https://www.faz.net/-gv6-9dxyc

Das liebe Geld : Immanuel Kant und das Geld

  • -Aktualisiert am

Der Philosoph bei der Arbeit: Immanuel Kant in seiner Schreibstube Bild: Imago

Der Philosoph Immanuel Kant hat viel über das Wesen des Geldes nachgedacht. Seine Erkenntnisse sind aktueller denn je.

          Den Anfang einer philosophischen Theorie macht wieder einmal Aristoteles. Seine Aussagen zum Geld, vor bald zweieinhalb Jahrtausenden getroffen, sind immer noch respektabel: Durch das Geld werden die verschiedensten Güter kommensurabel, womit es Gleichheit zwischen ihnen herstellt. „Wie viele Paar Schuhe entsprechen einem Haus oder einer gewissen Menge an Nahrungsmitteln?“ Das Geld ist für den Handel wie ein Schmieröl. Es sorgt nämlich dafür, dass man, was heute nicht gebraucht wird, später erwerben kann. Der Zins wiederum ist jenes Geld, das das Geld abwirft.

          Auch als Moralphilosoph nimmt Aristoteles Stellung. Hier erwartet man vermutlich abfällige Bemerkungen, die das Geld als „schnöden Mammon“ diskreditieren. Aristoteles ist jedoch kein Moralist, der das Geld verachtet. Er kritisiert lediglich eine Lebensform, die nach Geld und immer mehr Geld strebt. Sein Argument strahlt Nüchternheit aus: Wer das Verlangen nach Geld zum Lebensziel macht, der verkennt dessen Wesen und pervertiert ein Mittel für Tauschgeschäfte und den Erwerb gewünschter Güter zum Selbstzweck. Bei der entsprechenden Geldgier, einer nie befriedigten Sucht, gehen Maß und Mitte verloren, und der humane Sinn, ein angenehmes und sicheres Leben zu ermöglichen, verschwindet aus dem Blick

          Nüchternheit zeichnet auch den größten Moralphilosophen der Neuzeit, Immanuel Kant, aus, obwohl er nach landläufiger Meinung nicht wie sein antiker Kollege ein Realist, sondern ein Idealist ist. Bei Aristoteles finden sich, wie beschrieben, Ansätze einer Wirtschafts- und Finanztheorie, die es bei Kant ebenfalls gibt. Aus zwei Gründen fallen sie bei ihm spärlicher, aber dafür nicht weniger interessant aus.

          Geld als Sache

          Zum einen ist die fachliche Spezialisierung zu seiner Zeit so weit fortgeschritten, dass ein kluger Moralphilosoph die Wirtschafts- und Finanztheorie lieber anderen überlässt. Nur einen großen Denker interessierte dies damals wenig: Der einflussreichste Wirtschaftstheoretiker der Neuzeit, Adam Smith, hatte etliche Jahre einen Lehrstuhl für Moralphilosophie inne und verfasste in dieser Zeit eine bedeutende Theorie moralischer Gefühle. Zum anderen legt Kant im Verlauf seiner intellektuellen Entwicklung mehr und mehr Wert auf ein reines, von aller Empirie freies Philosophieren. Darauf kommt es bei der Frage an, was Geld ist, der Kant einen eigenen Abschnitt widmet.

          Die Antwort steht in Kants Rechts- und Staatsphilosophie, der Rechtslehre, die einen integralen Teil von Kants umfassender Freiheitsphilosophie ausmacht. Auf diese Weise erscheint das Geld als ein Element von Freiheit. Vergegenwärtigen wir uns kurz den Zusammenhang: Die Menschen, ihrer Natur nach Freiheitswesen, teilen miteinander denselben Lebensraum. Bei der deshalb unvermeidlichen Kommunikation („Verkehr“) schränken sie ihre Freiheit, Beliebiges zu tun und zu lassen, also ihre Handlungsfreiheit, notwendigerweise gegenseitig ein. Ein Stück Land beispielsweise, das der eine besitzen will, kann auch ein anderer wollen, so dass, wie auch immer der Streit ausgetragen wird, ihre Freiheit begrenzt wird. Die wechselseitige Einschränkung hat dann jenen moralischen Rang, der auch Gerechtigkeit heißt, wenn sie dem vom kategorischen Imperativ her bekannten Kriterium der Verallgemeinerbarkeit genügt. In Kants bekannter Formel: „Das Recht ist der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann.“

          Auf dieser Grundlage, der allgemein verträglichen Freiheit, entwickelt Kant zunächst den Gedanken eines angeborenen Rechts, dann das Recht auf Privateigentum. Bei diesem gibt es, etwas vereinfacht, zwei Grundarten, Sacheigentum und geistiges Eigentum, die den zwei Grundarten von Kommunikation entsprechen – dem Verkehr mit Gedanken und dem mit Sachen. Während dort das Schrifttum („Buch“) zuständig ist, gilt hier das Geld als das entscheidende Instrument. Im Rahmen der rechtstheoretischen Grundalternative, dass etwas entweder eine Sache oder eine Person ist, fällt das Geld offensichtlich unter die Sachen, denn selbst für den Geldgierigen ist es kein zurechnungsfähiges, mit Freiheit und Verantwortung begabtes Wesen.

          Weitere Themen

          Euroboden zum dritten

          Hochzinsanleihen : Euroboden zum dritten

          Der im gehobenen Wohnsegment aktive Projektentwickler und Bauträger Euroboden kommt am Montag mit einer neuen Anleihe auf den Markt. Allem Anschein nach ist die Nachfrage gut.

          Topmeldungen

          Fast-Fashion-Tracht : Dirndl für alle

          Eine große Modekette entdeckt das Oktoberfest für sich – mit günstigen Trachten für die Massen. In München kommt das nicht gut an.
          Die meisten Manager finden ihren Job heute schwerer als früher (Symbolbild).

          Studie : Fast niemand will mehr Manager werden

          Es breitet sich die Manager-Müdigkeit aus: Beruflich wollen in Zukunft nur noch wenige eine Führungsposition übernehmen, wie eine neue Studie zeigt. Die Autoren mahnen die Unternehmen auf zu handeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.