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Yellen in der Klemme : Die Angst vor hohen Zinsen

  • -Aktualisiert am

Die Finanzministerin und frühere Notenbänkerin: Janet Yellen warnt vor dem Glauben an immerfort niedrige Zinsen. Bild: EPA

Die Nullzinsen sind für Schuldner ein Schlaraffenland. Doch das muss nicht so bleiben. Finanzminister wie Häuslebauer brauchen einen Plan B.

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          Der amerikanischen Fi­nanz­ministerin Janet Yellen geht es kaum anders als dem Häuslebauer hierzulande. Sie hat hohe Schulden und Angst vor steigenden Zinsen. Wer heute ein Haus kauft, zahlt oft nur noch 1 Prozent Zins. Was aber, wenn die Anschlussfinanzierung ansteht und der Zins dann 3 Prozent beträgt oder gar 5? Manche Finanzierung bricht schnell in sich zusammen.

          Die amerikanische Finanzministerin muss für die Staatsschulden ihres Landes derzeit im Schnitt weniger als 1 Prozent Zinsen zahlen. Verdoppelt sich der Zins, wird das bei 28 Billionen Dollar Staatsschulden teuer. Darf sich eine Finanzministerin deshalb laut zu Zinsen äußern? „Es könnte sein, dass die Zinsen etwas ansteigen müssen, um sicherzustellen, dass unsere Wirtschaft nicht überhitzt“, sagte Yellen diese Woche, als ob sie noch Chefin der Notenbank Fed wäre. Doch das Amt hat sie 2018 abgegeben. Seit Januar ist sie Finanzministerin von Präsident Joe Biden. Und der überschlägt sich gerade mit billionenschweren Konjunktur- und Sozialprogrammen zur Ankurbelung der amerikanischen Wirtschaft.

          Es ist daher das gute Recht der Finanzministerin, den warnenden Finger zu heben. Weniger in Richtung ihres Nachfolgers an der Fed-Spitze, Jerome Powell, die Zinsen bald zu erhöhen. Ihre Mahnung geht eher an die Adresse der demokratischen Partei: Glaubt nicht, dass es eure Ausgabenwut zum Nulltarif gibt! Die Zinsen könnten steigen, und dann wird es richtig teuer. Anders als der Häuslebauer kann Yellen nicht zur Not einfach verkaufen. Ende mit Schrecken. Sie muss die teureren Schulden irgendwie finanzieren. Yellen tut daher gut daran, alle ausgabenwütigen Politiker daran zu erinnern, dass die Rechnung am Ende bezahlt werden muss und der Zins nicht gottgegeben nahe null verharrt.

          Das Perpetuum Mobile ist eine Illusion

          Die Börsen wollen so etwas natürlich nicht hören. Die feiern den Nulltarif mit Kursrekorden. Die Staaten verschulden sich nach Belieben. Deutschland macht es genauso. Die Notenbanken zahlen die Rechnung. Die Bundesbank ist mit mehr als 500 Milliarden Euro längst größter Gläubiger des deutschen Staates. Die Fed ist es in Amerika. Warum sollte jemand dieses Perpetuum mobile der Geldvermehrung stören, das seit der Finanzkrise so wunderbar funktioniert und durch Corona neuen Schwung bekommen hat?

          Weil es eben kein Perpetuum mobile gibt. Es kann zum Beispiel Inflation geben. Einen Vorgeschmack könnte ein Konsumschub liefern, wenn die Corona-Pandemie abflaut und unbeschwerteres Leben wieder möglich wird mit Reisen, Shopping und Essengehen. Aber es mehren sich die Stimmen, die auch längerfristig potentiell preistreibende Faktoren betonen. In alternden Gesellschaften in Amerika, Europa, Japan und China werden die Arbeitskräfte knapp und teuer. Die Alten mit knappen Renten haben zudem eine höhere Konsumquote. Es ist schwer vorstellbar, dass die Geldpolitik dann nicht auf höhere Inflationstrends reagiert. Moderate Inflation ist für Schuldner gut. Gerät sie aber außer Kontrolle, hat sie destabilisierende Wirkung für eine gesamte Volkswirtschaft.

          Das Spiel mit den Schulden setzt zudem voraus, dass die Schuldner für zahlungsfähig gehalten werden. Das Vertrauen der Geldgeber in die Bonität ist ein hohes Gut. Geht es verloren, wird aus Verschuldung schnell Überschuldung. Auf diesem schmalen Grat balanciert auch Frau Yellen. Staaten müssen innovativ, produktiv und wohlstandsmehrend sein. Sonst gehen ihnen irgendwann die Geldgeber aus.

          Der Glaube an die Allmacht der Notenbanken ist weit verbreitet. Sich allein auf sie als Staatsfinanziers zu verlassen, ist aber hoch riskant. Wie der Häuslebauer sollte auch jeder Finanzminister einen Plan B in der Tasche haben. Das ist weniger gemütlich: Ausgaben kürzen, Steuern erhöhen, Reformen. Wer klug ist, plant voraus. Sind die Zinsen erst einmal gestiegen und die Geldgeber vergrault, lässt sich mit dem Rücken zur Wand weniger gut Politik machen. Nun sind die Vereinigten Staaten nicht Griechenland, aber vielleicht findet die Finanzwelt irgendwann den Yuan attraktiver als den Dollar.

          Daniel Mohr
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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