https://www.faz.net/-gv6-98qd6

Schwellenländer : Indien kommt

Einzelhandel läuft in Indien noch immer meist an der offiziellen Wirtschaft vorbei. Bild: AFP

Indien gilt als schlafender Riese, dem bisher das Aufwachen nicht so recht gelingen wollte. HSBC-Fondsmanager Nilang Mehta glaubt, dass es nun für die Wirtschaft und den Aktienmarkt so weit ist.

          3 Min.

          Indien gilt in der Wirtschaftswelt wie einst China immer noch als schlafender Riese. Das mit 1,32 Milliarden Einwohnern knapp hinter China zweitgrößte Land der Welt ist nur die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt noch hinter Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für Nilang Mehta, Fondsmanager des HSBC Indian Equity Funds, wird das in zehn Jahren anders aussehen. „Das große Bevölkerungswachstum spricht für die indische Wirtschaft. Es wird in zehn Jahren nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Welt sein, sondern auch deren drittgrößte Volkswirtschaft.“ Während China und die westliche Welt zunehmend vergreisten, werde Indien immer noch jünger. Um 20 Prozent werde die erwerbsfähige Bevölkerung bis 2028 gewachsen sein. „Das bringt Herausforderungen mit sich, birgt aber auch viel Chancen.“

          Diese Erwartungen sind nicht neu und wurden auch in der Vergangenheit geäußert. Mehta räumt das ein: „Indien hat viele Fehlstarts erlebt.“ Die Regierung Modi aber habe einige gute Grundlagen geschaffen, von denen der Fondsmanager annimmt, dass sie sich in den kommenden Jahren auszahlen werden.

          Impulse durch Insolvenzrechtsreform

          Die neue Insolvenzgesetzgebung werde der Bankenbranche neues Leben einhauchen. Mit einem Anteil notleidender Kredite von 20 Prozent stehe diese derzeit noch nicht gut da. Das aber liege zum Gutteil eben daran, dass das alte Konkursrecht zu langwierigen Verfahren geführt habe, die es den Banken nicht erlaubt habe, ihre Bilanzen zeitnah zu bereinigen. Das werde sich ändern.

          „Wir erwarten eine Erholung des Kreditzyklus‘, da die Lösung des Problems notleidender Kredite an Fahrt gewinnt und die Belastung der indischen Banken verringert. Dies wird durch die Belebung des Wirtschaftswachstums und des privaten Investitionszyklus noch verstärkt“, ist sich Mehta sicher. Vor allem die Aktien von Banken mit Unternehmenskunden seien vielversprechend, da diese derzeit attraktiv bewertet seien.

          Transformation der Schattenwirtschaft

          Des Weiteren setzt er auf erhöhte Infrastrukturausgaben und nicht zuletzt auf einen verstärkten Übergang der schwarzen Wirtschaft in die offizielle. Denn das Ausmaß der Schattenwirtschaft ist riesig. Gerade auf einmal neun Prozent beziffert Mehta den Anteil der offiziellen Wirtschaft etwa im Einzelhandel.

          Mit einer Reihe von Maßnahmen versuche die Regierung diesen Übergang zu erreichen. Als großen Schritt wertet Mehta, die Vereinheitlichung der Umsatzsteuer. „Indien ist wie eine Art EU. Es gibt 29 Bundesstaaten mit eigenen Gesetzen und Besteuerungsgrundlagen. Die Bedeutung einer nationalen Steuer nach dem Prinzip ‚Eine Nation, ein Steuerkonzept‘ ist nicht zu unterschätzen.“

          Auch neue gesetzliche Grundlagen für die Rechnungsstellung, die Verpflichtung zum Führen von Ausweispapieren seien wichtig gewesen. Verbunden mit einer Senkung der Steuersätze, könnten diese Maßnahmen den Übergang beschleunigen. „Das wird gewiss nicht von heute auf morgen gehen. Wir rechnen aber damit, dass etwa im Einzelhandel der Anteil der offiziellen Transaktionen bis 2028 auf 20 bis 25 Prozent steigen kann.“ Dementsprechend übergewichtet Mehta neben Finanzwerten unter anderem auch Einzelhandelsaktien, wobei der Schwerpunkt generell dem Verbrauchsgütersektor gilt.

          Sehr erfolgreich war der HSBC-Fonds, an dessen Management Mehta seit vier Jahren beteiligt ist, langfristig indes nicht. Auf Sicht von zehn Jahren reicht es nach Daten des Branchendienstes Morningstar nur für den vorletzten Platz unter den Indienfonds und auch über fünf Jahre sieht es nicht viel besser aus.

          Allerdings konnte sich der Fonds in den vergangenen zwei Jahren von den hinteren Plätzen lösen. „Wir sind bei zyklischen Werten aufgrund ihrer relativ attraktiven Bewertungen übergewichtet. Das zahlt sich erst seit 2016 inmitten der laufenden Erholung der gesamten Wirtschaft aus. Zudem waren wir bei Nebenwerten recht deutlich untergewichtet, die in dieser Zeit alle Erwartungen übertroffen haben. Wir sind von unserem bewertungsorientierten Ansatz aber weiter überzeugt. Wenn die Themen, die wir in den Vordergrund stellen, sich so entwickeln wie geplant, wird sich das auch in einer positiven Wertentwicklung niederschlagen.“

          Mit seiner positiven Einschätzung von Indien ist Mehta nicht alleine. Auch Sukumar Rajah, Direktor des Portfolio-Managements für den Schwellenländer-Bereich bei der Gesellschaft Franklin Templeton, ist trotz aller Kursgewinne weiter optimistisch und teilt Mehtas Einschätzungen hinsichtlich der zyklischen Konsumgüter und der Banken. Da Rajah zudem auch kleinere und mittlere Werte im Blick hat, sind für ihn auch Bauträger und Immobilienverwalter interessant.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Woran festhalten, was erneuern? Hendrik Wüst blickt nach vorne.

          Kritik an Parteispitze : Die Abrechnung der Jungen Union

          Fehlende thematische Positionierung, Störfeuer aus Bayern und eine Kampagne, die zum Teil „nur noch zum Haare raufen“ gewesen sei: Der Parteinachwuchs ist beim Deutschlandtag gereizt.
          Die unbekannte Oberschicht, hier mal wieder reduziert auf maßlos überteuerte Handtaschen.

          Soziologie : Unbekanntes Wesen Oberschicht

          Anders als die Gruppe der Niedrigverdiener und die Mittelklasse ist die reiche Oberschicht soziologisch kaum erforscht. Umso trefflicher lässt sich darüber streiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.