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Notenbanken : Zinspolitik im Schneckentempo

Egal ob Mario Draghi (links) Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) oder Jerome Powell, Chef der amerikanischen Notenbank Fed (rechts): Sie erhöhen die Zinsen nur langsam - oder gar nicht. Bild: dpa

Die Fed hat am Mittwoch ihren Leitzins über die Inflationsrate angehoben. Auch anderswo bewegen sich die Zinsen nur langsam – wie im 19. Jahrhundert.

          Die amerikanische Notenbank Fed hat am Mittwoch ihren Leitzins von 2 auf 2,25 Prozent erhöht. Im Vergleich mit vielen anderen Industrienationen wäre dies ein hoher Leitzins. Aber mit Blick auf die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte ist der Zins, der nunmehr leicht über der Inflationsrate liegt, immer noch sehr niedrig.

          Denn trotz einer prächtig laufenden Wirtschaft geht die Fed in diesem langen Konjunkturaufschwung sehr bedächtig vor. Von Anfang 2009 bis November 2015 hatte sie ihren Leitzins nahe null und damit unter der Inflationsrate gehalten. Eine Zinserhöhung zur Wochenmitte wäre die neunte seit November 2015. Gemessen an der jüngeren Vergangenheit, bewegt sich die Fed aber im Schneckentempo: Zwischen Juli 1980 und Januar 1981 etwa hatte sie ihren Leitzins von 9 auf 19 Prozent regelrecht nach oben geprügelt.

          Schweden könnte Wende einleiten

          Andere Notenbanken sind noch viel langsamer als die Fed. Die Europäische Zentralbank (EZB) will ihr im Frühjahr 2015 begonnenes Anleihekaufprogramm Ende des Jahres auslaufen lassen. Eine erste Leitzinserhöhung erwartet der Markt im Herbst 2019. Die Schweizerische Nationalbank deutete zuletzt bis auf weiteres keine Abkehr von ihrem historisch niedrigen Leitzins von minus 0,75 Prozent an, weil sie keine zu starke Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro wünscht. „Wir müssen uns eine expansive Geldpolitik leisten“, sagt ihr Präsident Thomas Jordan.

          Am extremsten wirkt das Verhalten der Bank von Japan, die seit nahezu 20 Jahren ihren Leitzins in der Nähe von null stehen lässt und wohl noch längere Zeit an diesem Niveau festhalten will. Die Schwedische Riksbank lässt ihren Leitzins seit zweieinhalb Jahren bei minus 0,5 Prozent verharren. Dies könnte sich in den kommenden Monaten aber ändern. „Wir nähern uns einer Zinserhöhung“, sagt Gouverneur Stefan Ingves.

          Wo in den Industrienationen die Zinsen steigen, geht es noch langsamer voran als in den Vereinigten Staaten. Die Notenbank in Norwegen hat in der vergangenen Woche zwar erstmals seit sieben Jahren ihren Leitzins erhöht, aber gleichzeitig die Erwartungen auf rasch weiter steigende Zinsen gedämpft. „Wir wissen nicht genau, wie höhere Zinsen auf den privaten Konsum wirken“, meint Gouverneur Øystein Olsen. „Das legt ein vorsichtiges Vorgehen in unserer Zinspolitik nahe.“

          In Wellington ließ der neue Gouverneur der neuseeländischen Notenbank, Adrian Orr, kürzlich durchblicken, dass er den Leitzins bis zum Jahre 2020 unverändert lassen will. In London will die Bank of England nach zwei Leitzinserhöhungen jetzt erst einmal abwarten, wie sich die wirtschaftliche Lage angesichts der Unsicherheit über den Verlauf des Brexits entwickelt.

          Hohe Zinsen sind nicht der Normalfall

          Ob in der Schweiz, in Schweden, Großbritannien oder in Neuseeland: Überall verharren die kurzfristigen Leitzinsen unter der Inflationsrate. Nicht nur in Deutschland müssen Sparer leiden, die Geld auf Bankkonten halten. In all diesen Ländern bringen kurzfristige Guthaben bei Banken und Sparkassen reale Vermögensverluste. In den meisten anderen Ländern ist im Vergleich zu Deutschland allerdings auch die Neigung der Sparer größer, Wertpapiere anstelle unrentabler Bankeinlagen zu halten.

          Ein Blick auf lange Zeitreihen, wie sie für den Leitzins der Bank of England vorliegen, gestattet eine historische Einordnung der gegenwärtigen Situation. Viele Menschen erinnern sich aus den Jahren 1960 bis 1995 an hohe Zinsen, aber der Blick in die Geschichte lehrt, dass diese Epoche, von den politisch wie wirtschaftlich sehr unruhigen Jahren 1914 bis 1945 abgesehen, eine Ausnahme darstellt. Weil Menschen dazu neigen, die in ihren jüngeren Jahren erlebten Verhältnisse als Normalfall und als Referenz zu betrachten, halten auch heute viele Menschen die hohen Zinsen der Jahre 1960 bis 1995 für den Normalfall.

          Die Frage nach der „normalen“ Leitzinserhöhung

          Noch heute schwärmen ältere Anleger von Kupons nahe 10 Prozent, die es nach der deutschen Einheit für Staatspapiere gab. In historischer Betrachtung war dies jedoch alles andere als normal, wie die Deutsche Bank in einer kürzlich veröffentlichten Studie gezeigt hat: Vielmehr waren die Zinsen zwischen 1960 und 1995 überdurchschnittlich hoch, weil damals die Inflationsrate überdurchschnittlich hoch war. „Es ist möglich, dass Wirtschaftshistoriker die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als eine historische Anomalie begreifen werden“, schreiben die Analysten der Bank. Damit waren auch die häufigen und zum Teil drastischen Leitzinsänderungen in jenen Jahrzehnten kein Ausdruck von Normalität.

          Wie Erfahrungen die Wahrnehmung prägen, verdeutlicht die Beurteilung der amerikanischen Geldpolitik in den Jahren vor Ausbruch der jüngsten Finanzkrise. Aus der Sicht vieler damaliger Kritiker hatte die Fed in den Jahren vor der Finanzkrise eine viel zu expansive Geldpolitik betrieben. In Tat und Wahrheit hatte die Fed zwischen April 2004 und August 2006 in siebzehn Schritten ihren Leitzins von 1 auf 5,25 Prozent erhöht. Wer die achtziger Jahre als Referenz nimmt, wird diesen Zinsanstieg nicht als extrem bezeichnen, doch aus heutiger Sicht würde man kaum von einem geldpolitischen Schneckentempo, sondern von einem Affentempo sprechen.

          Möglicherweise werden die Zinsausschläge in der absehbaren Zukunft, mit vielleicht kleineren Amplituden und auf einem niedrigeren Niveau, eher dem späten 19. Jahrhundert als den Jahren 1960 bis 1995 entsprechen (siehe Grafik). Im 19. Jahrhundert schwankten die Zinsen zwar, aber bei weitem nicht so stark wie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Voraussetzung für geringe Schwankungen der Zinsen sind allerdings weitgehend stabile Inflationsraten.

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