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Ein Investor zum Fürchten : Paul Singer lehrt deutsche Konzernlenker das Fürchten

Paul Singer Bild: Reuters

Paul Singer attackiert Firmen in aller Welt, zuletzt vermehrt in Deutschland. Seine Schlachten folgen einem raffinierten Plan – und kosten manchen Konzernchef den Job.

          6 Min.

          Am Anfang steht die Angst. Sie überkommt selbst gestandene Vorstandschefs von Dax-Konzernen, üblicherweise Menschen mit gesundem Selbstbewusstsein. Nach glaubhaften Berichten reicht in diesen Tagen ein einziger Name aus, um Deutschlands oberste Konzernlenker in Unruhe zu versetzen – die Rede ist von „Elliott“.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die meisten Menschen würden damit nichts anzufangen wissen, doch in den Vorstandsetagen wissen sie genau, wer gemeint ist: Der Amerikaner Paul Elliott Singer hat einen Ruf wie Donnerhall. Der 74-jährige amerikanische Investor, dessen Anlagefirma nach seinem zweiten Vornamen schlicht „Elliott“ heißt, hat in seinem Leben schon viele Unternehmen und selbst Staaten vor sich hergetrieben.

          Legendär ist sein Streit mit Argentinien, das nach dem Staatsbankrott im Jahr 2001 alle Gläubiger zu einer Umschuldung zwingen wollte, unter Inkaufnahme hoher Verluste versteht sich. Singer, der kurz zuvor in großem Stil Staatsanleihen des Landes gekauft hatte, ließ sich nicht darauf ein. In einem jahrelangen, erbitterten Rechtsstreit gelang es ihm sogar, ein Schiff der argentinischen Marine vorübergehend beschlagnahmen zu lassen, wofür ihn die damalige Staatspräsidentin Cristina Kirchner aufs übelste beschimpfte. Mit ihrem Nachfolger Mauricio Macri handelte Singer dann aber einen Vergleich aus und kam mit Gewinn aus der Sache heraus.

          Einer der am stärksten kritisierten Investoren der Welt

          Es ist diese bedingungslose Konsequenz, die Singer und sein Team aus 450 Mitarbeitern auszeichnet. Eine Konsequenz, die Vorstände und Staatschefs erschreckt und die andere Investoren in Ehrfurcht erstarren lässt. Jeder weiß: Singer und seine Mannen geben niemals auf. Eine Rendite von 13,1 Prozent hat sein Fonds im Jahresdurchschnitt seit Gründung im Jahr 1977 erzielt, es gibt wenige, die da mithalten können. Darum will jeder sein Geld bei ihm anlegen: Als Singer den Fonds 2017 für neue Anlagegelder öffnete, dauerte es nur 24 Stunden, bis er fünf Milliarden Dollar eingesammelt hatte. Ein Rekord.

          Trotzdem ist Singer zugleich auch einer der am stärksten kritisierten Investoren der Welt: Aggressiv gehe er vor, ohne Skrupel und in gewisser Weise brutal, wird ihm immer wieder vorgehalten. Wahr ist, dass er vor nichts und niemandem haltmacht. Dies zeigt allein schon ein Blick in sein aktuelles Portfolio: Singers Fonds hält Anteile an amerikanischen Konzernen wie Ebay und Dell, aber auch am französischen Getränkehersteller Pernod Ricard oder am italienischen Telekommunikationsunternehmen Telecom Italia.

          Seit einiger Zeit ist Singer auch in Deutschland aktiv. Er investiert dabei sowohl in Firmen, die nur Spezialisten bekannt sind, wie die Maschinenbauer SLM Solutions oder Gea, aber mittlerweile auch in die ganz gr0ßen Namen wie den Energieversorger Uniper oder gar den Stahlkonzern Thyssen-Krupp. Als Elliott bei Thyssen im vergangenen Jahr auf Veränderungen drang, gaben kurz danach der Vorstandschef Heinrich Hiesinger und der Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Lehner ihre Ämter ab. Daher die Unruhe, die deutsche Vorstände erfasst, wenn sie den Namen „Elliott“ hören. Denn nahezu alle Firmen, in die Singer investiert, haben eine Gemeinsamkeit: Sie befinden sich in einer Phase des Umbruchs und schwächeln an der Börse. Singer selbst würde es anders ausdrücken, positiver. Unternehmen, in die er investiere, hätten das Potential, ihren Wert für alle Aktionäre zu maximieren, lautet sein Credo. Was indirekt bedeutet: Die Unternehmen sind längst nicht so gut, wie sie eigentlich sein könnten.

          Doch wie rabiat geht Singer wirklich dabei vor, um die Firmen auf den von ihm favorisierten Weg zu zwingen? Und ist die Angst vor ihm berechtigt? Die F.A.S. hat sich hinter den Kulissen umgehört, offen spricht in der Angelegenheit fast niemand. Danach ergibt sich folgendes Bild: Deutschlands Vorstände haben allen Grund, beunruhigt zu sein. Dies hat allerdings weniger mit dem robusten Auftritt von Singer und seinen Leuten zu tun. Sondern vielmehr mit der Tatsache, dass der Investor und sein Team gut darin sind, die Mängel der jeweiligen Unternehmensstrategie gnadenlos zu identifizieren. „Man darf nicht den Fehler machen, diesen Investoren mangelnde Seriosität vorzuwerfen“, sagt Thomas Meurer, der als Partner der Anwaltskanzlei Hengeler Müller viele Jahre Erfahrung in solchen Auseinandersetzungen hat. „Sie gehen hochprofessionell vor und decken bei einigen Unternehmen echte Schwächen auf. Sie halten ihnen gewissermaßen den Spiegel vor.“

          „Aktivisten“ helfen nach

          Es versteht sich von selbst, dass dies insbesondere für den Vorstand nicht angenehm ist. Deswegen ruft dieser Ansatz gerade in Deutschland immer noch Befremden hervor. Hierzulande waren es die Vorstände von Aktiengesellschaften jahrzehntelang gewohnt, dass sie von Aktionären nicht mit unangenehmen Fragen belästigt wurden. Dass die Eigentümer eines Unternehmens, denn nichts anderes sind ja die Aktionäre, diese Rolle selbstbewusst ausüben, ist in Deutschland eine neue Entwicklung. Auch wenn es dem Management nicht gefällt: Man kann dies einen Fortschritt nennen.

          Mit Blick auf Deutschland folgt Singer dabei einem klaren Schlachtplan. Unter Führung seines Sohnes Gordon erörtert ein Team von London aus Anlagechancen in Europa. Insgesamt 100 Leute hat Elliott in der britischen Hauptstadt stationiert. Bei vielen von ihnen handelt es sich um Analysten, die mühsame Kleinarbeit nicht scheuen. In London werden Bilanzen verglichen und Zahlen ausgewertet, um jene Firmen zu finden, die wohl jeder Investor gerne in seinem Portfolio haben möchte – Unternehmen also, die, technisch ausgedrückt, an der Börse über „Kurssteigerungspotential“ verfügen. Die besten Ideen präsentieren die Analysten mindestens einmal in der Woche per Videokonferenz Paul Singer und seinem Ko-Chef Jonathan Pollock.

          Singer verlässt sich jedoch nicht nur auf die Londoner Analysten. In Deutschland berät beispielsweise der ehemalige Goldman-Sachs-Banker Thomas Schweppe den Singer-Fonds, er gilt als Initiator des Einstiegs bei Thyssen-Krupp. Auch der Rechtsanwalt und Kapitalmarktspezialist Josef Broich ist schon seit Jahren für Elliott tätig. Beide zählen auf ihrem jeweiligen Gebiet zu den absoluten Profis, wie selbst Gegenspieler eingestehen.

          Nach dem Kauf der Aktien eines bestimmten Unternehmens warten Singer und seine Leute keineswegs in aller Ruhe ab, wie sich die Dinge entwickeln. Es ist Kern ihrer Strategie, dass sie stattdessen versuchen, aktiv nachzuhelfen. An den Finanzmärkten nennt man Anleger wie sie darum „Aktivisten“. Keiner ist auf diesem Feld so umtriebig wie Elliott. Nach einer Aufstellung der Investmentbank Lazard ging Elliott 2018 öffentlich 22 Unternehmen an, mehr als jeder andere vergleichbare Fonds. Die Elliott-Leute würden sagen, sie erzeugten dabei „konstruktiven Druck“, manche Vorstände dagegen empfinden diesen als über die Maßen unangenehm.

          Im Verteidigungsmodus

          Wer recht hat, lässt sich von außen schwer entscheiden. Fakt ist, dass Elliott stets in ähnlicher Weise vorgeht: Zu Beginn steht oft ein Brief an Vorstand oder Aufsichtsrat, so war es auch im Falle von Thyssen-Krupp. Freundlich im Ton, aber hart in der Sache schreiben die Elliott-Vertreter auf, was ihnen an der aktuellen Unternehmensstrategie missfällt, und dringen auf einen Termin mit dem Management. Erst zu diesem Zeitpunkt erfährt die Welt, dass Elliott zu den Anteilseignern gehört, denn oft bleibt der Fonds unter der Schwelle von drei Prozent, ab der er sein Engagement öffentlich machen muss.

          Manchmal scheinen sich Vorstand und Fonds hinter den Kulissen wirklich zu einigen, aber häufig genug schaltet das jeweilige Unternehmen dann in den Verteidigungsmodus. Investmentbanken, Rechts- und Kommunikationsberater leben mittlerweile gut davon, die Abwehr zu orchestrieren – sie bereiten viele Unternehmensvorstände gegen hohe Gebühren auf diesen Moment vor („Anti-Activist-Advice“). Darum wissen die Vorstände genau, dass Elliotts schärfste Waffe nicht der oft überschaubare Anteil ist, den der Fonds am Unternehmen hält, sondern die Öffentlichkeit. Denn dies ist in der Regel der zweite Schritt: Reagiert der Vorstand nicht in der gewünschten Weise auf Elliotts Vorschläge, macht der Fonds sie öffentlich. Zwar liegt auch Paul Singer nicht mit allen seinen Investments richtig. Aber aufgrund der erfolgreichen Historie seines Fonds steigen in diesem Moment häufig auch andere Anleger ein und lassen den Kurs des jeweiligen Unternehmens steigen. An der Börse hat sich dafür der Name „Elliott-Effekt“ eingebürgert.

          Singer und seine Leute versuchen so, die Unterstützung anderer größerer Anteilseigner zu gewinnen. Bei Thyssen-Krupp war dies die schwedische Investorengruppe Cevian, zweitgrößter Thyssen-Krupp-Aktionär. Wenn selbst solche Allianzen nicht zum gewünschten Ergebnis führen, geht Elliott manchmal sogar noch einen Schritt weiter. Im Falle des Energiekonzerns Uniper beispielsweise forderte der Fonds eine sogenannte Sonderprüfung – ein juristisches Instrument, mit dem Aktionäre die geschäftlichen Maßnahmen des Vorstandes überprüfen lassen können. Es hat auch mit dem Einsatz dieses Instruments zu tun, dass Elliott als gnadenlos gilt.

          Aber fürchten sich Vorstände womöglich nur deswegen, weil nach Elliotts Auftauchen häufig ihr Job auf dem Spiel steht? Oder verursacht der Fonds in Wahrheit zwar großen Wirbel, jedoch ohne dass Unternehmen davon profitieren, wie ein häufiger Vorwurf lautet? Endgültig klären lässt sich dies nicht. Aber viel spricht für Ersteres. Aktivisten, so unangenehm ihr Auftreten auch sein mag, legen nun mal den Finger in die Wunde. Dies mag Vorstände ihr gutbezahltes Amt kosten, führt aber in vielen Fällen zu einer längerfristigen Verbesserung des Aktienkurses, wie eine Studie der Harvard Law School für den Zeitraum von 1994 bis 2007 herausgefunden hat. Leider mangelt es noch an aktuelleren Untersuchungen.

          Trotzdem sind all dies schlechte Nachrichten für Werner Baumann, den Vorstandsvorsitzenden des Bayer-Konzerns. Seit einiger Zeit hält sich nämlich hartnäckig das Gerücht, Elliott sei bei der Leverkusener Firma eingestiegen.

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