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Reaktion auf Corona-Krise : „Die EZB kann ihre Wirkung noch erhöhen“

Invesco-Chefvolkswirt John Greenwood spricht sich für die Normalisierung der Zinsen durch Zentralbanken aus. Bild: Jürgen Mai

John Greenwood sieht die Reaktion der Staaten auf die Corona-Krise positiv. Der Invesco-Chefvolkswirt empfiehlt den Zentralbanken, die Zinsen wieder zu normalisieren.

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          Zu einer Entwarnung besteht für John Greenwood, Chefvolkswirt der amerikanischen Kapitalanlagegesellschaft Invesco, in der Corona-Krise kein Anlass. „Zunächst handelt es sich um eine Gesundheitskrise, deren Lösung höchste Priorität hat“, sagt der Brite, der dem Schattenkabinett der Bank von England angehört, im Gespräch mit der F.A.Z. Die Maßnahmen der Staaten und Zentralbanken dienen seiner Ansicht nach als Brücke in die Phase, die sich an die Pandemie anschließt.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Staaten und Zentralbanken hätten richtig auf die Corona-Krise reagiert. Bemerkenswert sei das Tempo der Entscheidungsfindung und das Volumen der Programme in Europa, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. „Die Probleme werden dann auftreten, wenn die Wirtschaft wieder in einen normaleren Zustand zurückkehrt“ erwartet Greenwood. Er wünscht sich dann eine besser auf die tatsächlichen Schwierigkeiten zugeschnittene Unterstützung.

          Besonders betroffen blieben der Tourismus, das Hotel- und Übernachtungsgewerbe, die Gastronomie sowie kulturelle Veranstaltungen. Ländern, die von diesen Sektoren stärker abhängen, dürfte seinen Worten zufolge die Erholung schwerer fallen als Volkswirtschaften mit einem hohen Industrieanteil.

          Theater, Kunst und Musik bleiben anfällig

          Entsprechend müssten staatliche Programme wie etwa eine Fortzahlung der Löhne von Beschäftigten daran angepasst werden. „In diesen Sektoren rechne ich mit den höchsten Einkommensverlusten und Insolvenzen“, sagt der Invesco-Chefvolkswirt. Theater, Kunst und Musik blieben sehr anfällig für die weitere Entwicklung der Pandemie. Hier seien besondere Maßnahmen erforderlich, weniger für Restaurants, die zwar weniger Personen bewirten könnten und deshalb Umsatzeinbußen erlitten, aber immerhin schon wieder öffnen durften.

          Die Zentralbanken haben für Greenwood mit den aktuellen Krisenmaßnahmen ihr Mandat keineswegs überdehnt. Es sei ihre Aufgabe, in Krisen Liquidität bereitzustellen. Ihre Bilanzsummen seien dadurch auf Rekordhöhe gestiegen. Das lasse einige befürchten, es könne diesen künftig schwerer fallen, ihre Rolle als Kreditgeber der letzten Instanz vollständig auszuüben. „Doch ich sehe dieses Problem nicht, denn die Anleihekäufe und andere Maßnahmen, mit denen die Kreditversorgung der Wirtschaft gesichert wird, dienen dazu, größeren Stress zu verhindern.“

          Zentralbanken müssen Bilanzen wieder verkleinern

          Greenwood sieht gleichwohl die Notwendigkeit, dass die Zentralbanken irgendwann damit beginnen müssen, ihre Bilanzen wieder zu verkleinern. Vor kurzem sorgte der neue Gouverneur der Bank von England, Andrew Bailey, mit seiner Ankündigung für Aufsehen, im Rahmen einer späteren Normalisierung der Geldpolitik die Veräußerung aufgekaufter Staatsanleihen zu planen, noch ehe der Leitzins erhöht werde.

          Das sieht Greenwood anders: „Bevor die Zentralbanken anfangen, Staatsanleihen zu verkaufen, müssen sie die Zinsen wieder normalisieren.“ Die Europäische Zentralbank (EZB) müsse darauf achten, dass zuvor die Kreditvergabe der Banken wieder zunehme. Ansonsten könne ein zu früher Verkauf von Anleihen die Banken zu stark belasten.

          Die Erleichterungen der Aufsicht hinsichtlich der Eigenkapitalpuffer von Banken waren für Greenwood eine richtige Maßnahme, um den Kreditfluss zu sichern. Die Zentralbanken wie die amerikanische Fed, die EZB oder die Bank von England seien bereit, alles zu tun, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Das erinnert ihn an die berühmte Rede des früheren EZB-Präsidenten Mario Draghi („Whatever it takes ...“).

          Die EZB könne die Wirkung noch erhöhen, wenn sie in ihren Kaufprogrammen mehr Marktteilnehmer berücksichtige, die nicht zur Bankenbranche gehören, rät Greenwood. Denn so könne sie die Geldmenge schneller erhöhen, als wenn sie nur von Banken kaufe. Denn in diesem Fall beeinflusse sie nur die Zentralbankgeldmenge, deren expansive Wirkung geringer sei.

          Die Fed und die Bank von England kauften dagegen auch Wertpapiere von Nichtbanken wie Versicherern oder Pensionsfonds. Das Pandemieprogramm (PEPP) der EZB biete viel Spielraum, es entsprechend anzupassen. „Ich bin davon überzeugt, dass die EZB noch mehr Wertpapiere kaufen kann, sollte dies erforderlich sein, um die Wirtschaft zu stabilisieren“, sagt Greenwood. Er hält es im Euroraum für notwendig, die Kreditvergabe der Banken auszuweiten. So könnten diese mehr Gewinne erwirtschaften und so ihr Eigenkapital stärken.

          Über den Brexit ist Greenwood noch immer glücklich. Er geht davon aus, dass die britische Regierung bis Ende des Jahres ein Abkommen erzielen werde. „Dann werden wir auch ein attraktives Zollsystem bekommen, das der britischen Wirtschaft besser dient. Das Zollregime der EU ist nicht in unserem Interesse.“ Die Regierung von Premierminister Boris Johnson hat seiner Ansicht nach in der Corona-Krise vermeidbare Fehler gemacht, die zu höheren Infizierten- und Sterbezahlen geführt haben. „Das Virus ist weiterhin da, und die Infektionen werden uns bis auf weiteres beschäftigen“, warnt Greenwood.

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