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JP-Morgan-Analystin Chang : „Wir haben jetzt einen Handelskrieg-Index“

Joyce Chang leitet bei der Investmentbank JP Morgan das Research-Team und ist eine der mächtigsten Frauen der Wall Street. Bild: Frank Röth

Joyce Chang ist die Chef-Analystin von JP Morgan und eine der mächtigsten Frauen der Wall Street. Ein Interview über das Risikoland Italien, attraktive Aktien aus Amerika und den Ursprung der nächsten Finanzkrise.

          4 Min.

          Frau Chang, die Vereinigten Staaten liegen mit China und anderen im Handelsstreit. Warum zeigen sich Anleger trotzdem recht gelassen?

          Thomas Klemm
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Handelsstreit ist ein großes Thema. Wir haben bei JP Morgan einen „Handelskrieg Index“, in dem wir die Stimmung auf dem Markt messen. Dabei zeigt sich, dass der Handelskonflikt zunehmend größere Sorgen bereitet. Strafzölle werden häufiger in den Medien und Geschäftsberichten erwähnt als die amerikanische Steuerreform.

          Warum erreichen die amerikanischen Börsen trotzdem neue Höchststände?

          Die amerikanische Wirtschaft ist im zweiten Quartal mit 4,2 Prozent gewachsen. Unternehmen machen grundsätzlich starke Gewinne. Sie holen auch viel Kapital aus dem Ausland zurück, kaufen so viele eigene Aktien zurück wie nie zuvor, bauen Schulden ab und investieren mehr. Vieles davon resultiert aus dem Paket der Steuererleichterungen und hat den Markt unterstützt. Der Haken ist: Vielleicht hätten wir sogar eine noch größere Börsen-Rally gesehen, wenn es die Sorgen über die Handelskonflikte nicht gegeben hätte. Wenn Sie die Wertentwicklung des S&P 500 anschauen und mit unserem Handelskrieg-Index vergleichen, dann sehen Sie, dass die Unsicherheit aus dem Handelskonflikt den amerikanischen Aktienmarkt bis zu fünf Prozent Abschlag gekostet hat. Das entspricht zwei Drittel der Größe des gesamten Steuerpakets.

          Trotzdem haben sich in Amerika die Börsen in diesem Jahr viel besser entwickelt als in anderen Ländern, vor allem dank der Technologieaktien. Sind sie nicht inzwischen viel zu teuer?

          Wir hatten einen konstruktiven Blick auf Technologieaktien dieses Jahr, das hat sich ausgezahlt. Die Investitionsbereitschaft war groß, und Technologien haben von den erhöhten Ausgaben profitiert, die im zweiten Halbjahr einen Anstieg von 40 Prozent verzeichneten. Es gibt zwar einige Unruhe wegen der exzessiven Bewertungen. Aber es wäre verfrüht, von einer starken Korrektur auszugehen.

          Apple ist an der Börse schon mehr als eine Billion Dollar wert, Amazon war es auch kurzzeitig. Welches Tech-Unternehmen überspringt als nächstes diese Marke?

          Ich weiß es nicht. Aber ich bin überzeugt, dass der Tech-Trend nicht so bald unterbrochen wird. Aber wir sehen auch andere Sektoren als attraktiv an. In diesem Jahr haben wir besonders auf den Energiesektor gesetzt. Bei Branchen, die sehr vom Welthandel abhängen, sind wir vorsichtiger.

          Ist es angesichts der Preise nicht Zeit, amerikanische Aktien zu verkaufen?

          Wir haben amerikanische Aktien übergewichtet, da die Konsumenten aufgrund von Steuervorteilen, starken Arbeitsmärkten und niedrigen Kosten im Gesundheitswesen gut dastehen. Wir raten also nicht unbedingt dazu, amerikanische Aktien zurückzufahren, sondern dazu, auch Werte im Rest der Welt zu suchen. In den Schwellenländern bieten sich seit Sommer günstige Einstiegsmöglichkeiten, weil sie von den Handelskonflikten am härtesten getroffen wurden. Ich halte viele Bedenken gegenüber Schwellenländern für sehr übertrieben. So sehen wir in China attraktive Werte in bestimmten Sektoren, die vom Handelsstreit unbeeinflusst werden: Bildung zum Beispiel oder Gesundheitspflege.

          Mit Kanada und Mexiko haben sich die Vereinigten Staaten auf ein Handelsabkommen geeinigt. Wann wird der Streit mit China beigelegt?

          Ich glaube, die Handelskonflikte werden uns noch eine Weile begleiten. Einige Sektoren sind stärker betroffen als andere, die Autobranche zum Beispiel, aber auch Maschinenbau und Telekommunikation werden unter Druck bleiben. In einer solchen Situation können alle Seiten nur verlieren. Entscheidend für die weitere Entwicklung wird auch sein, wie sich die komplizierten Beziehungen zwischen Amerika und China über den Handelskonflikt hinaus entwickeln: in puncto Geopolitik, Nordkorea, südchinesisches Meer, Technologietransfer.

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