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Übernahmen : Immobilien-Deal treibt deutsches Fusionsgeschäft an

Übernahme-Treiber: Vonovia-Vorstandschef Rolf Buch (r), hier mit Nordrhein-Westfalens Wirtschaftminister Andreas Pinkwart. Bild: dpa

Der Kauf von Deutsche Wohnen durch Vonovia ist das prominenteste Beispiel: Viele deutsche Unternehmen kaufen gerade zu oder lassen sich übernehmen. Global passiert noch mehr.

          3 Min.

          Maßgeblich befördert durch eine Großfusion in der Immobilienbranche zieht der Markt im deutschen Übernahmegeschäft an. Das Volumen angekündigter Transaktionen mit deutscher Beteiligung stieg im bisherigen Jahresverlauf gegenüber der Vergleichsperiode 2020 um gut ein Viertel (28 Prozent) auf 93,5 Milliarden Dollar. Das rechnet der Datendienstleister Refinitiv vor, der Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions, M&A) erfasst, in denen der Erwerber oder das Übernahmeziel aus Deutschland kommt oder auch beide inländisch sind. Stichtag ist der 16. Juni.

          Klaus Max Smolka
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach Ende des M&A-Booms der Nullerjahre – vor knapp eineinhalb Jahrzehnten – gab es nur zwei Jahre, in denen der Betrachtungszeitraum mehr Volumen mit deutscher Beteiligung brachte: 2016 und 2018. Der aktuelle Zuwachs ist ausschließlich bedingt durch innerdeutsche Fusionen. Grenzüberschreitende Transaktionen waren, am kumulierten Volumen gemessen, stark rückläufig, und zwar in beide Richtungen: sowohl mit deutschen Käufern im Ausland als auch mit ausländischen Erwerbern in Deutschland. Herausstechende Transaktion ist die Großfusion auf dem deutschen Immobilienmarkt: Vonovia will Deutsche Wohnen in einer Transaktion erwerben, die von Refinitiv mit 34,5 Milliarden Dollar bewertet wird. Sie macht den Wohnungssektor zu der Branche, die das M&A-Geschehen hierzulande im bisherigen Jahresverlauf am meisten prägt.

          Die Gründe sind vielfältig

          „Ein Großteil der Unternehmen hat sich von den Auswirkungen der Covid- Pandemie erholt, und das hat einige strategische Themen wieder in den Vordergrund gerückt“, urteilt Patrick Frowein, Ko-Leiter des Investmentbankings der Deutschen Bank in Europa, Nahost und Afrika, zum M&A-Stand und den Aussichten. Jens Maurer, Ko-Leiter Investmentbanking Deutschland/Österreich von Morgan Stanley, sieht den M&A- Markt „mit Rückenwind“ aus der Pandemie kommen. „Deutsche Unternehmen sind vergleichsweise gut durch die Krise gekommen, die Konditionen in den Finanzierungsmärkten sind nach wie vor sehr attraktiv und unterstützen damit strategische Zukäufe.“ Weitere Faktoren: Unternehmen schicken sich an, Sparten zu verkaufen, um die Bilanz zu reparieren. Finanzinvestoren haben in der Pandemie ungebrochen Geld eingesammelt, das jetzt investiert sein will. Börsenmäntel (SPACs), die eigens für Übernahmen gegründet werden, treiben das Geschäft an.

          Dazu kommt unverändert der Druck von Aktionären, die auf der Auflösung von Mischkonzernen bestehen. Dem können sich Vorstände schwer entziehen. Ein „strategischer Fokus auf Corporate Clarity“ befeuere das M&A-Geschehen, so drückt dies Michele Iozzolino aus, Ko-Leiter des Investmentbankings von J.P. Morgan in Deutschland.

          J.P. Morgan in Deutschland führend

          Deutschland bleibt dabei mit seinem Zuwachs international noch weit zurück. Der Datendienstleister Dealogic hat die addierten Volumina in den ersten fünf Monaten des Jahres berechnet – und kommt für Deutschland auf ein Plus von 22 Prozent (auf 83 Milliarden Dollar), verglichen mit 102 Prozent in Europa/Nahost/Afrika und 177 Prozent global. Der Anteil an Transaktionen steigt, in denen die Auktion gar nicht mehr zu Ende geführt wird, weil ein Bieter mit einem besonders schnellen und hohen Gebot vor der finalen Abgabefrist die anderen aussticht. Bei Goldman Sachs lag der Anteil dieser Transaktionen seit Anfang 2020 in Europa/Nahost/Afrika bei über einem Drittel, wie Christopher Droege berichtet, Ko-Leiter des M&A-Geschäfts in Deutschland und Österreich.

          Refinitiv ermittelt auch eine Rangliste mandatierter Investmentbanken gemessen am addierten Volumen der betreuten Transaktionen – wobei das Momentaufnahmen sind, die durch einzelne Deals stark beeinflusst sein können. J.P. Morgan führt in den Deals mit deutscher Beteiligung vor Goldman Sachs und Morgan Stanley. Die Deutsche Bank liegt auf Platz vier, steht dafür im Untersegment der mittelgroßen Deals an der Spitze, vor Rothschild und Morgan Stanley.

          Am deutschen Aktienmarkt nahmen Unternehmen im bisherigen Jahresverlauf 23 Milliarden Dollar auf, zwei Fünftel davon im Zuge einer Erstnotierung (Initial Public Offering, IPO). Finanzinvestoren entscheiden sich momentan häufiger als in vergangenen Jahren für einen Börsengang, um aus einer Beteiligung auszusteigen „Der gut laufende IPO-Markt absorbiert derzeit eine Reihe von klassischen M&A-Deals – insbesondere solche, die ansonsten zwischen Private Equity Investoren oder zumindest auf einer der beiden Seiten unter Teilnahme von Private Equity stattgefunden hätten“, urteilt Burc Hesse, Partner bei der Kanzlei Latham & Watkins.

          Sein Kollege Michael Ulmer von der Kanzlei Cleary Gottlieb wirft die Frage auf, ob der Boom am Kapitalmarkt vorbei sei. „Nach den Börsengängen etwa des Laborkonzerns Synlab, des Elektronikunternehmens Katek und des Getriebeherstellers h­Gears scheint die Aufnahmefähigkeit des Kapitalmarkts an erste Grenzen zu stoßen“, schreibt er in einer Notiz an Kunden. „Der IPO des Onlinehändlers Mein­Auto wurde bereits verschoben. Andere Unternehmen arbeiten zunächst weiter an der Erstnotierung.“

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