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Konglomerate außer Mode : Abspaltungen machen Aktionären nicht immer Freude

Das jüngste dieser „Boote“ ist die Gesundheitssparte Heathineers, die Kaeser im März dieses Jahres an die Börse brachte – mit gut 4 Milliarden Euro Erlös der fünftgrößte Börsengang in Deutschland überhaupt. Siemens hält nach wie vor die Aktienmehrheit und profitiert. Denn die Healthineers-Aktie hat seit Börsengang 25 Prozent zugelegt, die Siemens-Aktie immerhin 9 Prozent. Der F.A.Z.-Aktienindex, in dem die wichtigsten 100 deutschen Aktiengesellschaften abgebildet sind, hat seit Healthineers Börsengang 1 Prozent verloren. Kaeser kann sich zumindest kurzfristig bestätigt fühlen.

Auch die Turbulenzen Thyssen-Krupps sind Wasser auf Kaesers Mühlen. Dort suchten innerhalb weniger Tage erst der Vorstandsvorsitzende und dann der Aufsichtsratschef das Weite. Für die meisten Beobachter liegt nahe: Die beiden haben kapituliert vor Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften, die landläufig „Heuschrecke“ genannt werden, weil sie darauf dringen, kurzfristig den Wert eines Unternehmens zu steigern. Für Thyssen-Krupp könnten diese Aktionäre die Zerschlagung in mehrere Teile durchsetzen. Analysten spielten zumindest auch am Montag das Szenario durch, dass die Perle Thyssen-Krupps, die Aufzugsparte, an den finnischen Konkurrenten Kone verkauft werden könnte. Kones Aktienkurs ist in den vergangenen zehn Jahren um 200 Prozent geklettert, der von Thyssen-Krupp um 40 Prozent gefallen. Am Montag war die Thyssen-Aktie auch wegen der Aufspaltungsphantasie mit plus 3,8 Prozent Tagessieger im Dax.

Metro als warnendes Beispiel

Ein Blick auf die langfristige Börsenwertentwicklung von Aufspaltungen liefert allerdings kein rein positives Bild. Der von Siemens unter dem Namen Epcos abgespaltene Hersteller elektronischer Bauelemente sowie die Halbleitersparte Infineon nutzten 1999 und 2000 mit ihren Börsengängen die kurze Aktieneuphorie des Neuen Marktes. Während Epcos längst nicht mehr an der Börse (heute TDK-Gruppe) ist, hat Infineon, obwohl durchgängig im Dax, seinen Aktionären der ersten Stunde – Stand heute – 64 Prozent Wertverlust eingebrockt. Auch die 2013 abgespaltene Lichtsparte Osram hat im M-Dax spätestens in diesem Jahr an Glanz verloren.

Deutlich erfolgreicher waren an der Börse die Abspaltungen des Pharmakonzerns Bayer. Lanxess und Covestro entwickelten sich mit plus 284 und plus 203 Prozent viel besser als der FAZ-Index (siehe Graphik). Herausragend gut ist auch die als „Eons Resterampe“ verschriene Abspaltung Uniper mit ihrer Wertentwicklung von 141 Prozent. Dagegen ist die von RWE als „Ökostromhersteller“ verkaufte Innoggy-Aktie eine Enttäuschung. Diese wird nur noch überboten durch Metro und die erst seit Februar börsennotierte Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft DWS. Seit der Aufspaltung in Metro AG (Lebensmittel) und Ceconomy (Konsumelektronik) vor einem guten Jahr erlitten die Aktionäre Verluste von 43 und 28 Prozent.

Diese gemischte Bilanz kann eine Warnung sein an diejenigen, die glauben, Auf- und Abspaltungen von Unternehmen seien immer gut für die Aktienkurse. Hinzu kommt: Es ist schwierig, die Börsianer mit dieser Strategie restlos zufriedenzustellen, wie das Beispiel Continental zeigt. Als der Automobilzulieferer im Februar erste Abspaltungsphantasien weckte, kletterte die Conti-Aktie zügig auf Rekordkurse von gut 250 Euro. Seither ist sie fast nur gefallen und dümpelt unter 200 Euro. Am Montag zeigten sich Analysten unzufrieden darüber, dass Conti nur die Antriebssparte und nicht auch die Reifensparte abspaltet.

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