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Hoffnungen auf China : Trügerische Ölpreisrally

Der niedrige Ölpreis lässt manche Pumpe stillstehen. Bild: dpa

Die Ölpreise sind am Donnerstag deutlich gestiegen. Chinas potentieller Ölbedarf und eine diplomatische Einigung sind die Treiber. Doch das scheint trügerisch.

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          Die Ölpreise sind am Donnerstag deutlich gestiegen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Juni kostete am Morgen 26,76 Dollar. Das waren rund 8 Prozent oder 2 Dollar mehr als am Vortag. Der Preis für ein Barrel der amerikanischen Sorte WTI stieg um 1,45 auf 21,76 Dollar.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gestützt wurden die Ölpreise durch Meldungen aus China. Das Land wolle die aktuell niedrigen Ölpreise nutzen, um die staatlichen Ölreserven aufzustocken, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf informierte Kreise.

          Das bereitet den Marktteilnehmern Hoffnung. Seitdem vor rund einem Monat aufgrund des Auseinanderbrechens der Ölförderallianz „Opec+“ der Preis für Brent massiv von rund 51 auf rund 21 Dollar gefallen war, haben die Märkte auf gute Nachrichten gewartet und nehmen diese begierig auf.

          Dazu gehören auch die Meldungen vom Vortag: So will Russland angeblich die Ölförderung nicht weiter anheben und damit den Preiskrieg verschärfen. Saudi-Arabien hatte dagegen zuletzt die Fördermenge auf etwa 12 Millionen Barrel am Tag ausgeweitet. Zugleich hat das staatliche Ölunternehmen Saudi Aramco seine Dienstleistungspartner dazu aufgefordert, sich auf eine signifikante und anhaltende Erhöhung der Produktion vorzubereiten, berichtet das Marktforschungsinstitut JBC Energy Partners.

          Doch die Meldungen sind insgesamt widersprüchlich. Denn es wird auch berichtet, Saudi-Arabien sei zu einer Kürzung der Fördermenge bereit, wenn alle großen Ölnationen sich daran beteiligten. Jedoch seien die Bemühungen darum schon innerhalb der Opec abermals gescheitert, berichtet JBC. Ein Krisentreffen im April komme nicht zustande.

          Amerikas Präsident Donald Trump hatte im Verlauf der Woche angekündigt, im Preiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland vermitteln zu wollen. Inwieweit es Trump gelingen kann, ist indes sehr fraglich. Einerseits sind dessen diplomatischen Erfolge ausgesprochen überschaubar. Der amerikanische Präsident behaupte immer nur, er sei nah an einer Vereinbarung dran sei, meint Neil Wilson, leitender Marktanalyst von markets.com.

          Andererseits ist die Interessenlage kompliziert. Saudi-Arabien will die Produktionskürzung, aber zu seinen Bedingungen. Das heißt: Nur wenn alle mitmachen. Russland will die Produktion nicht kürzen, weil das die Konkurrenz durch die nordamerikanische Schieferölindustrie begünstigen würde. Deren Interesse an einem höheren Ölpreis aber muss Trump berücksichtigen. Das wird noch viel drängender, seit am Mittwoch mit Whiting Petroleum der erste Schieferölproduzent mit immerhin einer Produktion von 123.000 Barrel am Tag Insolvenz angemeldet hat.

          Ein saudisch-amerikanisches Abkommen, über das derzeit spekuliert wird, könnte daran scheitern, dass dies eine saudische Produktionskürzung erforderlich machen würde, um den Preis zu stützen. Dann aber würde das Königreich gegenüber Russland einknicken. Und von Kompromissbereitschaft ist derzeit nicht viel zu sehen, auch wenn Russlands Präsident Wladimir Putin zuletzt sagte, dass eine Lösung gefunden werden müsse.

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          Marktbeobachter sehen unterdessen nach wie vor keine Zeichen einer Entspannung am Rohölmarkt. Die Ölreserven der Vereinigten Staaten hatten zuletzt noch stärker zugelegt als erwartet. Die Welt könnte daher laut dem britischen Marktforschungsinstitut IHS Markit bis zur Jahresmitte keine Lagerkapazitäten für Rohöl mehr zur Verfügung haben. In Kanada werde dieser Zustand der amerikanischen Bank Goldman Sachs zufolge schon in drei Wochen erreicht. Einige Unternehmen hätten daher laut Marktbeobachtern schon darüber nachgedacht, Überschüsse in Eisenbahnwagons zu lagern. Andererseits aber lässt der niedrige Ölpreis die Produktion aufgrund mangelnder Rentabilität an anderer Stelle zurückgehen.

          Während die Rohölreserven steigen, wirkt sich dies auf den Bestand und damit auf die Preise raffinierter Produkte wenig aus. So weisen die Analysten von JBC darauf hin, dass raffiniertes Dieselöl weiter für 40 Dollar das Fass verkauft werde, während der Preis für das zugrundeliegende West-of-Suez-Öl in die Nähe der 10-Dollar-Marke gefallen sei. Das habe die Margen der Raffinerien enorm verbessert.

          Dennoch produzierten diese mehr als derzeit nachgefragt werde, selbst in Europa, wo eigentlich sonst chronische Unterversorgung herrsche. Sie produzierten aber wiederum nicht erkennbar auf Halde und machten sich damit die derzeit herrschenden niedrigen Rohölpreise nicht zunutze.

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