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Goldgräberstimmung : Investitionen in Risikokapital erreichen Rekordhoch

Auf der Suche nach den Goldstücken: Aktuell fließt so viel Risikokapital wie lange nicht in die jungen Start-ups. Bild: ZB

Im zweiten Quartal haben Start-ups weltweit 157 Milliarden Dollar eingesammelt – so viel wie noch nie zuvor. Das weckt Erinnerungen an die Dotcom-Blase.

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          Noch nie ist innerhalb von drei Monaten so viel Geld in die Kassen vieler Start-ups gespült worden wie im zweiten Quartal 2021. Die aufstrebenden Unternehmen haben im zweiten Viertel dieses Jahres 157,1 Milliarden Dollar in mehr als 7600 Deals einsammeln können. Das fasst der neue Venture-Pulse-Bericht von KPMG zur Lage der Venture-Capital-(VC-)Investitionen zusammen.

          Antonia Mannweiler
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Es war auch das Quartal der Megadeals in Milliardenhöhe. Das US-Start-up Waymo, das zu den führenden Unternehmen bei der Entwicklung für das autonome Fahren zählt, sammelte 2,5 Milliarden Dollar ein, der indonesische Paketdienstleister J&T Express 2 Milliarden, und das Münchener Software-Unternehmen Celonis erhielt eine Milliarde Dollar an frischem Kapital. Die größte Runde im zweiten Quartal wurde aber von institutionellen und Private-Equity-Investoren angeführt: 2,75 Milliarden Dollar konnte das 2015 gegründete schwedische Start-up Northvolt AB einsammeln, das Lithium-Ionen-Batterien für Elektroautos herstellt.

          Fintechs sorgen für Rekordvolumen

          In Europa waren es dagegen vor allem die Fintechs (Finanz-Start-ups), die für ein erneutes Rekordvolumen gesorgt haben. Der Berliner Neobroker Trade Republic erhielt im zweiten Quartal 900 Millionen Dollar, das Insurtech Wefox aus der Hauptstadt 650 Millionen Dollar und das schwedische Fintech Klarna 639 Millionen Dollar. Laut dem Finanzdatendienstleister Pitchbook könnte 2021 zu dem bislang besten Venture-Capital-Jahr aller Zeiten werden. Während früher Finanzierungsrunden in Höhe von 100 Millionen Dollar und mehr die Ausnahme waren, gab es laut Pitchbook allein im ersten Halbjahr nahezu 200 solcher Deals.

          Bemerkenswert sei auch die Vielfalt der Investoren gewesen, die sich an den jungen Unternehmen beteiligt hätten. So waren es neben den üblichen verdächtigen Wagniskapitalgebern vermehrt auch andere Spieler, die die Start-ups mit Kapital ausstatteten, etwa Hedgefonds oder Mutual Fonds. KPMG zählt auch Pensions- und Staatsfonds, Family Offices oder Stiftungen auf.

          Arnd Petmecky, Partner der Unternehmensberatung Bürgenstock Associates, sagt dazu, dass die vielen erfolgreichen Börsengänge (IPOs) und substanziellen Finanzierungsrunden die Gier der Investoren beförderten. Das sorge aber auch gleichzeitig dafür, dass das Geld bei den Venture-Capital-Fonds lockerer sitze. Aktuell herrsche eine gefährliche Euphorie im westlichen Markt – auch begünstigt durch die Corona-Krise und eine gewisse Goldgräberstimmung.

          120 Börsengänge im ersten Halbjahr

          Denn auch der Wert der „Exits“ – also der Einnahmen aus Verkäufen oder IPOs – setzt in diesem Jahr neue Rekorde. Laut Pitchbook lag das Volumen der ersten sechs Monate dieses Jahres schon jetzt rund 30 Prozent über dem vormaligen Höchstwert von 2020. 120 Börsengange sah das erste Halbjahr.

          Bleibe es bei dieser Geschwindigkeit, könne dieses Jahr die Börsendebüts der Jahre 1999 und 2000 noch in den Schatten stellen, schreibt der Datendienstleister. Im laufenden Jahr wurden mit den Exits 372 Milliarden Dollar eingenommen. Die Direktplatzierungen von Coinbase und Roblox allein spülten dabei mehr als 120 Milliarden Dollar in die Kassen.

          Zwei Risiken für eine Blase

          Die Rekordsummen wecken bei einigen Marktteilnehmern Erinnerungen an die Dotcom-Blase Ende der Neunziger, als Unsummen in junge Unternehmen ohne nachhaltige Geschäftsmodelle flossen. Petmecky sagt, dass es zwei fundamentale Risiken für eine Blase gebe. Wenn sich etwa die Wachstumskriterien als unrealistisch erweisen, zum Beispiel bei weiteren Rückschlägen in der Covid-Krise oder mangelhaften Bewertungen von klinischen Produkten. Ferner spiele aber der Faktor Zeit eine Rolle. Letztlich würden in bestimmten Märkten nicht alle Newcomer bestehen können. Per se bestehe das Risiko einer Blase durch Mitläufer- und Nachahmereffekte.

          Ein Blick auf die Bewertungen, etwa von Gorillas, zeige, dass die Wachstumsziele einiger Unternehmen ambitioniert seien – „man könnte sogar sagen utopisch“, so Petmecky. Das hänge auch mit regulatorischen Risiken zusammen. Ob das Geschäftsmodell skalierbar oder einzigartig sei, müsse man im Einzelfall bewerten – eine Tugend, die manche Analysten und Wagniskapitalgeber heute anscheinend nicht mehr beherrschten oder ignorierten, um den Zuschlag zu erhalten.

          „Manche Start-ups haben derzeit die Möglichkeit, sich die VCs selber auszusuchen.“ Ob das Investitionsvolumen so hoch bleibe, hänge von verschiedenen Faktoren ab, was eine Prognose erschwere, so Petmecky. Geld sei scheu wie ein Reh: Ein negatives Beispiel, ein größerer Crash mit hohen Abschreibungen für Investoren – und schon läuteten die Alarmglocken im Markt, und die Goldgräberstimmung sei zumindest beeinträchtigt.

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