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Rekord seit Euroeinführung : Inflation im Euroraum steigt auf 10 Prozent

Die EZB hat mit immer höheren Inflationsraten zu kämpfen. Bild: dpa

Zum ersten Mal, seit es den Euro gibt, ist die Inflationsrate in der Europäischen Währungsunion zweistellig. Die EZB will mit weiteren Zinserhöhungen dagegen kämpfen. Doch wie schnell kann das wirken?

          3 Min.

          Die Inflationsrate im Euroraum ist erstmals seit der Euroeinführung zweistellig geworden. Wie das europäische Statistikamt Eurostat am Freitag nach einer ersten Schätzung mitteilte, lag die Inflation im September bei 10 Prozent. Im August hatte sie noch 9,1 Prozent betragen.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Obwohl viele Menschen in Deutschland bei der Euroeinführung Sorgen hatten, der Euro könnte weniger stabil als die D-Mark werden, hatten die Inflationsraten seit Beginn der Währungsunion im Schnitt aber sogar niedriger gelegen als zu D-Mark-Zeiten. Noch vor anderthalb Jahren war die Inflationsrate im Euroraum sogar negativ gewesen. Mit den Lieferengpässen nach der Coronapandemie und den Folgen des Ukrainekriegs hat sich das aber vollkommen verändert.

          Getrieben wurde die Teuerung abermals durch den sehr starken Anstieg der Energiepreise, die sich zum Vorjahresmonat um 40,8 Prozent erhöhten. Auch Lebens- und Genussmittel verteuerten sich mit 11,8 Prozent deutlich. Industriegüter waren 5,6 Prozent teurer als ein Jahr zuvor, für Dienstleistungen mussten 4,3 Prozent mehr gezahlt werden. Die Kerninflation ohne Energie, Lebens- und Genussmittel stieg von 4,3 auf 4,8 Prozent.

          Allerdings steigen die Preise nicht in allen Ländern gleichermaßen: In Spanien beispielsweise ist die Inflationsrate im September wieder unter die Marke von 10 Prozent gefallen, während sie in Deutschland über diese gestiegen ist. Hierzulande machte sich unter anderem die Abschaffung von Tankrabatt und 9-Euro-Ticket der Bahn bemerkbar.

          Am höchsten im Euroraum sind die Inflationsraten in den baltischen Ländern Estland mit 24,2 Prozent, Litauen mit 22,5 Prozent und Lettland mit 22,4 Prozent. Das ist schon seit längerem so und hängt mit der Wirtschaftsstruktur dort zusammen. Auch die Teuerung in den Niederlanden ist mit 17,1 Prozent ungewöhnlich hoch. Relativ niedrig, vor allem durch staatliche Eingriffe, sind die Inflationsraten dagegen in Frankreich. Dort ging die Inflation im September sogar von 6,6 auf 6,2 Prozent zurück.

          Bei verschiedenen Rohstoffen hatten zuletzt Rezessionssorgen zu Preisrückgängen geführt. So war der Ölpreis auf dem Weltmarkt auf weniger als 90 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Litern) für die Nordseesorte Brent gesunken, das führte zu einer gewissen Entlastung bei den Energiepreisen. Allerdings hat im Gegenzug der Wechselkurs des Dollars zum Euro zugelegt. Das verteuerte Importe aus dem Dollarraum in den Euroraum zusätzlich.

          EZB gerät immer mehr unter Druck

          Die neuen Inflationszahlen dürften auch die Europäische Zentralbank (EZB) nicht unbeeindruckt lassen. Die Notenbank ist laut ihren jüngsten Prognosen gleichwohl weiter zuversichtlich, dass im nächsten Jahr die Inflationsraten sinken. Für den Durchschnitt des nächsten Jahres erwartet sie aktuell 5,5 Prozent Inflation. Aus Banken waren aber auch schon Prognosen mit zweistelligen Inflationsraten zumindest für die ersten Monate des nächsten Jahres zu hören. Für Deutschland rechnen die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten mit 8,8 Prozent Inflation im nächsten Jahr. Wie der geplante Gaspreisdeckel genau auf die Inflationsrate wirken wird, ist noch umstritten.

          Die EZB hat bereits zweimal die Zinsen angehoben, im Juli und September. Für die nächsten Zinssitzungen hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde weitere Zinserhöhungen in Aussicht gestellt. Sie hat deutlich gemacht, dass sie den aktuellen Leitzinssatz noch nicht für geeignet hält, die Inflation wieder auf das Ziel der EZB von 2 Prozent zusteuern zu lassen.

          Allerdings: Auf die steigenden Energiepreise hat die EZB kaum Einfluss, allenfalls über den Wechselkurs. Sie kann kurzfristig vor allem die Inflationserwartungen beeinflussen und verhindern, dass diese zu einer Verfestigung der Inflation führen. Ihre konventionellen Einflussmöglichkeiten brauchen mehr Zeit und dürften erst im nächsten Jahr wirken.

          Ringen um Höhe des nächsten Zinsschrittes

          EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hatte unlängst in einer Diskussion mit den Ökonomen Paul Krugman und Larry Summers bereits die Sorge geäußert, dass die Zinserhöhungen der EZB für die hohe Inflation im Herbst und Winter noch nicht viel brächten. Summers meinte dazu: Ja, das sei so wie in einem alten Hotel – in dem man beim Duschen an den Wasserhähnen drehe, aber die Temperatur leider mit Verzögerung reagiere.

          Die Mitglieder des EZB-Rates diskutieren unterdessen darüber, wie stark die Leitzinsen auf der nächsten EZB-Sitzung am 27. Oktober angehoben werden sollen. Der Notenbank-Chef der Slowakei, Peter Kazimir, sagte, er halte eine Zinserhöhung um 75 Basispunkte zumindest für einen guten Kandidaten.

          Das österreichische Ratsmitglied Robert Holzmann sprach sich ebenfalls für einen weiteren deutlichen Zinsschritt aus. Eine Zinserhöhung um einen ganzen Prozentpunkt wäre nach seiner Einschätzung aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu viel. EZB-Chefökonom Philip Lane hingegen warnte vor Übertreibungen bei der Normalisierung der Geldpolitik.

          Die Commerzbank erwartet jetzt einen „Zinsgipfel“ der EZB, also den Höhepunkt des Leitzinssatzes in der anstehenden Zinserhöhungsrunde, bei 3 Prozent, wie sie am Freitag mitteilte.

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