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Keine Vorverurteilung : Wirecard bleibt im Dax

Auch nach dem Insolvenzantrag von Wirecard bleibt der Zahlungsdienstleister im deutschen Aktienindex Dax. Bild: AFP

Auch nach dem Insolvenzantrag erfüllt der Zahlungsdienstleister alle Bedingungen, um dem deutschen Aktienleitindex weiterhin anzugehören. Die Börse prüft rein formale Kriterien. In eine Bilanz schaut sie nicht.

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          Die Deutsche Börse sieht keinen Anlass, den Arbeitskreis Aktienindizes außerplanmäßig tagen zu lassen. Wirecard erfüllt auch nach dem Insolvenzantrag alle Bedingungen, um dem deutschen Aktienleitindex Dax weiterhin anzugehören. Hintergrund der Regelung ist, dass keine Vorverurteilung von Unternehmen stattfinden soll. Schließlich kann ein Unternehmen aus einer Insolvenz auch gestärkt hervorgehen oder zumindest weiter existieren.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die sofortige Herausnahme aus dem Dax würde nur erfolgen, wenn „die Insolvenz mangels Masse abgewiesen wird“ oder ein Unternehmen sich „in Abwicklung“ befindet, heißt es in Punkt 5.1.1. des Leitfadens zu den Aktienindizes der Deutschen Börse.

          Dass ein Vorstandsvorsitzender wenige Tage nach seinem Rücktritt verhaftet wird, spielt für die Index-Zugehörigkeit keine Rolle. Die Börse prüft rein formale Kriterien. In eine Bilanz schaut sie nicht. Sie ist keine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Zu den formalen Kriterien gehört die regelmäßige Vorlage von Geschäftsberichten. Dagegen verstößt Wirecard seit der mehrfach vertagten Vorlage der Bilanz für 2019. Doch die Börsenregeln sind hier milde. Erst „wenn ein Emittent wiederholt, also über mehrere Jahre, seine Jahresabschlüsse nicht vorlegt, kann ein Ausschluss aus dem Prime Standard erfolgen.“ Die Mitgliedschaft im Prime Standard, dem am strengsten regulierten Segment der Börse, ist die Bedingung für eine Aufnahme in den Dax.

          Keine vergleichbaren Fälle

          Die Börse sagt nun selbst, Indexregeln könnten auch „weiterentwickelt“ werden, wenn es sinnvoll erscheint. Doch dazu bedürfe es zunächst der Konsultation der Marktteilnehmer, ein Verfahren, dass üblicherweise mehrere Monate in Anspruch nimmt.

          Die Dax-ETF-Besitzer werden also wohl noch ein paar Wochen an Wirecard beteiligt bleiben. Die quartalsweise Überprüfung der Dax-Zusammensetzung fand gerade Anfang Juni statt: Die Lufthansa wurde durch die Deutsche Wohnen ersetzt. Der nächste Termin ist der 3. September. Dann droht Wirecard wegen des rasanten Kursverfalls die Herausnahme aus allen Indizes. Der aktuelle Börsenwert von rund 300 Millionen Euro könnte selbst für den S-Dax nicht mehr reichen.

          Vergleichbare Fälle gab es im Dax noch nicht. Die Metallgesellschaft geriet 1993/1994 zwar in eine schwere Krise, konnte die Insolvenz aber vermeiden und musste 1996 der Telekom im Dax Platz machen. Die Deutsche Babcock 2002 und Karstadt-Quelle (später Arcandor) 2009 gingen zwar in die Insolvenz, waren aus dem Dax aber schon Jahre zuvor ausgeschieden.

          In der Finanzkrise hatten die Banken größere Schwierigkeiten. Der Dax-Wert Hypo Real Estate wurde im Dezember 2008 aus dem Index genommen. Die Commerzbank folgte knapp zehn Jahre später und musste im September 2018 dem neuen Stern am deutschen Finanzhimmel Platz machen: Wirecard. Der Börsenwert war vor knapp zwei Jahren auf 24Milliarden Euro in die Höhe geschnellt, heute sind es 98 Prozent weniger. Kleiner Trost für Dax-ETF-Besitzer: Der Wirecard-Anteil am Index hat sich auf 0,03 Prozent marginalisiert. Ihnen kann von jetzt an quasi egal sein, was passiert.

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