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Aktienmärkte : Kehrtwende könnte von kurzer Dauer sein

Die New Yorker Börse in der Wall Street Bild: AFP

Kaum entspannt sich der Handelskonflikt nur ein bisschen, schon herrscht an den Börsen Kaufstimmung. Doch das scheinbare Einlenken wird wohl nur ein Zwischenspiel sein.

          Der Machtkampf zwischen China und den Vereinigten Staaten um die Dominanz in der Weltpolitik, auch als Handelskonflikt paraphrasiert, sorgt an der Börse zumindest für eines: Bewegung.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Frei nach dem Motto: Einmal Tal der Tränen und zurück, ging es am Dienstag an den europäischen Börsen bis zur Eröffnung der Wall Street bergab. Dann drehte der Markt abrupt.

          Denn was Präsident Trump so twittert, ist das eine, was die amerikanische Regierung so tut, das andere. Geschenkartikel wie iPhones, Turnschuhe oder auch manche Kleidungsstücke sollen bis zum 15. Dezember von den angekündigten Sonderzöllen auf chinesische Güter in Höhe von 10 Prozent ausgeschlossen bleiben,  teilte die Regierung mit. Eigentlich sollten die neuen Zölle ab September greifen.

          F.A.Z.-Index

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          Für Anleger an der Wall Street ein Grund, Aktien zu kaufen. Der S&P-500-Index legte am Ende knapp 1,5 Prozent auf 2926 Zähler zu. Und der F.A.Z.-Index gewann 0,5 Prozent auf 2161 Punkte hinzu, der Dax noch etwas mehr auf 11.750 Punkte. Plötzlich war der ZEW-Index der Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten, der auf den tiefsten Stand seit Dezember 2011 gefallen war, nicht mehr so wichtig. Das ist ein wenig das Schicksal des Index': Wenn er ins Stimmungsbild passt und es keine andere Erklärung gibt, muss er als Begründung herhalten. Wenn er nicht passt, heißt es, er sei nicht so wichtig.

          Die Maßnahme der Trump-Regierung ist durchsichtig: es geht um und das Weihnachtsgeschäft und den Wahlkampf. Da kann man keine steigenden Preise oder gar Warenmangel gebrauchen. Was wiederum zwei Schlüsse zulässt: Zum einen wissen die sogenannten „Populisten“ genau, was sie anrichten und zum anderen ist es ihnen für ihre Ziele egal. Es geht um eine vage „Größe der Nation“, wer immer davon auch konkret profitiert und gewiss nicht um das Wohlergehen des Einzelnen, schon gar nicht des sogenannten „kleinen Mannes“. Es ist also fast eher ein Zeichen, dass man den Konflikt weiter eskalieren will als ihn beilegen. Man braucht dafür aber eben erst einmal Ruhe zuhause.

          Zölle treiben Preise

          Die Bewegung im Zollstreit drängte nämlich auch  ernüchternde Daten zur amerikanischen Teuerung in den Hintergrund. Die Kerninflationsrate, also unter Ausschluss der Energie- und Nahrungsmittelpreise, stieg auf 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, deutlich stärker als erwartet. Es sei klar, dass die Zölle begönnen, die Güterpreise nach oben zu treiben, schreibt Sarah House, leitende Volkswirtin bei der Bank Wells Fargo. Für die Börse heißt dies, dass sich die Wahrscheinlichkeit deutlicher Zinssenkungen durch die Notenbank verringert.

          Die Börse gibt sich beides, realistisch und hoffnungsvoll. Eine rasche Beilegung des Handelskonflikt sei zwar weiterhin nicht zu erwarten, sagte etwa Tom Plumb, Chef-Anleger des Vermögensverwalters Plumb Funds. "Aber es könnte der Auftakt zu kleinen Konzessionen auf beiden Seiten sein." Positiv sei außerdem, dass beide Seiten ihre Verhandlungen fortsetzen wollten, sagte Art Hogan, Chef-Anlagestratege des Vermögensverwalters National Securities. "Es bestand das Risiko, dass China als Reaktion auf die jüngste Eskalation des Zollstreits nicht an den Verhandlungstisch zurückkehren würde." Allerdings wird es mit einem Handelsabkommen kaum getan sein, da es darum letztlich eben nicht geht, sondern um Vorherrschaft.

          Für den deutschen Aktienmarkt wird am Mittwoch mit Kursgewinnen gerechnet. Zumindest bis an anderer Stelle wieder Sorgen aufflammen. Möglichkeiten dafür gibt es genug. Trump dürfte das erzwungene Einlenken schwer gefallen sein, möglich also, dass ein Tweet wieder alles ändert. Aber auch vom Brexit und aus Italien könnte Störfeuer kommen, nicht zuletzt jedoch aus Hongkong, wo sich die Lage rings um die Proteste weiter verschärfen könnte.

          Und nicht zuletzt ist da die immer deutlicher werdende Eintrübung der Konjunktur in Deutschland. mag man den ZEW-Index auch nicht überbewerten wollen: Die Handelskonflikte und die schwächere Weltkonjunktur haben die exportabhängige deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal schrumpfen lassen. Das Bruttoinlandsprodukt fiel von April bis Juni um 0,1 Prozent zum Vorquartal, teilte das Statistische Bundesamt mit. Sollte die Wirtschaft im laufenden Sommerquartal abermals schrumpfen, gilt dies technisch schon als Rezession. Zwei Minus-Quartale in Folge gab es zuletzt um den Jahreswechsel 2012/13.

          Die Gefahr einer Rezession beziffert das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) derzeit auf 43 Prozent. "Deutschlands Konjunktur steht auf der Kippe", sagte der wissenschaftliche Direktor Sebastian Dullien. "Die deutsche Wirtschaft kommt seit einem Jahr nur noch im Kriechgang vorwärts", sagte der Deutschland-Chefvolkswirt der Unicredit, Andreas Rees.

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