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Kaufstreiks : Boykotte, wohin das Auge blickt

Sportschuh von Nike Bild: AFP

Jedem, der in Amerika linkem oder rechtem Volksempfinden zuwiderläuft, droht der Kaufboykott. Ob Schnellrestaurants, Sportartikel- oder Lebensmittelkonzerne, keiner wird verschont.

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          Vor wenigen Tagen nutzte der weiße Pfarrer Mack Morris in Mobile, Alabama, den Gottesdienst, um öffentlichkeitswirksam ein Stirnband und ein Schweißband der Firma Nike zu durchschneiden. Er werde nie wieder Laufschuhe von Nike kaufen, verkündigte der der Pfarrer den Kirchgängern. Denn Nike werbe mit dem Footballspieler Colin Kaepernick, der sich geweigert habe, während des Abspielens der amerikanischen Nationalhymne zu stehen. Toleranz sei überbewertet, sagte Pfarrer Morris.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Kaepernick, der ehemalige Quarterback aus San Francisco, wollte mit seiner Geste gegen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen protestieren. Er hatte sich nach Gesprächen mit Veteranen entschlossen, zur Hymne zu knien, statt einfach sitzen zu bleiben. Seit Kaepernick Nikes Werbegesicht ist, gehen Bilder brennender Nike-Schuhe auf den sozialen Netzwerken viral. Präsident Donald Trump tweetete begleitend, „Nike wird total vernichtet durch Ärger und Boykotts. Ich frage mich, ob sie im Traum gedacht haben, dass es so werden würde.“

          Trump, der boykottierte Boykotteur

          Trump selbst hat Erfahrungen mit Boykotts. Er hat seine Anhänger aufgerufen, Nordstrom zu meiden, als die Textilhaus-Kette Ivanka Trumps Modellinie aus dem Sortiment gekickt hatte. Seine Anhänger haben gefordert, Budweiser-Bier zu boykottieren, nachdem der Braukonzern in seiner Reklame zur besten Sendezeit im Superbowl-Finale über die große Leistung von Einwanderern beim Aufbau der Vereinigten Staaten reflektierte.

          Die Familie Trump ist allerdings auch Gegenstand einer ganzen Reihe von Boykottaufrufen. Eine Marketing-Strategin aus San Francisco hat eine Organisation und eine Kampagne gleichen Namens gegründet. Sie heißt „Grab-your-wallet“ (Schnapp Deine Geldbörse) und orientiert sich im Namen am ominösen „Grab-the-pussy“-Zitat Trumps.

          Die Kampagne zielt auf alle Trump-Unternehmen und auf alle  Unternehmen, die Trump-Produkte im Sortiment haben. Erst, als einige Modefirmen Ivanka Trumps-Produkte ausgelistet hatten, wurden sie von der 70 Namen umfassenden Boykott-Liste entfernt. Dazu kommen Firmen, die Trump unterstützten wie die Brauerei Yuengling und die Bau-und Bastelmarkt-Kette Hobby Lobby.

          Schwule, Waffen, Republikaner

          Damit noch nicht genug. Amerikas Linke rufen auf zum Boykott von Breitbart News, dem Sender Infowars oder der Fastfood-Kette Chic-fil-A auf. Deren Gründer hat Organisationen Geld gegeben, die die Schwulenehe ablehnen. Der Campingausrüster Bass steht im Visier, weil man dort Waffen kaufen kann. Die in Kalifornien ansässige Kette In-N-out-Burger sollte auf Anregung der Demokratischen Partei boykottiert werden, weil deren Chef der Republikanischen Partei gespendet hatte.

          Die Rechte ist auch nicht müde: Sie attackiert Starbucks, weil das Unternehmen versprochen hat, 10.000 Flüchtlinge einzustellen. Alternativer Grund: Die Kaffeekette hat ein sympathisches lesbisches Paar in ihrer Werbung gezeigt. Joghurt-Hersteller Chobani wird aufs Korn genommen, weil er den im rechtsradikalen Milieu beliebten TV-Kommentator Alex Jones verklagt hat. Der Sänger Willy Nelson muss mit Boykott-Aufrufen leben, seitdem er den texanischen Politiker Beto O’Rourke, einen Demokraten, mit einem Konzert unterstützt hat.

          #BoycottBöseFirma

          Es ist schwer zu sagen, ob die Zahl der Boykottaufrufe zugenommen hat, oder ob früher lokale Boykott-Kampagnen dank der sozialen Medien heute viel schneller Verbreitung finden. Zwischen 1990 und 2007 berichteten Amerikas größte Zeitungen über 213 Firmenboykotte, in der vergleichsweise kurzen Trump-Ära hat allein Grab-your-wallet schon 70 Kampagnen losgetreten, notiert Timothy Werner, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Austin Texas.

          Es ist auf jeden Fall viel weniger anstrengend als früher, eine Boykott-Kampagne zu starten über Twitter und verwandte Medien. „#BoycottBöseFirma“ – fertig ist das politische Engagement.  

          Werner glaubt, dass wegen der Fülle der Boykottaufrufe deren Wirkung deutlich nachlässt. Nicht umsonst erging über Twitter jüngst die Aufforderung, man möge Boykotte boykottieren. Noch eine Tatsache mildert den Effekt: Die Boykotteure sind oft gar keine Kunden der attackierten Firma. Radikale Tierschützer und Veganer essen eben nicht in der Hamburger-Braterei, weshalb ihr Fernbleiben dort nicht weiter auffällt.

          NIKE

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          Die Textilhauskette Nordstrom hat die Auslistung der Ivanka-Trump-Produkte und den damit verbundenen Boykott gut verwunden, wie ihr deutlich verbesserter Aktienkurs zeigt. Bei Nike haben die Boykottaufrufe sogar eine Gegenreaktion provoziert, wird nun spekuliert. Als die Firma ihre kontroverse Kampagne präsentierte, gab der Aktienkurs nach.

          Doch am Donnerstag vergangener Woche erklomm sie ihre Allzeithoch nach Berichten, dass die Firma deutlich mehr Schuhe und Mode abgesetzt habe. Um sechs Milliarden Dollar sei Nikes Börsenwert seit dem Beginn der Kampagne gestiegen.  

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