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Geldpolitik der EZB : Benzinpreis-Rutsch drückt die Inflation

Benzin und Diesel sind gegenüber dem Frühsommer wieder deutlich billiger geworden. Bild: dpa

Die Inflation könnte wieder unter ein Prozent fallen. Was heißt das für die Zinsentscheidung der EZB in der nächsten Woche?

          Autofahrern ist es an der Tankstelle sicherlich aufgefallen: Benzin und Diesel sind gegenüber dem Frühsommer wieder deutlich billiger geworden. Internetplattformen für Preisvergleiche wie Clever-Tanken berichten von einem „Benzinpreis-Rutsch“. Und auch der Autoklub ADAC vermeldet in dieser Woche: „Benzin siebte Woche in Folge billiger.“ Auf 1,232 Euro je Liter kommt Diesel zuletzt im Bundesdurchschnitt und auf 1,381 Euro je Liter Super E10. Gegenüber Mai ist der Super-Preis um etwa 10 Cent je Liter gesunken, der Diesel-Preis um etwa 6 Cent. Hintergrund sind vor allem niedrigere Rohölpreise. Öl der Nordseesorte Brent verbilligte sich von gut 70 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) auf zuletzt um die 60 Dollar.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das könnte auch die Inflation noch mal sinken lassen. Erste Ökonomen rechnen für September in der Eurozone wieder mit Inflationsraten von weniger als 1 Prozent, wie das zuletzt im Jahre 2016 der Fall war. Schon für die niedrige Inflation von nur 1 Prozent im Juli und im August hatten nach Angaben der europäischen Statistikbehörde Eurostat die Energiepreise eine maßgebliche Rolle gespielt.

          „Der Ölpreisrückgang dämpft die Inflation“, sagt Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank: „Schwankt der Ölpreis weiter um nur 60 Dollar je Fass, dann dürfte die Inflation im Euroraum im September auf 0,9 Prozent fallen, nachdem sie im August noch bei 1,0 Prozent lag.“ Der jüngste Ölpreisrückgang dämpfe die Inflation im Euroraum also nach seinen Berechnungen um 0,1 Prozentpunkte. „In Deutschland könnte der Effekt sogar 0,2 Prozentpunkte betragen, hier dürfte die Inflation im September von 1,4 Prozent auf 1,2 Prozent sinken.“

          Kernrate der Inflation für EZB wichtiger

          Wird diese Tendenz in der kommenden Woche den EZB-Rat in der Entscheidung über ein neues Lockerungspaket beeinflussen? Ist das Wasser auf die Mühle aller, die gern die Zinsen weiter senken würden? „Üblicherweise versucht die EZB, durch ölpreisbedingte Schwankungen der Inflation hindurchzuschauen“, sagt Krämer. Allerdings signalisiere eine sich abzeichnende Inflationsrate von weniger als 1 Prozent, dass die EZB noch weit von ihrem Inflationsziel von unter, aber nahe bei 2 Prozent entfernt sei.

          Dies gelte umso mehr, als die Inflation ohne die schwankungsanfälligen Energie- und Nahrungsmittelpreise im August auf nur 0,9 Prozent verharrte. Außerdem habe sich das Wirtschaftswachstum empfindlich abgeschwächt. „Die EZB dürfte auf ihrer Sitzung nächste Woche gezwungen sein, ihre Prognosen für das Wachstum und die Inflation wieder nach unten zu korrigieren“, sagt der Ökonom. All das stütze tendenziell die Position der Befürworter weiterer Lockerungen der Geldpolitik in Europa.

          Für die EZB ist die Kernrate der Inflation – das ist die Inflation ohne häufig schwankende Preise wie die für Energie und Lebensmittel – tendenziell wichtiger als die eigentliche Inflationsrate. „Grundsätzlich schaut sich die EZB aber eine ganze Reihe von Inflationsgrößen an“, sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank: „Dazu gehört die nominale Inflationsrate, die Kernrate, die marktbasierten Inflationserwartungen 5y5y, die umfragebasierten Prognosen des ,Survey of Professional Forecasters‘ sowie eigene Projektionen.“

          Die Inflationsrate sinke kontinuierlich seit Ende des Jahres 2018 von 2,3 auf aktuell 1 Prozent. Die Kernrate schwanke um 1 Prozent und betrage derzeit 0,9 Prozent. Die Inflationserwartung mit der meisten Beachtung seitens der EZB, die „5y5y Inflation Forward“, habe Ende 2018 bei 1,7 Prozent gelegen und sei auf 1,22 Prozent gefallen. Der „Survey of Professional Forecasters“ prognostiziere ebenfalls einen Fünf-Jahres-Zeitraum, dieser schwanke eigentlich zwischen 1,8 und 2 Prozent, sei aber zuletzt auf 1,7 Prozent gesunken. Die eigenen Projektionen der EZB gingen bis 2021 und lägen bei 1,6 Prozent. „Insgesamt geben die unterschiedlichen Indikatoren keinen Hinweis darauf, dass sich der fallende Inflationstrend in naher Zukunft ändern könnte“, meint Bielmeier.

          Debatte nimmt Fahrt auf

          Unterdessen hat jedoch eine Debatte an Fahrt aufgenommen, die eine stärkere Berücksichtigung der „gefühlten Inflation“ der Bürger und der in Umfragen ermittelten Inflationserwartungen der Haushalte für die Geldpolitik vorschlägt. Darüber war vor zehn Jahren schon einmal diskutiert worden, damals hatte sogar das Statistische Bundesamt vorübergehend die „wahrgenommene Inflation“ berechnet. Damals war es aber ein Ansatz, zu belegen, dass es mit der Inflation schlimmer sei als gemessen. Jetzt wird eher debattiert, ob nicht weniger Aufregung über die niedrige Inflation angemessen wäre.

          Vor einigen Wochen nun hat EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Cœuré bei einer Veranstaltung des Forschungszentrums Safe in Frankfurt darauf hingewiesen, dass die „gefühlte Inflation“ und die Inflationserwartungen der Haushalte im Moment viel dichter am Inflationsziel der EZB von 2 Prozent lägen als die am Rentenmarkt gemessenen Inflationserwartungen. Dabei spielten auch die Preise an der Tankstelle eine Rolle: Viele Menschen hätten einfache Faustregeln für die Inflation, bei denen Energiepreise und Preise für Lebensmittel eine wichtige Rolle spielten. Er plädierte durchaus dafür, nicht nur die marktbasierten Inflationserwartungen, sondern auch die der Haushalte zu berücksichtigen. Ein Arbeitspapier der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) unterstützte das zuletzt.

          Hat das Praxis-Relevanz? „Ja, ich erwarte, dass die Zentralbanken künftig zusätzlich zu den Markterwartungen mehr auf Umfragen schauen werden“, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg. Auch DZ-Bank-Ökonom Bielmeier vertritt diese Ansicht – für die aktuelle Entscheidung, so sagt er, spiele dies aber wohl noch keine so große Rolle.

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