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IWF und Weltbank warnen : Da braut sich wieder etwas zusammen

IWF-Generaldirektorin Christine Lagarde (links) diskutiert mit der indonesischen Finanzministerin Sri Mulyani aktuelle Probleme der Weltwirtschaft. Bild: Getty

Der Währungsfonds fürchtet eine hohe Verschuldung, plötzliche Kapitalabflüsse und politischen Populismus. Und fragt: Wer soll den Retter geben, wenn die nächste Krise kommt?

          Die Herbsttagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank findet ziemlich genau zehn Jahre nach dem Beginn der schweren Finanzkrise statt. So ist die Frage, ob die Weltwirtschaft sicherer geworden ist, ein natürliches Leitthema, wenn die Vertreter der globalen Institutionen, der Regierungen, Zentralbanken und Unternehmen in den nächsten Tagen in Bali zusammenkommen. Dazu gesellt sich fast zwangsläufig die Frage, wer soll die Weltwirtschaft heraushauen, wenn die nächste Krise da ist.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die erste große Sorge gilt dem Stand der öffentlichen und privaten Schulden, die förmlich explodiert sind im Vergleich zum Stand kurz vor der Krise. Der IWF führt das zum Teil auf die Rettungspolitik durch die Zentralbanken zurück, die mit unkonventioneller Geldpolitik Kredite verbilligten, um die wirtschaftliche Erholung zu beflügeln. Die Konsequenz dieser Politik aber war, dass die Schulden der Regierungen, Unternehmen und privaten Haushalte schneller gewachsen sind als die Volkswirtschaften.

          Das Resultat: Die Schulden in Ländern mit systemisch relevanten Finanzsektoren betragen heute die kaum greifbare Summe von 167 Billionen Dollar oder 250 Prozent der aggregierten Wirtschaftsleistung dieser Länder. Vor zehn Jahren noch betrug die Summe 113 Billionen Dollar und 210 Prozent der damaligen Wirtschaftsleistung.

          Wirtschaftspolitik ist nicht nachhaltig

          Die Schuldenstände dokumentieren einerseits die Rettungspolitik vieler Länder, andererseits aber auch die Bereitschaft, fiskalische Disziplin nicht so wichtig zu nehmen. In einigen für die Weltwirtschaft zentralen Ländern, schreibt der Währungsfonds, wird das Wirtschaftswachstum durch Politiken gestützt, die nicht nachhaltig seien. Oder, um es anders auszudrücken: die neue Gefahren mit sich bringen.

          Zwei Kandidaten haben die Ökonomen des Währungsfonds dafür besonders im Auge: China und die Vereinigten Staaten. Für China gilt bisher die Vorstellung, dass das Land trotz seiner rein quantitativ besorgniserregenden Schuldenstände schwere Finanzkrisen und Bankenstürme abwenden kann dank des politischen Machtapparats, der jeden Wirtschaftsakteur steuern kann. In den Vereinigten Staaten stößt sich der Währungsfonds am prozyklischen Fiskalprogramm: Der Kongress hat eine kräftige Steuersenkung und ein stattliches Ausgabenprogramm beschlossen in einer Zeit, in der die Konjunktur ohnehin nicht schlecht lief.

          Das Programm hat zum robusten Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten und steigenden Leitzinsen beigetragen. Sobald aber Teile der Steuerreform und des Ausgabenprogramms auslaufen, werde das Wachstum schrumpfen, prophezeit der Währungsfonds, und das ausgerechnet dann, wenn die Leitzinsen ihr Nachkrisenhoch erreicht haben dürfte.

          Die öffentliche Verschuldung liegt mit 106 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt fast doppelt so hoch wie in Deutschland mit knapp 60 Prozent, das Haushaltsdefizit liegt bei 5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Damit haben die Vereinigten Staaten auch deutlich weniger finanziellen Spielraum, die Konjunktur mit öffentlichen Programmen in Gang zu halten, wenn der nächste Finanzschock kommt.

          Populismus hemmt das Wachstum

          Vor allem bestimmte Schwellenländer sind aber Krisenkandidaten. Sie sind verwundbar durch große Kapitalabflüsse, die durch zwei Entwicklungen begünstigt werden. Die straffere Geldpolitik der amerikanischen Notenbank und die aufkommenden Handelskonflikte bewegen die Investoren, ihr Geld abzuziehen. Wachsende Sorgen über die Robustheit und die politische Glaubwürdigkeit in Schwellenländern könnten weitere Kapitalabflüsse und wachsende Risikoscheu begünstigen und damit Schockwellen in den Finanzmärkten auslösen, warnt der Währungsfonds. Das würde vor allem Länder mit hohen Auslandsschulden und geringen fiskalischem Spielraum treffen.

          Aufkommender Populismus wird vom Währungsfonds als weiteres Risiko identifiziert: In den Vereinigten Staaten ist das reale Einkommen des Median-Haushalts von 1999 bis 2016 nicht gestiegen. Das hat nach Einschätzung des IWF schon vor dem Jahr 2008 auf die Stimmung geschlagen, die sich durch die Finanzkrise weiter verdüstert habe. Dieser Missmut habe die aktuellen Handelskonflikte begünstigt und Skepsis gegenüber Politikern erzeugt, die auf internationale Kooperation setzten.

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          Das wachsende Gewicht der Schwellenländer in der globalen Wirtschaft hatte zur Folge, dass gerade Industrienationen weniger Früchte von der Globalisierung ernteten als in der Vergangenheit. Deshalb bekämen gerade in Industrieländern Ideen einer selbstgenügsamen, autarken Wirtschaft und des Protektionismus gefährlichen Auftrieb, warnt der Fonds.

          Die damit verbundene Abkehr von internationaler Kooperation könnte aber auch noch in besonderer Hinsicht gefährlich werden. Bei der Bewältigung der vergangenen Finanzkrise spielte internationale Kooperation eine wichtige Rolle und die Tatsache, dass die amerikanische Zentralbank den internationalen Finanzmärkten Liquidität zur Verfügung gestellt hat. Spitzenleute im Währungsfonds fragen sich hinter vorgehaltener Hand, ob sie das wiederholen würde in einer Lage, wenn internationale Zusammenarbeit kein politisches Kapital hat?

          Der IWF selbst würde gerne eine Kapitalerhöhung durchbringen, um seine Feuerkraft für Finanzkrisen zu erhöhen. Er sieht das als dringend notwendig an, zumal bilaterale Kredite, die im Moment einen Teil der Finanzkraft sichern, in weniger Jahren auslaufen. Die Amerikaner als wichtigster Anteilseigner sind für eine Diskussion zwar offen, finden aber, der Fonds habe genug Geld. Länder wie Deutschland befürworten die Aufstockung, glauben angesichts der aktuellen Diskussion aber nicht, dass das bis 2019 noch etwas wird.

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