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Kommentar zum Börsenjahr : Die Börse belohnt 2019 die Mutigen

Nur Mut für 2019 – das raten vermutlich auch die Chefs der Deutschen Börse AG, die 2018 30 Jahre Dax feierten. Bild: dpa

Vorsichtige Anleger warten noch, die Mutigen kaufen jetzt Aktien. Schließlich sind die Kurse nach einem schwierigen Jahr billig. 2019 könnte positiv überraschen.

          Das Jahr 2018 war an der Börse ein in jeder Hinsicht ungewöhnliches Jahr und 2019 könnte genauso überraschen. Niemand hätte erwartet, dass die Aktienmärkte so stark einbrechen. Auch wir in der Sonntagszeitung nicht. Erstmals seit 2011 schließt der Dax mit Verlusten ab: Minus 18 Prozent, so schlimm war es nie seit der Finanzkrise 2008.

          Auch einige vermeintliche Gewissheiten müssen wir nun über Bord werfen. Politische Börsen haben kurze Beine, hieß es immer, also wenig nachhaltigen Einfluss auf die Kurse. 2018 beweist das Gegenteil. Das Jahr war geprägt durch den Trumpschen Handelskrieg, das Brexit-Gewürge, italienische Störmanöver der neuen populistischen Regierung und in Deutschland die endlose Diesel-Debatte.

          Keine Jahresendrally

          Auch die schöne Gewohnheit, dass im November und Dezember die Aktienkurse zu einer Jahresendrally starten und selbst bis dahin traurige Börsenjahre noch erfolgreich enden, vermissten Anleger 2018. Im Gegenteil: In den letzten Wochen des Jahres beschleunigten die Kurse ihre Talfahrt. Das hat die Welt lange nicht gesehen.

          Und schließlich: Auch wer 2018 das Geld breit streute in Aktien, Anleihen und Rohstoffe, konnte nicht verhindern, dass der Wert des Depots tiefer und tiefer sank. Eigentlich soll ein guter Mix das Schlimmste verhindern, doch auch Staatsanleihen und Gold legten 2018 nur minimal zu, Öl und Unternehmensanleihen verloren sogar und konnten so das Debakel der Aktien nicht kompensieren. Auch innerhalb der Aktien gab es unter den wichtigen Börsen keine, welche die Verluste von Dax und Dow Jones ausglichen.

          Mit Vorsicht genießen

          Eine Gewissheit aber bleibt: Prognosen zu den Aussichten der Börsen und der Konjunktur sind mit Vorsicht zu genießen. Niemand sagte den Kurseinbruch voraus. Die Profis, Fondsmanager und Anlagestrategen, bestätigten ihren zweifelhaften Ruf, zu fast jeder Zeit fürs nächste Jahr steigende Kurse vorherzusagen. Das ist schließlich gut fürs Geschäft. Aber auch wir, die Medien insgesamt, rechneten nicht mit so einem starken Einbruch.

          Daher sollte man genau hinsehen, wenn die Banken jetzt für 2019 ein Ende der aktuellen Aktienkorrektur und wieder steigende Kurse erwarten, wenn Volkswirte zwar mit einer Eintrübung der Konjunktur rechnen, aber nicht mit einer Rezession. Volkswirte haben noch nie das Wirtschaftswachstum richtig vorhergesagt, allenfalls die Richtung treffen sie häufiger. Aber vielleicht ist mehr Prognosekraft auch zu viel verlangt.

          Positive Überraschung?

          Es ist unbestritten: Der zehnjährige Aktienaufschwung, der 2009 in der Finanzkrise begann, nähert sich dem Ende. Rekordzahlen bei Börsengängen und Übernahmen sind ein typischer Indikator dafür. Trotzdem könnte 2019 die Börse überraschen, diesmal positiv. Denn derzeit ist die Stimmung an den Märkten sehr schlecht, die Kurse schon sehr tief gefallen. Zugrunde liegt ein wirtschaftliches Szenario, das übertrieben pessimistisch sein könnte.

          Gewiss, die Wirtschaft wird sich voraussichtlich im kommenden Jahr eintrüben, wenn Donald Trump den Handelskrieg noch lange weiterführt und wenn Großbritannien Ende März ohne Abkommen die EU verlässt. Aber das muss nicht in der Rezession enden. Und vor allem: Trump will wie immer einen Deal und wenn, dann gibt es ihn im kommenden Jahr. Das würde die Börsen beflügeln.

          Billige Kurse für die Mutigen

          Auch könnte sich zeigen, dass die Notenbanken kein Problem für einen weiteren Aufschwung darstellen. Die amerikanische Fed wird die Zinsen vermutlich weniger als geplant anheben, die EZB gar nicht. Auch das hilft den Kursen an den Börsen. In Deutschland könnten Sonderthemen wie die Dieselprobleme der Autohersteller in den Hintergrund treten.

          So könnten sich einige wundern, dass die Aktienmärkte 2019 irgendwann wieder ins Plus drehen. Für Anleger heißt das: Vorsichtige warten noch ein bisschen, Mutige kaufen jetzt Aktien, die Kurse sind ziemlich billig. Vielleicht besinnt sich sogar die Politik und mäßigt sich endlich beim Geldausgeben, weil die Steuereinnahmen nicht mehr so üppig sprudeln werden.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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