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Kaufgelegenheit? : Handelsstreit lässt Aktienkurse fallen

  • -Aktualisiert am

Unsicherheit an der New Yorker Börse: Macht Trump seine Drohung wahr? Bild: AFP

Die höheren Zölle, die Amerikas Präsident Trump gegen China angedroht hat, drücken auch am Dienstag die Aktienkurse. Optimisten sehen in den Rückschlägen allerdings eine günstige Kaufgelegenheit.

          Analysten an der Wall Street mahnen nach der Eskalation im Handelstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China angesichts zunehmender Kursschwankungen an den Aktienmärkten zur Vorsicht. Der amerikanische Präsident Donald Trump hatte am Sonntag in einem abrupten Kurswechsel den Druck auf China erhöht. Trump hatte per Twitter angekündigt, ab diesem Freitag die Importzölle für bestimmte chinesische Waren von 10 auf 25 Prozent zu erhöhen. Er warf China vor, die Handelsgespräche zu verschleppen und bestimmte Punkte neu verhandeln zu wollen.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die Aktienkurse an der Wall Street reagieren am Dienstag abermals mit deutlichen Kursverlusten. Aktuell liegen der Dow Jones und der S&P-500-Index rund anderthalb Prozent im Minus. Schon am Montag waren die Kurse stark gefallen, hatten einen Teil der Abschläge im weiteren Handelsverlauf aber wieder wettgemacht. Besonders betroffen waren die Aktienkurse global tätiger Konzerne wie der des Flugzeugherstellers Boeing und des Baumaschinenherstellers Caterpillar, die stark vom Weltwirtschaftswachstum abhängen. Auch die Kurse von Halbleiterherstellern gerieten überdurchschnittlich stark unter Druck.

          Auch am deutschen Aktienmarkt fielen die Kurse. Der mit 100 Werten den Aktienmarkt in seiner Breite abbildende F.A.Z.-Index fiel am Dienstag um 1,5 Prozent auf 2325 Punkte. Auch der Ölpreis kam unter Druck. der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent fiel auf 70,07 Dollar. Das waren 1,17 Dollar weniger als am Montag. Der Preis für ein Barrel der Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel um 1,04 Dollar auf 61,20 Dollar.

          „Die sofortige Marktreaktion deutet darauf hin, dass Investoren von der jüngsten Eskalation des Handelskriegs völlig überrascht wurden. Die Märkte könnten bis zum Erreichen eines Handelsabkommens vor einer holprigen Phase stehen“, meinen Analysten der Bank of America. An der Wall Street wurde bis zuletzt ein erfolgreicher Abschluss der Handelsgespräche unterstellt – einer der wichtigsten Gründe für die kräftige Kurserholung in diesem Jahr. Der S&P 500 liegt trotz der Rückschläge noch immer 16 Prozent im Plus. Die Bedeutung der Handelsgespräche ist nach Einschätzung der meisten Analysten nach wie vor hoch, weil sich ein Scheitern negativ auf die globale Konjunkturentwicklung auswirken würde.

          Analysten beurteilen die Wahrscheinlichkeit neuerlicher Strafzölle und eines Abbruchs der Gespräche allerdings unterschiedlich. Fachleute der Schweizer Bank UBS halten Trumps Twitter-Meldungen vor allem für ein verhandlungstaktisches Manöver. „Der Zeitpunkt der Drohung deutet darauf hin, dass es eine Taktik ist, um vor den Abschlussverhandlungen den Druck zu erhöhen“, hieß es in einem Bericht der UBS. Analyst Ed Mills vom Wertpapierhaus Raymond James fürchtet allerdings, dass es sich nicht nur um einen Bluff von Trump handelt. „Es scheint die Überzeugung vorzuherrschen, dass es sich nicht nur um ein Druckmittel in den Verhandlungen handelt, sondern dass die in der vergangenen Woche schon kurz vor einem Abkommen stehenden Gespräche in den vergangenen Tagen entgleist sind“, schrieb Mills mit Bezug auf in die Verhandlungen involvierte Personen. Trump hatte noch am vergangenen Freitag erklärt, die Handelsgespräche gingen „ziemlich gut“ voran.

          Nach der Einschätzung von Analysten der Investmentbank Goldman Sachs sind mit der Drohung die Chancen auf eine Einigung gesunken. „Wir glauben aber, dass die Erhöhung der Zölle am Freitag knapp vermieden wird“, hieß es in einem Bericht. Goldman beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass die Drohung von Trump am Freitag wahrgemacht wird, allerdings auf 40 Prozent.

          Kaufgelegenheit?

          Vorausgesetzt, Amerika und China einigen sich letztlich auf ein Handelsabkommen, halten einige Marktstrategen Kursrückschläge für eine Gelegenheit, Aktien günstig zu erwerben. „Sollten durch Twitter-Meldungen ausgelöste Schwankungen durch die Märkte wabern und die Aktienkurse unter Druck bringen, empfehlen wir Anlegern, ihren Einkaufszettel für Aktien zu konsultieren, deren Kurse während des jüngsten Kursaufschwungs stark gestiegen sind“, hieß es vom Wertpapierhaus Oppenheimer. Auch Thomas Lee, Mitbegründer der Analysegesellschaft Fundstrat Global Advisors, hält fallende Kurse für eine Kaufgelegenheit. Lee geht davon aus, das die Notenbank bei einem andauernden Handelskonflikt weiterhin von potentiellen Leitzinserhöhungen absehen wird. Die Fed hatte im Januar eine Abkehr von ihrer straffen Geldpolitik signalisiert und angesichts eines schwächeren Wachstums in China und Europa für „Geduld“ plädiert. Im Dezember hatte der Fed-Vorsitzende Jerome Powell noch zwei Leitzinserhöhungen für 2019 avisiert, was zu großer Verunsicherung und Rückschlägen an den Aktienmärkten geführt hatte.

          Analyst Lee glaubt zudem, dass viele Investoren den Kursaufschwung in diesem Jahr verpasst haben und bei kurzzeitigen Rückschlägen einsteigen und damit die Kurse wieder in die Höhe treiben könnten. „Privatanleger haben 2019 bisher Aktien verkauft und dafür Anleihen gekauft“, sagt Lee. Auch Hedgefonds seien bislang vergleichsweise schwach auf dem Aktienmarkt engagiert. „Wir glauben, dass dieses trockene Pulver eine wichtige Triebfeder sein wird.“

          Vorsichtigere Strategen raten angesichts der latenten Unwägbarkeiten allerdings zu defensiven Anlagen – zu Aktien, die in den vergangenen Monaten zu den Schlusslichtern des von Technologiewerten und anderen zyklischen, also konjunktursensiblen Segmenten getriebenen allgemeinen Kursaufschwungs gehörten. „Wir kaufen heute defensive Werte, insbesondere nicht-zyklische Konsumwerte und Versorger“, teilten die Marktstrategen der Royal Bank of Canada mit.

          Die bis zur Eskalation des Handelsstreits positive Stimmung an der Wall Street hatte allerdings die sinkenden Unternehmensgewinne für das erste Quartal überdeckt. Analysten kalkulieren für die im S&P 500 abgebildeten Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr mit einem durchschnittlichen Gewinnrückgang von 2,3 Prozent. Sinkende Unternehmensgewinne gelten als Warnsignal, da der Trend der Unternehmensgewinne den langfristigen Verlauf der Aktienkurse bestimmt. Etwa die Hälfte der S&P-500-Konzerne haben ihre Quartalszahlen schon vorgelegt. Knapp drei Viertel davon haben die im Vorfeld der Bilanzsaison deutlich reduzierten Prognosen übertroffen.

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