https://www.faz.net/-gv6-98zfu

Handelsstreit : Kann China Amerika an der Börse besiegen?

Zentrum der Geldmacht? Die New Yorker Wall Street. Bild: AP

Im Handelskrieg mit Amerika könnte Peking seine Währung abwerten oder Staatsanleihen verkaufen. Vieles spricht aber dagegen – denn China will sich als verlässliche Großmacht präsentieren.

          Diese Meldung der Nachrichtenagentur Bloomberg bewegte zu Wochenbeginn die Finanzmärkte: Im Handelsstreit mit Amerika erwäge die von Regierung und Partei kontrollierte chinesische Zentralbank eine Abwertung der Währung Renminbi, die auch Yuan genannt wird. Prompt gab der Yuan nach und fiel auf den niedrigsten Stand seit zwei Wochen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Bei der Frage, welche „Waffen“ China bei Ausbruch eines Handelskriegs mit Amerika im Arsenal hätte, wird eine Abwertung der Währung immer wieder ins Spiel gebracht. Dasselbe gilt für einen Verkauf von Chinas amerikanischen Staatsanleihen mit einem Wert von 1,17 Billionen Dollar. Ein Verkauf würde die Renditen der Schuldtitel ins Steigen und Amerikas Wohlstand in Gefahr bringen; Amerika müsste Geld zu höheren Zinsen aufnehmen, so der Gedanke dahinter.

          Genau umgekehrte Strategie

          Von Pekings „Nuklearwaffe“ raunen Analysten und Investoren an den Finanzmärkten der Welt in Bezug auf Chinas Staatsanleihen schon lange. Dass das Land jahrzehntelang mit einer gegenüber dem Dollar künstlich niedrig gehaltenen Währung die eigenen Exporte günstiger gemacht und Amerikas Wirtschaft und ihre Arbeitnehmer in vielen Branchen somit „vergewaltigt“ habe, behauptet niemand anderes als der amerikanische Präsident Donald Trump.

          Doch wie wahrscheinlich ist es, dass Peking diese Schritte wagen würde? Unwahrscheinlich, glaubt der Ökonom Arthur Kroeber vom Pekinger Analysehaus Gavekal Dragonomics, und gibt eine politische Begründung: „Wenn Peking irgendeines dieser Dinge tun würde, dann würde es sofort – und zu Recht – verdammt dafür werden, die Regeln des ökonomischen Fairplays zu brechen, indem es wirtschaftliche Geiseln nehme, um einen politischen Gewinn zu erzielen.“ Die Strategie Pekings im Handelskrieg sei aber genau umgekehrt: Chinas Führung versuche, sich gegenüber der Weltgemeinschaft als Verteidiger der auf Regeln basierenden internationalen Wirtschaftsordnung zu inszenieren und sich als Gegenstück zu Trump als rational und verlässlich zu präsentieren. Der neue chinesische Notenbankchef Yi Gang sagte denn auch auf dem asiatischen Wirtschaftsforum im südchinesischen Bo'ao, dass Peking nicht vorhabe, den Yuan abzuwerten.

          Nun entscheidet am Ende in China nicht der Notenbankchef, sondern vor allem der mächtige Parteichef Xi Jinping – auch über die Währungspolitik. Und die Ankündigung der chinesischen Regierung, in einem Konflikt mit Amerika „jeden Preis“ zu zahlen und „bis ans Ende“ zu gehen, spricht nicht die Sprache der Mäßigung und Vernunft. Das Land habe sich „niemals zuvor externem Druck ergeben“, schreibt die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Sind dies nicht nur leere, sondern ernstzunehmende Drohungen, stellt sich weiter die Frage, ob auch aus ökonomischer Sicht ein Verkauf großer Mengen an Staatsanleihen oder eine Abwertung der Währung für Peking sinnvoll sein könnte.

          Während ein schwächerer Yuan die Exporte Chinas auf dem Weltmarkt gegenüber amerikanischen Produkten günstiger machen würde, weisen die meisten Analysten auf die Risiken hin, die China mit einem solchen Schritt eingehen würde. So könnte eine Abwertung Chinas Finanzmarkt destabilisieren wie im Sommer 2015, in dem die Zentralbank in Peking die Welt mit einer kleinen Abwertung geschockt und in Schanghai und Shenzhen die Börsenkurse monatelang auf Talfahrt geschickt hatte, während sie sich im Rest der Welt schnell wieder stabilisierten. Ein schwächerer Yuan könnte die eigene Wirtschaft also stärker gefährden als die amerikanische.

          Weiterhin würde eine Abwertung des Yuan die Bemühungen Pekings zunichtemachen, die Währung als internationale Reserve und als Alternative zum Dollar zu etablieren. Auch bekämen diejenigen chinesischen Unternehmer ein Rückzahlungsproblem, die im Ausland Schulden in Dollar aufgenommen haben, deren Wert im Vergleich zum Yuan plötzlich stark steigen würde.

          Die größte Gefahr stellte aber wohl die Kapitalflucht von Milliardensummen ein, die nach einer Abwertung des Yuans aus China heraus einsetzen würde. Genau aus diesem Grund hat Peking auch im Jahr 2016 begonnen, seine Währung durch Stützungskäufe aufzuwerten, nachdem sie über das Jahr hinweg mit 7 Prozent so stark gefallen war wie in den vorangegangen zwei Dekaden nicht mehr. Um die Milliarden der Reichen, der wohlhabenden Mittelschicht und sogar der ausländischen Investoren im Land zu halten führte die Währungsaufsicht scharfe Kontrollen ein, die erst kürzlich wieder etwas gelockert wurden, nachdem sich der Yuan stabilisiert hat. Nach wie vor haben die chinesischen Exporteure die Erwartung, dass der Wert des Yuans weiter sinken könnte, weshalb sie mit einer Konvertierung ihrer Dollar-Einnahmen noch warten. Zöge Peking in einem Handelskrieg die Abwertungswaffe, fehlte dieses Kapital Chinas Wirtschaft.

          Wertete China den Yuan ab, indem es Dollar aufkaufte, müsste es vermutlich noch mehr amerikanische Staatsanleihen erwerben, was der Abwertungswaffe die Schärfe nähme. Was aber ist von dem Argument zu halten, dass China, sollte es nicht abwerten, immer noch seine amerikanischen Staatsanleihen auf den Markt werfen könnte? Die Einnahmen, die China aus seinem Handelsbilanzüberschuss von 423 Milliarden Dollar im Jahr 2017 erzielt hat, könnte es schließlich auch stärker in europäische oder japanische Titel anlegen. Auf dem Wirtschaftsforum Boao, das seit dem Wochenende auf der chinesischen Tropeninsel Hainan stattfindet, sagte Fan Gang, Mitglied des geldpolitischen Komitees der Zentralbank, China solle weniger amerikanische Staatsanleihen kaufen und in „reale Werte“ investieren.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Allerdings blieb unklar, was der Zentralbankberater damit meinte. Schließlich ist kaum eine Anlage auf der Welt so sicher wie Staatsanleihen aus Amerika. Da verwundert es kaum, dass auf demselben Forum kurz zuvor der Ökonom Yuyan Zhang von der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften gesagt hatte, Peking werde keine Staatsanleihen verkaufen. China werde sich „verantwortungsvoll“ verhalten, hatte Vize-Finanzminister Zhu Guangyao in der vergangenen Woche auf dem vorläufigen Höhepunkt des Handelsstreits gesagt, was einer Absage an einen Verkauf gleichkommt. Ministerpräsident Li Keqiang hatte sich nach dem Nationalen Volkskongress im März genauso geäußert.

          Das stärkste Argument gegen einen Verkauf von Staatsanleihen liefert jedoch Präsident Xi Jinping selbst. Dieser hatte sich auf dem Volkskongress die Amtszeit auf unbegrenzte Dauer verlängern und dafür die Verfassung umschreiben lassen. Dies bringe Instabilität in das politische System Chinas, ist die herrschende Lesart der Beobachter. Jetzt müssten Xis Gegner nur darauf warten, dass der Präsident einen großen Fehler mache, der aufgrund seiner Machtfülle wohl an ihm hängen bliebe. Ob diese Theorie stimmt, würde Chinas Führer mit riskanten Experimenten auf den Finanzmärkten testen.

          Weitere Themen

          Wie Facebook für Libra werben will

          Geplante Digitalwährung : Wie Facebook für Libra werben will

          Facebook plant mit Libra eine Digitalwährung, die das Bezahlen revolutionieren soll. Die Kritik daran ist groß – besonders in Washington. Nun will der Konzern seinen Skeptikern entgegenkommen. Und zugleich eine Warnung aussprechen.

          Kanadische Aktien auf Rekordkurs

          Börse in Toronto : Kanadische Aktien auf Rekordkurs

          Kanadische Börsianer liefern sich in diesem Jahr ein hartes Wettrennen mit ihren Konkurrenten in New York. Wie geht es nach den kräftigen Gewinnen im ersten Halbjahr weiter?

          Topmeldungen

          Umtriebiger Minister: Jens Spahn

          Bundesgesundheitsminister : Jens Spahn demonstriert seine Macht

          Der Gesundheitsminister bringt am Mittwoch drei Gesetzentwürfe ins Kabinett ein – und will auf die Schnelle noch zwei Behörden fusionieren. Der CDU-Politiker demonstriert seine Macht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.