https://www.faz.net/-gv6-9cs8z

Konzerne teilen sich auf : Aus eins mach zwei

Continental will im nächsten Jahr seine Sparte für Antriebstechnik an die Börse bringen. Bild: Reuters

Konzerne teilen sich auf. Ist das gut für den Aktionär? Dazu lohnt es, sich zwei Fallbeispiele anzuschauen.

          Sergio Marchionne, der in der vergangenen Woche verstorbene Vorstandsvorsitzende des Autoherstellers Fiat-Chrysler, ist zeit seines Lebens einem Grundsatz gefolgt, den er schon zu seinem Amtsantritt im Jahr 2004 öffentlich machte. „Das größte Problem ist selbstverursachte Komplexität“, sagte er damals zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Automarke.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es scheint fast so, als hätten sich viele Vorstandsvorsitzende großer Konzerne diesen Satz Marchionnes zu Herzen genommen. Denn landauf, landab verkünden sie in diesen Tagen, dass sie ihre Unternehmen, um zwei Modeworte der Managementbranche zu gebrauchen, „schlanker“ und „agiler“ ausrichten wollen. Damit ist gemeint: Die Vorstände wollen ihre Firmen übersichtlicher, also weniger komplex, gestalten, indem sie einzelnen Geschäftsbereichen mehr Eigenständigkeit zugestehen, beispielsweise über einen Börsengang. Abspaltung nennt man einen solchen Vorgang in der nüchternen Sprache der Investmentbanker, Gewerkschafter sagen auch gerne Zerschlagung dazu.

          Das allein zeigt, wie emotional die Frage auch innerhalb vieler Unternehmen diskutiert wird: Schaffen Abspaltungen nun zusätzlichen Wert, wie besonders die Investmentbanker gerne behaupten, die allerdings mit der Beratung vor dem Börsengang auch eine Menge Geld verdienen? Oder sind nicht doch sogenannte Konglomerate die bessere Lösung – also Mischkonzerne, zu denen oftmals völlig unterschiedliche Geschäftsbereiche gehören? Läuft es in einer Sparte schlecht, soll eine andere Sparte dies durch gute Geschäftszahlen ausgleichen, lautet hier der Grundgedanke.

          Die Anhänger des Konglomerats sind derzeit deutlich in der Minderheit. Thyssen-Krupp muss dies in besonderem Maße erfahren: Man produziert Stahl, U-Boote und Aufzüge – eine Mischung, die viele Investoren längst nicht mehr zufriedenstellt. Sie wollen besonders die lukrative Aufzugssparte aus dem Konzern herauslösen. Andere Unternehmen sind bereits weiter:

          Continental beispielsweise will im nächsten Jahr seine Sparte für Antriebstechnik an die Börse bringen, Siemens hat das in diesem Jahr bereits mit seiner Tochtergesellschaft für Medizintechnik getan, Healthineers. Selbst die Deutsche Bank hat unlängst ihre Fondsgesellschaft DWS an die Börse geführt. Doch woran können Anleger erkennen, ob es wirklich eine gute Idee ist, wenn ein Konzern Unternehmensteile abspalten will? Dazu lohnt es, sich zwei Fallbeispiele anzuschauen.

          Fallbeispiel 1: Bayer

          Börsentechnisch betrachtet, steckt hinter jeder Abspaltung eine einfache Überlegung. Die Einzelteile eines Unternehmens sind, so die Hoffnung, an der Börse in Summe mehr wert als der vorherige Konzern als Ganzes. Mustergültig ist das bei zwei Abspaltungen des Leverkusener Bayer-Konzerns gelungen, an denen sich exemplarisch ablesen lässt, wann Abspaltungen an der Börse reüssieren. Die Spezialchemiesparte Lanxess ging 2005 an die Börse, die Kunststoffsparte Covestro 2015. Auch wenn sich der Bayer-Konzern seitdem stark verändert hat, was die Vergleichbarkeit ein bisschen erschwert, liegt die jeweilige Summe des Börsenwerts über dem Wert vor der Trennung, sowohl bei Bayer zuzüglich Lanxess als auch bei Bayer zuzüglich Covestro.

          Es ist bezeichnend, dass die beiden neuen Firmen vor der Abspaltung jeweils mit Schmähnamen bedacht wurden. Lanxess galt als „Bayers Resterampe“ und Covestro als „Langweiler aus Leverkusen“. Im großen Bayer-Konzern hatte man die Sparten lange Zeit schlicht vernachlässigt, weil der Vorstand sich stärker auf andere Bereiche konzentrierte. Eine solche Ausgangslage, die bei vielen Konzernen gegeben sein dürfte, ist nicht die schlechteste:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Konflikt mit Iran : Trumps gefährliches Hin und Her

          Nachdem es zunächst nach Deeskalation aussah, droht Donald Trump Iran abermals. Eine Strategie im Umgang mit der Islamischen Republik ist nicht erkennbar. Trumps Reaktionen haben aber auch innenpolitische Gründe.
          „Eine Art Ideologie, die zu Gräueln in der Historie unseres Planeten geführt hat“: So beschreibt ein ehemaliger Funktionär die Haltung der IAAF gegenüber der standhaften Caster Semenya.

          FAZ Plus Artikel: Fall Caster Semenya : Startrecht nach Kastration

          Die IAAF hat Caster Semenya nach ihrem Sieg in Berlin 2009 eine Operation nahegelegt zur Aufhebung ihrer Laufsperre. Vier Athletinnen unterzogen sich der Tortur. Ein früherer Funktionär spricht von einem Zwangssystem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.