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Hurrikansaison : Gute Aussichten für Rückversicherer

Gut versichert? Nach dem Hurrikan „Maria“ in Puerto Rico Bild: AFP

Die Hurrikansaison 2017 bringt höhere Schäden als in den vergangenen Jahren. Die Munich Re und ihre Wettbewerber müssen zahlen. Vielleicht verbessert sich aber auch der Markt für sie.

          3 Min.

          Seit langem gab es keine Hurrikansaison mehr, die so nachhaltig Schäden verursacht hat. Harvey (über Texas) und Irma (über Florida) haben schon ihre Spuren hinterlassen, auch Maria hat auf Puerto Rico ganze Landstriche verwüstet. Die Namen der Stürme werden nach dem Alphabet vergeben, Rückversicherer erinnern sich noch, wann die 26 Buchstaben zuletzt nicht mehr ausreichten, um alle Wirbelstürme zu benennen. Es war im Jahr 2005, als Katrina, Rita und Wilma die schwersten Schäden der Versicherungsgeschichte hinterlassen hatten.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Es hat ein wenig gedauert, bis auch die ersten Rückversicherer das Ausmaß der Sturm- und Flutschäden einschätzen konnten. Nach der Munich Re vor einer Woche hat nun die Hannover Rück bekanntgegeben, dass sie ihr Gewinnziel von einer Milliarde Euro womöglich nicht wird erreichen können. Das Großschadenbudget von 825 Millionen Euro sei voraussichtlich aufgebraucht – denn auch Maria und das Erdbeben in Mexiko dürften hohe Schadensummen zur Folge haben. Die Dividende müsse aber aus heutiger Sicht nicht gekürzt werden.

          Bessere Ergebnisse als im letzten Jahr

          Für die Schwere der Ereignisse verlief die Aktienkursentwicklung der Rückversicherer allerdings moderat. Der größte Rückversicherer der Welt, die Munich Re, sah sich Anfang September einem Kursverlust von 3 Prozent gegenüber. Mit einem Anstieg um gut 5 Prozent seither auf rund 176 Euro ist das aber inzwischen kompensiert. Die Hannover Rück steht bei 100 Euro wieder etwa auf dem Niveau vor einem Monat – nur wenige Euro unter dem Rekordstand von rund 107 Euro im März.

          Vergleicht man die Bewertungen mit denen vor einem Jahr, haben die Rückversicherer sogar deutlich besser abgeschnitten als der Markt: Aktien der Hannover Rück legten um 11,3 Prozent zu, der Kurs der Munich Re verbesserte sich um 8,8 Prozent – während der Dax mehr als 7 Prozent seines Werts verlor. Und der französische Wettbewerber Scor, für den es nach einem jähen Absturz im März 2002 seit September 2004 aufwärts geht, konnte sich im vergangenen Jahr sogar um 22 Prozent verbessern. Allein der vierte im Bunde der weltgrößten Rückversicherer, die Swiss Re, bleibt etwas hinter den anderen zurück. Der Anstieg seit vergangenem September beträgt 5,6 Prozent.

          Anspruchsvolle Situation für die Branche

          Sind es trotz der Schäden also gute Zeiten für Rückversicherer? „Wir halten sie aktuell für fair bewertet, weil es viele Herausforderungen für die Branche gibt“, sagt Volker Sack, Analyst der Nord LB. Die Schaden-Kosten-Quoten verschlechterten sich angesichts der hohen Schadensummen und der Restrukturierungskosten, der Niedrigzins laste weiterhin auf den Anlageergebnissen, und der technische Fortschritt zwinge sie dazu, Prozesse zu automatisieren und somit effizienter zu werden. „Wenn die Ergebnisse durch die aktuellen Schäden wirklich belastet werden, dann können die Kurse unter Druck geraten“, sagt Sack.

          Tatsächlich ist die Branche immer noch in einer anspruchsvollen Lage: Weil die Zinsen so niedrig sind, fühlen sich viele Investoren zu Rückversicherungsrisiken hingezogen. Sie haben den Vorteil, dass sie sich in Form einjähriger Verträge zeichnen lassen und einen hohen Spread auf risikofreie Anlagen aufweisen. Durch diese alternativen Investoren aber ist die Kapazität, Naturkatastrophen-Risiken zu zeichnen, so stark angewachsen, dass die Rückversicherer keinen Weg aus dem „weichen Markt“ stetig fallender Preise zurückfinden. „Nach den Schäden dieses Jahres wäre eine Gegenreaktion logisch“, erwartet Roland Pfänder, Analyst der Bank Oddo BHF. In den vergangenen Jahren sei es folgerichtig gewesen, dass die Preise für Naturkatastrophen-Deckungen zurückgegangen seien, weil es wenige schadenträchtige Ereignisse gab. Nun könnten die Investoren erstmals in größerem Umfang ihr Kapital verlieren und müssten nachdenken, ob sie neues zur Verfügung stellen. „Schnelle Entscheidungen sind erforderlich, weil die Erstversicherer Bedarf für Deckungen haben. Also werden sie zu den Rückversicherern gehen, die sich das teuer bezahlen lassen“, sagt Pfänder.

          Anleger müssen mit Risiken rechnen

          Nicht ganz so positiv sieht René Locher, Analyst der Main First Bank, die Entwicklung. „Die versicherten Schäden sind nicht groß genug, um den Preiszyklus zu drehen“, sagt er. Der Risikomodellierer AIR Worldwide, der für seine zuverlässigen Prognosen bekannt ist, hat am Wochenende eine erste Schätzung für den Hurrikan Irma veröffentlicht. Die versicherten Schäden in Amerika und der Karibik könnten sich auf 32 bis 50 Milliarden Dollar summieren. Wie bei Harvey, der hohe Flutschäden nach sich gezogen hat, die schwer zu beziffern sind, lag diese Prognose höher als erste Marktschätzungen. Zumindest die Hannover Rück und die Munich Re haben nun auch schon die Konsequenz gezogen und ihre Kunden auf geringere Gewinne als zuvor prognostiziert vorbereitet.

          Doch ihr Kapital dürfte nicht angegriffen werden. Somit besteht auch weiterhin Potential für hohe Dividenden. „Die Munich Re hat viel Kapital auf der hohen Kante, sie wird ihr Dividendenniveau halten. Wir werden bis Ende des Jahres höhere Kurse sehen“, sagt Analyst Locher. Positiv stuft sein Kollege Pfänder ein, dass die großen vier europäischen Rückversicherer sukzessive die Sparte Leben-Rückversicherung ausgebaut hätten. „Das ist ein guter Diversifizierer und hat sich besonders gelohnt, weil das Schaden-Unfallgeschäft weniger attraktive Preise bot“, sagt er. Dennoch müssten sich Anleger darauf einstellen, dass das eine oder andere Lebens-Portfolio, das sie übernommen hätten, doch mehr Risiken berge als erwartet. „Die Leben-Rückversicherung wird dennoch wichtiger werden in der Zukunft.“ Womöglich doch nicht so schlechte Voraussetzungen in einem anspruchsvollen Marktumfeld.

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