https://www.faz.net/-gv6-afnz1

Anleger in Sorge : Evergrande-Krise nährt Furcht vor Domino-Effekt in China

  • Aktualisiert am

Das China Evergrande Centre in Hongkong. Bild: AFP

Der riesige Immobilienkonzern China Evergrande rutscht immer tiefer in die Überschuldungskrise. Sollte das Unternehmen zusammenbrechen, könnte es andere mitreißen.

          3 Min.

          Die Situation für den hoch verschuldeten chinesischen Immobilienkonzern China Evergrande wird immer bedrohlicher. Die Ratingagentur Fitch stufte am Mittwoch ihre Bonitätsbewertung für den Konzern und zwei seiner Tochtergesellschaften wegen der Gefahr von bevorstehenden Zahlungsausfällen herunter. „Die Herabstufung spiegelt unsere Ansicht wider, dass ein Ausfall in irgendeiner Form wahrscheinlich erscheint“, begründeten die Fachleute von Fitch den Schritt. „Wir glauben, dass das Kreditrisiko angesichts knapper Liquidität, rückläufiger Vertragsverkäufe, des Drucks verspäteter Zahlungen an Lieferanten und Auftragnehmer und begrenzter Fortschritte bei der Veräußerung von Vermögenswerten hoch ist.“

          Die langfristige Bonitätsnote laute nun „CC“ nach zuvor „CCC+“. In den Tagen zuvor hatten die Ratingagenturen Moody's und die heimische China Chengxin International (CCXI) ihre Einstufung ebenfalls gesenkt. Vor rund einer Woche hatte der zweitgrößte Immobilienentwickler des Landes selbst vor Liquiditäts- und Ausfallrisiken gewarnt, falls es ihm nicht gelingen sollte, die Bautätigkeit wieder aufzunehmen, Beteiligungen zu verkaufen und Kredite zu erneuern.

          Schuldenabbau wird holprig

          An den Finanzmärkten wächst die Unruhe. Der Kurs der in Hongkong notierten Aktien von Evergrande fiel am Mittwoch zeitweise auf ein Sechs-Jahres-Tief, schloss dann aber mehr als 4 Prozent im Plus. Seit Monatsbeginn ist die Notierung aber um 15 Prozent gefallen, das Minus seit Jahresbeginn beträgt mehr als 76 Prozent. „Wir gehen davon aus, dass der Weg des Schuldenabbaus des Unternehmens holprig sein wird, was zu hohen Preisnachlässen für seine Immobilienverkäufe und möglichen Veräußerungen von Vermögenswerten führen könnte“, sagten Analysten von Goldman Sachs in einer aktuellen Studie.

          F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

          Werktags um 6.30 Uhr

          ANMELDEN

          An den Anleihemärkten fiel der Preis für eine bis Mai 2023 laufende und mit 5,9 Prozent verzinste Anleihe des Unternehmens um weitere 2,8 Prozent nach einem Absturz von mehr als 50 Prozent seit vergangener Woche. Die Renditen der Dollar-Anleihen mit Zinskupons von in der Regel 12 Prozent liegen zum Teil bei weit mehr als 100 Prozent. Auch die Anleihenkurse anderer chinesischer Immobilienkonzerne verloren deutlich. Zeitweise hatte die chinesische Börse den Handel wegen der Kursturbulenzen ausgesetzt.

          Zwar werden in diesem Jahr keine Anleihen fällig, dennoch schätzt Fitch, dass der Konzern allein im September Zinszahlungen für Anleihen von 129 Millionen Dollar und vor Jahresende 850 Millionen Dollar leisten muss. Im Juni war Evergrande mit Zinszahlungen in Verzug geraten, was die Talfahrt der Wertpapierkurse an den Börsen beschleunigt hatte. Angeblich will Evergrande nun Zinszahlungen für Kredite von zwei Banken aussetzen, die in wenigen Tagen fällig werden. Der Konzern ist der am höchsten verschuldete Bauträger der Welt.

          CHINA EVERGRANDE GROUP

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Das Unternehmen hat auch mit fälligen Zahlungen an Lieferanten zu kämpfen. Börsendokumenten zufolge hatte Evergrande Ende August ausstehende Verbindlichkeiten in Höhe von 562 Millionen Yuan gegenüber seinem Lieferanten Skshu Paint. Dieser begnügt sich nach eigenen Angaben nun damit, drei unvollendete Evergrande-Projekte zu übernehmen. In China ist eine Finanzierung über Lieferantenwechsel, als Commercial Bills bekannt, durchaus üblich, nicht zuletzt, weil sie technisch nicht als Schulden eingestuft werden. Für Evergrande sind diese zu einem wichtigen Finanzierungsinstrument geworden.

          CHINA EVERGR.GR. 17/25

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Die Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen und sonstigen Verbindlichkeiten stiegen seit Dezember um 15 Prozent auf den Rekordwert von 951 Milliarden Yuan (147 Milliarden Dollar), was fast die Hälfte der gesamten Verbindlichkeiten ausmachte. Das steht in scharfem Kontrast zur bilanzierten Verschuldung des Konzerns, die auf ein Fünfjahrestief von 572 Milliarden Yuan geschrumpft ist.

          Furcht vor Dominoeffekt

          Evergrande hatte mit dem Halbjahresgeschäftsbericht vermeldet, dass einige Verbindlichkeiten für die Bauentwicklung überfällig seien, was zur Einstellung der Arbeiten an einigen Projekten geführt habe. Investoren fürchten im Fall eines Zusammenbruchs von Evergrande Schockwellen für das chinesische Bankensystem. „Seine riesige Bilanz wird einen echten Dominoeffekt auf China haben“, hatte Nomura-Ökonom Lu Ting vor einiger Zeit gesagt. „Wenn Finanzinstitute Geld verlieren, werden sie die Kreditvergabe an andere Unternehmen und Sektoren einschränken."

          Von den chinesischen Behörden gibt es nur wenige Aussagen, ob bereit Pläne für den weiteren Umgang mit Evergrande vorliegen. Bisher hatten sie es dabei bewenden lassen, das Immobilienunternehmen zu drängen, seine Schuldenrisiken zu beseitigen.

          Evergrande-Gründer Hui Ka Yan hat sein Imperium im Laufe von mehr als zwei Jahrzehnten mit hohen Krediten und der gierigen, nicht immer legalen Aneignung von Bauland aufgebaut. Die Gruppe hatte im vergangenen Jahr eine Schuldenkrise mit Hilfe wohlhabender Freunde und der Regierung durchstanden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Atomkraft: Zu Unrecht undiskutabel?

          Energiewende unter der Ampel : Die Atom-Diskussion wagen

          Die Energiewende ist kein einfaches Unterfangen. Die Ampel möchte vermehrt auf erneuerbare Energien setzen, aus Gründen des Klimaschutzes. Eine andere Energiequelle fällt aus der Diskussion.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.