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Das liebe Geld : Immanuel Kant und das Geld

  • -Aktualisiert am

Der Philosoph bei der Arbeit: Immanuel Kant in seiner Schreibstube Bild: Imago

Der Philosoph Immanuel Kant hat viel über das Wesen des Geldes nachgedacht. Seine Erkenntnisse sind aktueller denn je.

          5 Min.

          Den Anfang einer philosophischen Theorie macht wieder einmal Aristoteles. Seine Aussagen zum Geld, vor bald zweieinhalb Jahrtausenden getroffen, sind immer noch respektabel: Durch das Geld werden die verschiedensten Güter kommensurabel, womit es Gleichheit zwischen ihnen herstellt. „Wie viele Paar Schuhe entsprechen einem Haus oder einer gewissen Menge an Nahrungsmitteln?“ Das Geld ist für den Handel wie ein Schmieröl. Es sorgt nämlich dafür, dass man, was heute nicht gebraucht wird, später erwerben kann. Der Zins wiederum ist jenes Geld, das das Geld abwirft.

          Auch als Moralphilosoph nimmt Aristoteles Stellung. Hier erwartet man vermutlich abfällige Bemerkungen, die das Geld als „schnöden Mammon“ diskreditieren. Aristoteles ist jedoch kein Moralist, der das Geld verachtet. Er kritisiert lediglich eine Lebensform, die nach Geld und immer mehr Geld strebt. Sein Argument strahlt Nüchternheit aus: Wer das Verlangen nach Geld zum Lebensziel macht, der verkennt dessen Wesen und pervertiert ein Mittel für Tauschgeschäfte und den Erwerb gewünschter Güter zum Selbstzweck. Bei der entsprechenden Geldgier, einer nie befriedigten Sucht, gehen Maß und Mitte verloren, und der humane Sinn, ein angenehmes und sicheres Leben zu ermöglichen, verschwindet aus dem Blick

          Nüchternheit zeichnet auch den größten Moralphilosophen der Neuzeit, Immanuel Kant, aus, obwohl er nach landläufiger Meinung nicht wie sein antiker Kollege ein Realist, sondern ein Idealist ist. Bei Aristoteles finden sich, wie beschrieben, Ansätze einer Wirtschafts- und Finanztheorie, die es bei Kant ebenfalls gibt. Aus zwei Gründen fallen sie bei ihm spärlicher, aber dafür nicht weniger interessant aus.

          Geld als Sache

          Zum einen ist die fachliche Spezialisierung zu seiner Zeit so weit fortgeschritten, dass ein kluger Moralphilosoph die Wirtschafts- und Finanztheorie lieber anderen überlässt. Nur einen großen Denker interessierte dies damals wenig: Der einflussreichste Wirtschaftstheoretiker der Neuzeit, Adam Smith, hatte etliche Jahre einen Lehrstuhl für Moralphilosophie inne und verfasste in dieser Zeit eine bedeutende Theorie moralischer Gefühle. Zum anderen legt Kant im Verlauf seiner intellektuellen Entwicklung mehr und mehr Wert auf ein reines, von aller Empirie freies Philosophieren. Darauf kommt es bei der Frage an, was Geld ist, der Kant einen eigenen Abschnitt widmet.

          Die Antwort steht in Kants Rechts- und Staatsphilosophie, der Rechtslehre, die einen integralen Teil von Kants umfassender Freiheitsphilosophie ausmacht. Auf diese Weise erscheint das Geld als ein Element von Freiheit. Vergegenwärtigen wir uns kurz den Zusammenhang: Die Menschen, ihrer Natur nach Freiheitswesen, teilen miteinander denselben Lebensraum. Bei der deshalb unvermeidlichen Kommunikation („Verkehr“) schränken sie ihre Freiheit, Beliebiges zu tun und zu lassen, also ihre Handlungsfreiheit, notwendigerweise gegenseitig ein. Ein Stück Land beispielsweise, das der eine besitzen will, kann auch ein anderer wollen, so dass, wie auch immer der Streit ausgetragen wird, ihre Freiheit begrenzt wird. Die wechselseitige Einschränkung hat dann jenen moralischen Rang, der auch Gerechtigkeit heißt, wenn sie dem vom kategorischen Imperativ her bekannten Kriterium der Verallgemeinerbarkeit genügt. In Kants bekannter Formel: „Das Recht ist der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann.“

          Auf dieser Grundlage, der allgemein verträglichen Freiheit, entwickelt Kant zunächst den Gedanken eines angeborenen Rechts, dann das Recht auf Privateigentum. Bei diesem gibt es, etwas vereinfacht, zwei Grundarten, Sacheigentum und geistiges Eigentum, die den zwei Grundarten von Kommunikation entsprechen – dem Verkehr mit Gedanken und dem mit Sachen. Während dort das Schrifttum („Buch“) zuständig ist, gilt hier das Geld als das entscheidende Instrument. Im Rahmen der rechtstheoretischen Grundalternative, dass etwas entweder eine Sache oder eine Person ist, fällt das Geld offensichtlich unter die Sachen, denn selbst für den Geldgierigen ist es kein zurechnungsfähiges, mit Freiheit und Verantwortung begabtes Wesen.

          Geld als Thema der Philosophie

          Zur Natur von Sachen, allerdings ausschließlich von Sachen, gehört es nun, dass man sie kaufen und verkaufen, also veräußern kann. Dabei gibt es laut Kant zwei Grundarten: den Tausch im strengen Sinn, also das Nehmen und Geben von Waren gegen Waren (Naturaltausch), und den Handel, in dem Waren mit Geld bezahlt werden. Wie der Naturaltausch augenfällig zeigt, ist Geld bei Sachen kein notwendiges, aber ein „allgemein beliebtes“, längst sogar das wichtigste Kommunikationsinstrument. Es ist zwar kein notwendiges, aber das „größte und brauchbarste aller Mittel“. Seinem Wesen nach ist es nicht zu verschenken, da, auch wenn man Geld verschenken kann, es vielmehr als Instrument des Handels, zum „wechselseitigen Erwerben“, gedacht ist.

          Das Kommunikationsmittel Geld, darauf legt Kant Wert, hat einen rein formalen, folglich nicht empirischen, vielmehr bloß intellektuellen Charakter. Genau aus diesem Grund tauge es zu einem philosophischen, näherhin rechtsphilosophischen Thema. Andernfalls müsste der Philosoph es vollständig der positiven Rechtswissenschaft und den empirischen Wirtschaftswissenschaften überlassen.

          Als juristischer Laie darf man sich hier vom geltenden deutschen Recht bestätigt fühlen. Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) taucht der Ausdruck „Geld“ zwar an einigen Stellen auf. Nach Paragraph 250 BGB zum Beispiel kann ein etwaiger Schadenersatz auch in Geld verlangt werden. Eine gesetzliche Definition von Geld sucht man im BGB aber – durchaus zu Recht – vergebens. Der Bundesgerichtshof hat sich allerdings in einer Entscheidung zu Paragraph 146 Strafgesetzbuch „Geldfälschung“ an einer Definition versucht, die als weithin sachgerecht erscheint und meines Erachtens problemlos auf das Zivilrecht anwendbar ist. Danach ist Geld „jedes vom Staat als Wertträger beglaubigte, zum Umlauf im öffentlichen Verkehr bestimmte Zahlungsmittel ohne Rücksicht auf einen allgemeinen Annahmezwang“.

          „Die Summe des Fleißes“

          Während nun Waren einen direkten Wert haben – Kants Beispiel ist das Getreide –, hat Geld an sich keinen Wert: „Man kann es selbst nicht genießen, oder als ein solches irgend wozu unmittelbar gebrauchen“, trotzdem ist es „unter allen Sachen von der höchsten Brauchbarkeit“. Der Grund liegt auf der Hand: Im Nachteil, kein direkter, sondern ein indirekter Wert zu sein, liegt zugleich der Vorteil. Er beläuft sich auf ein Freiheitsmoment, den Kant aber nicht hervorhebt: Indem das Geld „alle Waren repräsentiert“, taugt es zum universalen Zahlungsmittel.

          Aus demselben Grund, dass das Geld alle Waren repräsentiert, steht es Kant zufolge für den Fleiß der Menschen, nämlich für die regelmäßige Anwendung ihrer eigenen Kräfte. Für Kant folgt daraus, dass der „Nationalreichtum, insofern er vermittelst des Geldes erworben worden, eigentlich in der Summe des Fleißes“ besteht, „mit dem Menschen sich untereinander lohnen“.

          Diesem Gedanken kann man eine aktuelle Bedeutung zusprechen. Da sich im Wert einer Währung, könnte Kant sagen, der Fleiß eines Volkes widerspiegelt, gibt man mit dem Verzicht auf die eigene Währung einen erheblichen Teil der Souveränität, sowohl der Verantwortung als auch der Kontrolle, in Bezug auf den „nationalen Fleiß“ auf.

          Noch etwas ist für Kants Geldtheorie wichtig, nämlich die Kritik eines verbreiteten, oberflächlichen Verständnisses: Wer Banknoten für das Geld selbst hält, erliegt einer Täuschung. Banknoten können zwar „eine Zeit hindurch die Stelle“ des Geldes „vertreten“, ihr Wert gründet aber bloß in der Erwartung, sie in der Zukunft „in Barschaft“ umsetzen – nämlich mit den Banknoten etwas kaufen zu können. Was Zeiten hoher Inflation schmerzlich lehren: Der hinter den Banknoten stehende Wert als Zahlungsmittel kann kräftig sinken.

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