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Hoffnungen auf China : Trügerische Ölpreisrally

Es sei auch kein nennenswerter Aufbau an Reserven raffinierter Produkte festzustellen, heißt es bei JBC weiter. Offenbar reagierten die Raffinierien stärker auf den Nachfragerückgang in ihren Märkten als auf den Rückgang des Rohölpreises am Weltmarkt. In Japan etwa sei die Nachfrage im Februar um rund 200.000 Barrel am Tag gefallen, der Ankauf von Rohöl aber um fast 300.000 Barrel. Das habe sogar die Lagerbestände an Diesel und Kerosin verringert, die in den Monaten davor deutlich gewachsen waren.

Möglicherweise versuchen diese auch nur ihre Margen zu stützen, indem sie die Endprodukte tendenziell knapp halten und den Angebotsüberhang auf den Rohölmarkt verlagern. Das könnte sich zwar im zweiten Quartal ändern, wenn massive Überhänge entstünden, so JBC. Derzeit aber müssten sich die Verhältnisse am Ölmarkt deutlich verbessern, damit die Raffinierien wieder über ihre lokalen Märkte hinausschauten.

Der Satz der toten Katze

Tatsächlich sollte man dem Preisanstieg am Rohölmarkt deshalb nicht allzu viel Bedeutung beimessen. Im Grunde ist dieser nur eine Bärenmarktrally, wie es sie auch am Aktienmarkt in den vergangenen Tagen gegeben hat. Die Marktteilnehmer wollen glauben, dass der Konflikt am Ölmarkt beigelegt werden muss – was nicht unmöglich, aber sehr schwierig ist. Zudem bleibt die Auswirkung der Corona-Pandemie auf die Nachfrage ein Faktor.

Die Raffinerien werden sich der Ölflut nicht dauerhaft entziehen können. Das wird sich früher oder später auch auf die Preise raffinierter Produkte auswirken. Die aktuell erhöhte Produktion an Rohöl, die auf eine deutlich niedrigere Nachfrage trifft, erzeugt eine Schwemme, die erst über die Zeit hinweg abgebaut werden kann. Und genau das passiert, wenn etwa China jetzt Rohöl kauft: Die Lagerbestände in China steigen und die Mindernachfrage des Landes verteilt sich anders, wird aber dadurch nicht weniger groß. Ohne eine nachhaltige Einigung der großen Fördernationen wird sich der Ölpreis nicht nachhaltig auf einem höheren Niveau stabilisieren können.

Die Achterbahnfahrt des Ölpreises sei nicht vorbei, sagte Vandana Hari, Martkexperte aus Singapur, der Nachrichtenagentur Bloomberg. Jede Stabilisierung werde vorübergehend sein bis der Höhepunkt der Pandemie in den Vereinigten Staaten und den am stärksten betroffenen europäischen Ländern überwunden ist.

Es gebe eine Menge Lärm um Russland, Trump und so weiter, meint Wilson. Spekulationen um einen Waffenstillstand im Preiskrieg verbesserten die Stimmung, aber man komme nicht umhin, im aktuellen Preisanstieg nur einen „dead cat bounce” zu sehen, also einen Hüpfer einer toten Katze, was eine nicht nachhaltige Kurserholung beschreibt.

Heizöl im „Klopapierdilemma“

Langfristig dürfte der Ölpreis indes wieder steigen. Dieser habe ein unhaltbares Niveau erreicht, meint Colin Croft, Fondsmanager für Schwellenländer bei Jupiter Asset Management. Es sei unwahrscheinlich, dass dieser lange auf diesem Niveau bleiben werde, insbesondere angesichts des extremen Drucks, den der Ölpreis auf amerikanische Schieferproduzenten und Saudi-Arabien ausübe. Andererseits dürfte der Ölpreis auch nicht in den Himmel steigen. Denn alle Förderquellen, die geschlossen werden, lassen sich binnen kurzer Zeit ohne große Kosten wieder öffnen. Das dürfte eine Erholung im Zaum halten.

Für deutsche Verbraucher ist die Gesamtlage daher weiter günstig. Der Dieselpreis beträgt derzeit 1,11 Euro im Bundesdurchschnitt, so niedrig stand er zuletzt im Sommer 2017. Auch der Heizölpreis hat zuletzt auf 53,01 Cent für den Liter nachgegeben, nachdem er im März zunächst zwischenzeitlich noch deutlich bis auf 58,36 Cent gestiegen war.

Die Krise erreiche nun auch preislich gesehen den nationalen Heizölmarkt, heißt es vom Branchendienst Heizoel24.de. Das Abwärtspotential sei nach wie vor groß. Dennoch steckten die Märkte im „Klopapierdilemma“. Ein Produkt erscheine subjektiv knapp, obwohl es dies objektiv gar nicht sei. Verbraucher reagierten mit zusätzlich verstärkten Käufen, sobald der Heizölpreis sinke. Damit entstehe eine künstliche Stresssituation, obwohl die Ware alles andere als knapp sei. Die Lösung sei ebenso einfach wie kompliziert. Viele Einzelne müssten gegen ihr subjektives Empfinden handeln, um den Knoten zum Platzen zu bringen.

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