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Die zwei Vizepremiers: Arbeits- und Wirtschaftsminister Luigi Di Maio von der Fünf-Sterbe-Bewegung (links) und Innenminister Matteo Salvini von der Lega. Bild: Reuters

Staatsanleihen : In Italien wächst die Sorge vor einer Ratingabstufung

Eine weitere Abwertung der Bonitätsnoten für italienische Staatsanleihen ist für viele Fachleute unvermeidlich. Das könnte üble Konsequenzen für die Märkte haben.

          „Die Risiken sind ernsthaft. Die wirtschaftlichen Prognosen für Italien sind derzeit zu optimistisch.“ So urteilt der italienische Ökonom Lorenzo Codogno, der an der London School of Economics lehrt und ebenfalls in London eine Beratungsfirma betreibt. Hintergrund für die Einschätzung von Codogno ist einerseits eine internationale Konjunktur, die sich noch langsamer entwickle als erwartet. Andererseits besorgt ihn der Umstand, dass Europa keinen haushaltspolitischen oder geldpolitischen Spielraum habe, um auf eine Krise zu reagieren. In dieser Situation könnte Italien zum Auslöser von Turbulenzen auf den Finanzmärkten werden, schrieb vor wenigen Tagen der Internationale Währungsfonds (IWF). Aus der Perspektive des IWF ist es entscheidend, ob die Ratingagenturen die Bonität italienischer Staatsanleihen abwerten, denn dann könne es an den internationalen Märkten zur Flucht aus dem Risiko kommen.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Für Codogno, aber auch für andere italienische Ökonomen, steht die nächste Runde von Abwertungen italienischer Staatstitel unmittelbar bevor. Codogno sagt für Italien 2019 einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,5 Prozent voraus – im Gegensatz zu Prognosen für das reale Wachstum von 0,2 Prozent der EU-Kommission und 1 Prozent der Regierung. Viele italienische Ökonomen sehen die Regierung vor kaum überwindbaren Hürden beim Haushalt 2020 und 2021. Um ein sinkendes Defizit für die kommenden Jahre versprechen zu können, hat die Regierung aus Fünf-Sterne-Bewegung und Lega für 2020 und 2021 kräftige Sprünge der Mehrwertsteuer eingeplant, sofern nicht drastische Haushaltskorrekturen vorgenommen würden – von 23 Milliarden Euro für 2020 und 28 Milliarden Euro für 2021. Die Regierung ist in der Falle und verlangt nach den Europawahlen die Erlaubnis für weit höhere Haushaltsdefizite. Auch die Versprechen einer Reduzierung von Schulden durch Privatisierungen von 1 Prozent des BIP sind derzeit nicht glaubwürdig, denn derzeit geht die Diskussion in Richtung von mehr Staatswirtschaft.

          „Die Ratingagenturen kommen dieses Mal um eine Abwertung nicht herum“, sagt ein römischer Wirtschaftsprofessor mit langer Erfahrung in der Politik, der aber ungenannt bleiben will. Lorenzo Codogno urteilt, eine Abwertung durch die Agenturen Standard&Poor’s und Fitch sei so gut wie sicher. Doch damit beginnt schon in wenigen Tagen eine Zitterpartie. Denn Italien könnte sich dann keine weitere Abwertung mehr leisten. Die italienischen Staatstitel werden von vielen Fonds und Banken gehalten, die garantiert haben, nur in sichere Anlagen zu investieren. Sobald Italien auf der untersten Stufe der sicheren Anlagen angekommen ist, entscheidet das Urteil über die Zukunftsaussichten die Frage, ob Italien vor Turbulenzen steht oder nicht.

          Keine Flucht vor dem Risiko

          Schreiben die Ratingagenturen von weiter negativen Zukunftsaussichten, beginnt möglicherweise eine Verkaufswelle für Staatstitel und andere Anlagen in Italien, ohne dass die Anleger die nächste Abwertung abwarten wollen. Über die Wahrscheinlichkeit des Eintritts dieses Szenarios gibt es in Italien unterschiedliche Meinungen: Für Ugo Loser, Geschäftsführer der von großen Volksbanken betriebenen Fondsgesellschaft Arca, hängt alles von den zwei Worten über die Zukunftsaussichten der Ratingagenturen ab. Bei „outlook negative“ werde die Lage schwierig, meint Loser. Im Moment gebe es keine Schuldenkrise für Italien. Doch wenn die – von Deutschland abhängenden – Ausfuhren schwächer würden, das BIP sinke, dann könnten weitere Risiken nicht ganz ausgeschlossen werden.

          Der römische Wirtschaftsprofessor Mario Baldassarri, ehemaliger Staatssekretär im Schatzministerium und Chef eines Instituts mit dem Namen „Economia Reale“ schrieb zuletzt an den italienischen Senat, „wenn die EU-Kommission die Augen geschlossen hält, die Ratingagenturen nichts sagen und die Märkte den Risikozuschlag unter 350 Basispunkten halten, könnten wir uns bis zum Mai durchschlagen. Doch über allen Prognosen hängt das Damoklesschwert des Haushalts 2020“.

          Beruhigter sieht die Lage Alessandro Fugnoli, Anlagestratege beim Mailänder Finanzhaus Kairos Partners. „Im Moment gibt es keine Flucht vor dem Risiko, und eine neue Langzeitanleihe der EZB wird Italiens Banken Stabilität bieten“, urteilt Fugnoli. Daraus folgt für ihn, dass ein wenig geänderte Beurteilungen oder eine moderate Rezession die Strukturen der italienischen Schulden nicht grundlegend ändern. Die durchschnittliche Restlaufzeit betrug 2018 schließlich 6,78 Jahre.

          Der Chefvolkswirt der italienischen Großbank Intesa Sanpaolo, Gregorio De Felice, sieht einen Ausweg, mit dem Italien die Perspektiven schnell ändern könne: „Italien kann die Hindernisse beseitigen, die bereits aus italienischen und EU-Kassen finanzierte öffentliche Investitionsprojekte blockieren, mit einem Volumen von 150 Milliarden Euro“, meint De Felice. Im Übrigen sei in dem gegenwärtigen Risikozuschlag für Italiens Staatstitel schon vieles vorweggenommen, etwa eine Verschlechterung des Rating. Beim Blick auf die fundamentalen Daten der italienischen Wirtschaft, etwa den fünftgrößten Exportüberschuss der Welt, müsse der Risikozuschlag eigentlich kleiner sein, urteilt De Felice von Intesa Sanpaolo.

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