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Angst an den Börsen : Kommt die „Gewinnrezession“?

  • -Aktualisiert am

Händler Tommy Kalikas blickt gebannt auf einen der vielen Bildschirme an der New Yorker Börse Bild: AP

Analysten rechnen mit einem Rückgang der Unternehmensgewinne in mindestens zwei Quartalen – dann wäre von einer Rezession die Rede. Ein besonderer Fokus liegt auf den Technologiewerten.

          Börsianer an der Wall Street sorgen sich trotz einer kräftigen Kurserholung in diesem Jahr um die anhaltend rückläufigen Prognosen für Unternehmensgewinne in den kommenden Quartalen. Michael Wilson, der bei der Investmentbank Morgan Stanley die Strategie für den amerikanischen Aktienmarkt verantwortet, erwartet in diesem Jahr einen Rückgang der Unternehmensgewinne in mindestens zwei Quartalen in Folge – eine sogenannte „Gewinnrezession“.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Wilson kalkuliert schon länger mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent für rückläufige Gewinne. „Als wir diese Prognose gemacht haben, sind wir davon ausgegangen, dass es etwas länger dauern würde, bis es ausreichende Belege dafür gibt“, sagt Wilson. Viele Unternehmen hätten während der jetzt zu Ende gehenden Bilanzsaison für das vierte Quartal ihre Prognosen aber nach unten revidiert. Eine Gewinnrezession werde jetzt „deutlicher“, meint Wilson, der dem amerikanischen Aktienindex S&P 500 bis zum Ende des Jahres kein weiteres Kurspotential unterstellt.

          Unternehmensgewinne sind für den längerfristigen Trend der Aktienkurse entscheidend, da Aktien Anteile an den Gesellschaften verbriefen. Trotz der starken Kurserholung im Januar – es war der beste Jahresauftakt für den S&P 500 seit drei Jahrzehnten – hatten Analysten seit geraumer Zeit ein im Vergleich zum Vorjahr deutlich nachlassendes Gewinnwachstum prognostiziert. Jetzt erwarten die Auguren nach Angaben des Informationsdienstes Factset aber erstmals einen rückläufigen Trend. Für das erste Quartal liegen die Gewinnprognosen für die im S&P 500 abgebildeten Unternehmen bei minus 1,7 Prozent. Ende Dezember, also vor Beginn der jüngsten Bilanzsaison, hatten Analysten noch mit einem leichten Plus von 1,4 Prozent gerechnet. Für das zweite Quartal erwarten Analysten nur noch ein Gewinnwachstum von 1,2 Prozent. Auch hier ist die Tendenz fallend.

          Gedämpfte Erwartungen in Technologiewerte

          Viele börsennotierte Unternehmen nutzen die vierteljährliche Präsentation ihrer Geschäftszahlen, um einen Ausblick auf das laufende Quartal zu geben. Häufig genannte Gründe für die rückläufigen Prognosen waren steigende Kosten, die globalen Handelskonflikte und das nachlassende Wachstum der Weltwirtschaft, insbesondere in China. Dazu sehen die Zahlen im Vergleich zum Vorjahr besonders schlecht aus, da Unternehmen im Jahr 2018 stark von niedrigeren Steuern und einem kräftigen Wirtschaftsaufschwung in den Vereinigten Staaten profitiert hatten. Für das Jahr 2018 gehen die Analysten daher von einem überdurchschnittlich starken Gewinnwachstum um 20 Prozent aus. Für das Jahr 2019 erwarten die Wall-Street-Propheten dagegen im Durchschnitt nur noch ein Plus von 5 Prozent – fast 3 Prozentpunkte weniger als noch vor sechs Wochen.

          Jonathan Golub, amerikanischer Aktienstratege der Schweizer Bank Credit Suisse, hält die Sorgen wegen des rückläufigen Gewinnwachstums allerdings für übertrieben. „Die Frage ist nicht, wie schlecht das erste oder zweite Quartal 2019 ist“, sagte er. Anleger sollten sich vielmehr fragen, warum die Gewinne im Vorjahr so stark gestiegen waren und wie man im Vergleich zu diesen „irrwitzigen“ Vergleichen gut aussehen könne. „Ich glaube, es ist alles in Ordnung, und der Markt durchschaut diesen Rückgang der Unternehmensgewinne.“

          Besonders stark gefallen sind die Erwartungen für die Technologiewerte, deren Aktienkurse sich nach den heftigen Kursverlusten Ende des vergangenen Jahres zuletzt wieder stark erholt hatten. Der Elektronikkonzern Apple hatte aufgrund der schwächelnden Nachfrage nach neuen iPhones in China seine Umsatzprognose für das erste Quartal auf 55 Milliarden bis 59 Milliarden Dollar reduziert. Damit lagen die eigenen Prognosen des Unternehmens unter den durchschnittlichen Prognosen der Analysten, die einen Umsatz von mindestens 59 Milliarden Dollar erwartet hatten.

          Top-Favorit Facebook

          Seit Ende des Jahres haben Analysten ihre Erwartungen für das erste Quartal von Apple um fast ein Fünftel reduziert. Auch der große Online-Händler Amazon hatte trotz eines neuerlichen Rekordgewinns an der Wall Street für Enttäuschung gesorgt, nachdem die Umsatzprognose für das erste Quartal schwächer ausgefallen war als erwartet. Ein Lichtblick waren indes die überraschend gut ausgefallenden Quartalsergebnisse des sozialen Netzwerks Facebook, die den allgemeinen Appetit von Investoren auf Tech-Werte vergrößert hatten. Analysten rechnen für die Technologiewerte im S&P 500 im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr mit einem Gewinnrückgang um knapp 10 Prozent – ein Rückgang um mehr als 7 Prozentpunkte im Vergleich zu den Erwartungen zum Ende des vierten Quartals.

          Dennoch haben sich die Aktienkurse der Technolgiewerte an den amerikanischen Börsen weiter behauptet. Der technologielastige Composite-Index der elektronischen Börse Nasdaq liegt in diesem Jahr um mehr als 12 Prozent im Plus – mehr als 2 Prozentpunkte höher als der breiter gefasste S&P 500. Die Kurse von Apple und Amazon notieren ebenfalls mit deutlichen Aufschlägen, haben sich im Vergleich zum S&P 500 aber etwas unterdurchschnittlich entwickelt. Einer der Top-Favoriten der Börsianer aus der Tech-Branche ist Facebook mit einem Plus von 25 Prozent seit Jahresanfang.

          Technologiewerte spielen für den allgemeinen Trend der Wall Street insgesamt eine große Rolle, weil sie gemessen am Börsenwert das größte Gewicht im S&P 500 haben. Auf diese Titel entfällt allein ein Fünftel der gesamten Marktkapitalisierung der amerikanischen Börsen, gefolgt von Gesundheitswerten (15 Prozent) und Finanztiteln (14 Prozent). In den vergangenen Jahren hatten die Tech-Werte die Führungsrolle der seit fast zehn Jahre währenden Hausse inne.

          Beflügelt wurden die Kurse an der Wall Street auch von der amerikanischen Notenbank Fed, die kürzlich eine Abkehr von der straffen Geldpolitik signalisierte.

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