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Euroinflation : Die Inflation im Euroraum steigt auf 9,1 Prozent

Die EZB strebt ein Inflationsziel von mittelfristig 2 Prozent an. Bild: dpa

Die Preise im Euroraum steigen wie noch nie seit Gründung der Europäischen Währungsunion. Immer mehr Mitglieder des EZB-Rates fordern, die Notenbank müsse die Zinsen energisch anheben. Nächste Woche kommt es zum Schwur.

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          Die Inflation im Euroraum ist im August auf 9,1 Prozent gestiegen. Das hat das Europäische Statistikamt Eurostat am Mittwoch nach einer ersten Schätzung mitgeteilt. Im Juli hatte die Rate noch bei 8,9 Prozent gelegen.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein neuer Rekord: Damit ist das Preisniveau im Euroraum auf Jahressicht gestiegen wie noch nie in der Geschichte der Europäischen Währungsunion. Inflationstreiber waren weiterhin die Preise für Energie mit einem Plus von 38 Prozent, aber auch Nahrungsmittel haben sich noch mal außergewöhnlich verteuert, um 10,6 Prozent. So hat etwa auch Brot deutlich im Preis zugelegt.

          Teurere Urlaubsreisen im Sommer

          In dem Sommermonaten machten sich zudem erheblich gestiegene Preise rund um den Urlaub bemerkbar. Nach zwei Coronajahren wollten viele Menschen mal wieder Urlaub machen, das war oftmals mit höheren Preisen verbunden. Etwas gedämpft worden ist die Teuerung hingegen durch politische Eingriffe in verschiedenen Ländern, beispielsweise durch Regelungen zum Tankrabatt. In Deutschland läuft die entsprechende Regelung in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag aus, in Frankreich wird sie hingegen noch ausgebaut.

          In manchen Euroländern, wie den baltischen Staaten, liegt die Inflation inzwischen bei 20 Prozent und mehr. An der Spitze steht Estland mit 25,2 Prozent. Zweistellig ist die Inflationsrate mittlerweile in vielen Euroländern, etwa auch in Spanien mit 10,3 Prozent und den Niederlanden mit 13,6 Prozent.

          Deutschland liegt da eher noch im Mittelfeld, auch wenn die stark gestiegenen Preise auch hierzulande schon für die viel Empörung sorgen. Nach nationaler Berechnungsweise betrug die deutsche Inflationsrate im August 7,9 Prozent. Nach der europäischen Berechnungsweise des Harmonisierten Verbraucherpreis-Index (HVPI) hat sie schon 8,8 Prozent erreicht.

          In Italien stieg die Inflation von 8,4 auf 9 Prozent. Die Inflation in Frankreich dagegen hat sich im August abgeschwächt. Die für den europäischen Vergleich berechnete Rate (HVPI) lag bei 6,5 Prozent und damit niedriger als im Juli mit plus 6,8 Prozent, wie das Statistikamt Insee am Mittwoch in Paris mitteilte. Damit hat Frankreich die niedrigste Inflation im Euroraum.

          „Obwohl sich die konjunkturellen Aussichten im Euroraum immer mehr eintrüben, sind wir von einer Trendumkehr bei der Inflation noch weit entfernt“, sagte Fritzi Köhler-Geib, die Chefvolkswirtin der KfW Bankengruppe: „Die unvermindert ansteigenden Nahrungsmittel- und Energiepreise, vor allem von Strom und Gas, dürften die Inflation im Euroraum in den letzten Monaten des Jahres auf mehr 10 Prozent treiben.“

          Wie stark hebt die EZB die Zinsen an?

          Die hohe Inflation im Euroraum ist auch deshalb relevant, weil die Europäische Zentralbank in der kommenden Woche am Donnerstag über die künftigen Leitzinsen entscheiden will. Fast täglich äußern sich Mitglieder des EZB-Rates zu der Frage, wie es aus ihrer Sicht weitergehen soll. Ein Schritt um 0,5 Prozentpunkte gilt als relativ wahrscheinlich. Eine Reihe von Mitgliedern des EZB-Rates hat sich aber angesichts der hohen Inflation aber auch schon für einen größeren Schritt um 0,75 Prozentpunkte ausgesprochen. Zumindest dürfe es in dieser Frage keine „Denkverbote“ geben, fordern sie. Von Forderungen nach einer Anhebung der Leitzinsen um einen ganzen Prozentpunkt hört man bislang dagegen wenig.

          EZB-Chefvolkswirt Philip Lane hatte die Erwartungen zuletzt eher wieder etwas gedämpft. Er hatte beschrieben, dass ein kontinuierlicher Weg der Zinsanhebung besser sei als einzelne sehr starke Zinsschritte.

          Bundesbankpräsident Joachim Nagel kommentierte am Mittwoch: „Die Inflationsrate im Euroraum hat im August mit 9,1 Prozent einen neuen Höchstwert erreicht - für immer mehr Menschen wird die hohe Inflation zu einer enormen Belastung.“ Gerade die Haushalte, die ohnehin mit wenig Geld zurechtkommen müssten, treffe es besonders hart. Es bestehe das Risiko, dass die Phase hoher Inflation noch länger anhalte und die aktuelle Teuerungswelle nur langsam abebbe.  „Daher ist es dringend notwendig, dass der EZB-Rat bei seiner nächsten Sitzung entschlossen handelt, um die Inflation zu bekämpfen“, sagte Nagel. Andernfalls könnten sich die Inflationserwartungen dauerhaft über der EZB-Zielmarke von zwei Prozent festsetzen: „Wir brauchen im September eine kräftige Zinsanhebung - und in den folgenden Monaten ist mit weiteren Zinsschritten zu rechnen.“

          Der niederländischen Notenbankchef Klaas Knot sagte am Dienstag: „Die Ausweitung und Vertiefung unseres Inflationsproblems macht ein energisches Handeln erforderlich.” Der belgische Notenbankchef Pierre Wunsch äußerte auf einer Konferenz im österreichischen Alpbach, die EZB müsse im Kampf gegen die ausufernde Inflation die Zinsen womöglich auf ein Niveau anheben, das die Wirtschaft bremst: „Ich denke, der Konsens ist, dass wir die Zinsen schnell auf ein Niveau anheben müssen, das ab einem gewissen Punkt restriktiv sein wird.“

          Auch eine ganze Reihe von Ökonomen plädiert dafür, die Zinsen jetzt schon stärker anzuheben. Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer ist mit der Ansicht vorgeprescht, dass 4 Prozent Leitzins angemessen wären, um die Inflation zu bekämpfen. Nach seiner Einschätzung müsste die Notenbank die Zinsen eigentlich schon jetzt um 0,75 Prozentpunkte anheben. Auch Frederic Ducrozet, Ökonom der Schweizer Bank Pictet, meint, angesichts der Inflationsaussichten wäre eine stärkere Zinsanhebung "wahrscheinlich gerechtfertigt".

          Unter anderen der an der London School of Economics lehrende Makroökonom Ricardo Reis argumentiert, dass die Schocks der vergangenen zwei Jahre von den Notenbankern falsch eingeschätzt wurden: Während die Zentralbanken geglaubt hätten, dass sie vorübergehender Natur seien, stellten sie sich als langfristiger heraus. Damit hätten sie früher von den Zentralbanken mit höheren Zinsen bekämpft werden müssen.

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