichtigt ESMA die Ratingagenturen.

          Italien nur noch kurz vor Ramsch Mit Entrüstung hat Italiens Finanzministerium auf die Herabstufung der Kreditwürdigkeit des Landes durch die Ratingagentur Fitch reagiert. Der Finanzmarkt reagierte dagegen gelassen mit dem Anstieg des Risikozuschlags um 0,1 Prozentpunkte auf 2,3 Prozent. Am Dienstagabend verkündete Fitch, dass Italiens Bewertung auf „BBB-“ sinkt. Diese Abwertung ist von Bedeutung, weil Italien damit bei Fitch und Moody’s auf der letzten Stufe der Noten für kreditwürdige Anlagen liegt. Bei Standard & Poor’s, die am 24. April die Bewertung unverändert ließ, steht Italien noch auf der vorletzten Stufe. Fitch begründete seine Abwertung damit, dass in diesem Jahr die Quote der Staatsschulden in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 20 Prozentpunkte auf 156 Prozent steigen werde. Als Prognosedaten für eine Rezession des realen BIP (minus 8 Prozent) und Schuldenquote verwendet Fitch die Werte des offiziellen Rahmenplans für Italiens Haushalt. Fitch schreibt, Italien habe seine Ankündigungen einer sinkenden Schuldenquote nie eingehalten. Die Stützungskäufe der EZB könnten langfristig keine Beruhigung bieten, aber zunächst einen Anreiz, die Schulden nicht zu verringern. Die politische Instabilität könne nun zunehmen. Italiens Wirtschaft sei schon seit zwei Jahren in Stagnation, nun gebe es weitere Risiken aus dem Tourismus. Wenn Italien kein glaubhaftes Wachstumsprogramm für die Zeit nach der Viruskrise biete, bestehe das Risiko weiterer Abwertungen. tp.

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