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Fiducia & Gad : Die Chancen einer Regionalplattform

Die genossenschaftliche Idee der Dezentralität und Kooperation lasse sich ins Internet übertragen, sagt Ulrich Coenen. Bild: dpa

Fiducia & Gad, der IT-Dienstleister der genossenschaftlichen Banken, öffnet sich deren Partnern. Die heterogenen Banken zufriedenzustellen ist kein einfaches Unterfangen.

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          Als Ulrich Coenen vor sechs Jahren den beruflichen Wechsel vom früheren Telekom-Manager und selbständigen Unternehmensberater zum festangestellten Banker vollzog, hielt er das schnell für einen Fehler. „Ich war mir bald sicher: Digitale Angreifer, ob Big Techs wie Amazon oder junge Fintechs, werden sich schnell durchsetzen und von den traditionellen Banken viele Erträge abgreifen.“

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch mit seinem Abgesang auf traditionelle Banken habe er sich geirrt, sagt Coenen heute. „Viele Menschen sehen trotz zunehmender Nutzung von Apps ganz offensichtlich einen großen Wert darin, eine Bank und Ansprechpartner vor Ort zu haben.“ Singt hier jemand das Lied von demjenigen, der ihm das Brot bezahlt? Der Gedanke liegt nahe, doch so einfach ist es nicht. Denn Coenen ist einer, der die Veränderung in den Banken mit digitalen Verkaufsideen vorantreibt.

          Nach gut fünf Jahren als Bereichsvorstand der Commerzbank für digitale Transformation und für Vertriebssteuerung ist der 47 Jahre alte Coenen gerade vor vier Monaten in den Vorstand der Fiducia & Gad gewechselt. Im IT-Dienstleister der genossenschaftlichen Bankengruppe ist Coenen für digitale Lösungen verantwortlich. Beobachter können Coenens Wechsel von der Commerzbank gut nachvollziehen, da der Einzug in den Vorstand für ihn einen Karriereschritt bedeutet.

          Schlechteste Note im Kernbereich

          Andererseits ist Fiducia & Gad in keinem guten Zustand: Die Bankenaufsicht hat im Jahr 2018 in einer Sonderprüfung schwerwiegende Mängel („Findings“) festgestellt. Eine „F4“, die schlechteste Mängelnote, verhängte die Aufsicht nach Informationen der F.A.Z. nicht wie in den meisten Banken für Randthemen wie Berechtigungsmanagement, sondern für Fiducias Kernfunktionen wie Prozesse für das Zusammenspiel mit den angeschlossenen Ortsbanken. „Die F4 der Aufsicht lag weniger an der Softwareentwicklung im Kern, sondern betraf eher Fragen der IT-Governance“, sagt Coenen. „Wir arbeiten die Findings sehr zügig ab, die Aufsicht begleitet das sehr wohlwollend. Bis zum Jahresende wird mehr als die Hälfte der Feststellungen abgearbeitet sein“, sagt Coenen.

          Beobachter hat gleichwohl irritiert, dass die Fiducia trotz der Mängelliste der Aufsicht das Ressort „Anwendungsentwicklung“ im Vorstand lange nicht besetzt hat. Erst zum 1. Oktober 2020 wurde Daniela Bücker, seit ihrem Wechsel von Accenture im Jahr 2007 schon bei der Fiducia und zuletzt Generalbevollmächtigte, dafür in den Vorstand berufen. Coenen wird funktionierende Banklösungen brauchen, um sein Ziel zu erreichen: „Die Kundenschnittstelle digitaler machen.“ Dafür hat Coenen allerhand Ideen. Doch auch er hat schon erkannt, dass das Zusammenspiel mit den Kunden nicht leicht ist.

          Die ganze genossenschaftliche Heterogenität

          Die größte Genossenschaftsbank, die Apotheker- und Ärztebank, konnte Fiducia & Gad 2017 nicht halten, weil sie ihr erst für 2021 eine EZB-kompatible Software anbieten konnte. Zu beschäftigt war und ist Fiducia & Gad offensichtlich noch mit dem im Jahr 2015 vollzogenen Zusammenschluss aus den beiden Rechenzentren Fiducia (Karlsruhe) und Gad (Münster). Anders als die Finanz-Informatik der Sparkassen, die mit ihrem System OS plus fast nur Sparkassen bedient, hat Fiducia & Gad die ganze genossenschaftliche Heterogenität unter ihren Kunden: Volks- und Raiffeisenbanken (darunter solche aus dem Norden, die früher von der Gad bedient wurden), PSD-Banken, Sparda-Banken sowie private Banken.

          „Es ist nicht ganz ohne, diese Vielfalt zu bedienen. Mit dem Kernbankverfahren Agree 21 haben wir dafür einen Baukasten mit Werkzeugen, aus dem sich die Banken bedienen können. Dieses eigentlich intelligente Konstrukt stößt aber in der digitalen Welt an Grenzen“, sagt Coenen. „Wir haben uns deshalb entschieden, das monolithische Kernbanksystem zu entflechten und zu einer offenen, modularen Plattform weiterzuentwickeln.“

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