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Hoffnung auf Zinssenkungen : Märkte spielen das Konjunkturspiel

Aktienhändler an der Wall Street Bild: Reuters

Die internationalen Finanzmärkte gefallen sich seit der Rede des Fed-Präsidenten Powell am Mittwoch mit Blick auf Amerika wieder in Konjunkturoptimismus. In Europa sieht es anders aus.

          2 Min.

          Während in Deutschland und Europa angesichts von Prognosesenkungen und Stellenstreichungen bei Großunternehmen wie BASF oder Lufthansa um die für das zweite Halbjahr erwartete Belebung der Konjunktur gefürchtet wird, scheinen die Finanzmärkte das Thema schon wieder zu überspringen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nachdem Amerikas Notenbankchef Jerome Powell am Mittwoch vor Vertretern des Repräsentantenhauses die Tür für eine baldige Leitzinssenkung weiter offen ließ, indem er die Unsicherheit um Handelskonflikte und Sorgen um die Weltwirtschaft betonte, spielten die Märkte das Szenario eines geldpolitisch induzierten Konjunkturschubs voll aus.

          An der Wall Street überstieg der marktbreite S&P 500 mit 3002,98 Punkten erstmals die historische Marke von 3000 Punkten und es scheint bei einem Tagesschlusskurs von 2993,07 Zählern nur eine Frage von Tagen, bis er diese hinter sich lässt. Der S&P würde damit weniger als fünf Jahre gebraucht haben um die 1000-Punkte-Spanne zu überbrücken und damit etwas weniger Zeit als für den Weg von 1000 auf 2000. Dieser hatte rund sechs Jahre und fünf Monate gedauert, der Weg von 100 bis auf 1000 Zähler 17 Jahre.

          Allerdings ist die Verkürzung dieser Fristen nur logisch: 1000 Punkte sind gegenüber 100 eine Verzehnfachung, 3000 gegenüber 2000 aber nur ein Anstieg um die Hälfte. So gesehen hat sich der Anstieg des S&P-500 sogar verlangsamt, von 14 Prozent jährlich auf 11,4 und zuletzt 8,6 Prozent.

          Aber nicht nur am amerikanischen Aktienmarkt standen die Zeichen auf besser Konjunkturerwartungen. Der Ölpreis stieg um 4 Prozent und auch Erdgas, wo der Markt grundsätzlich von einem Überangebot gekennzeichnet ist, setzte seine durch Hurrikan-Warnungen, warmes Wetter und Aufmerksamkeit für Umweltschutzpolitik getriebene jüngste Erholung fort. Ebenso setzten die Kerosinpreise zum Steilflug an.

          Auch zahlreiche Industriemetalle waren gefragt, allen voran Blei mit einem Aufschlag von 4 Prozent, aber auch die Preise für Kupfer, Nickel und Aluminium zogen spürbar an, ähnlich wie die Kurse von Anleihen aus einigen Schwellenländern wie Brasilien, Indonesien, den Philippinen oder Malaysia.

          Doch auch die Kehrseite eines geldpolitischen Konjunkturschubs zeigte sich: Der amerikanische Dollar wertete deutlich von rund 1,12 Dollar für den Euro bis auf 1,1279 Dollar ab. Das ist klar: Sinken die Zinsen in Amerika, werden sie mindestens deutlich sinken als in Europa, wo sie ohnehin nahe null liegen. Dadurch verändert sich die Zinsdifferenz zuungunsten der Vereinigten Staaten, sollte mehr Geld nach Europa lenken und damit den Dollarkurs fallen lassen.

          Das kam dann auch im Goldpreis zum Ausdruck, der einmal mehr als Spiegelbild des Dollarkurses um 2,6 Prozent stieg. Vielleicht hätte man es auch als eine Art rest-Unsicherheit betrachten können, aber am Morgen wertet der Euro wieder leicht ab – und der Goldpreis sinkt.

          Für die deutschen und europäischen Märkte ergeben sich aktuell widersprüchliche Signale. So spricht die mögliche Änderung der Zinsdifferenz zwar für den Euro. Jedoch sind die jüngsten Signale von den Unternehmen wenig ermutigend. Seit Mittwochabend senkten mit Krones, Aumann und der Deutschen Beteiligung drei weitere Konzerne ihre Prognosen.

          Auch die von Südzucker vorgelegten Geschäftszahlen gelten als schwach. In der Schweiz ließ der Rückversicherer Swiss Re seine Pläne für einen Börsengang der Tochtergesellschaft ReAssure an der Londoner Börse aufgrund des Marktumfelds vorerst fallen. Das lässt Anlagen in Amerika lukrativer erscheinen und schwächt tendenziell den Euro. Auf die Aktienkurse wirkt sich dies gegebenenfalls noch direkter aus. Insofern kann nicht überraschen, dass der deutsche Aktienmarkt am Donnerstag nur gut behauptet startet.

          Ob der Konjunkturoptimismus hält, ist zudem fraglich. Von amerikanischen Vermögensverwaltern hört man länger schon verhaltene Einschätzungen. Häufig heißt es, man rechne in diesem Jahr nicht mit einer Rezession, schließt dies aber für 2020 nicht unbedingt aus. Auch der Geldpolitik traut man keine Wundertaten zu, nicht zuletzt deswegen weil die jüngste Wachstumsphase nun schon bald zehn Jahre andauert und dies gegen alle Erfahrung spricht. Und dazu gehört auch, dass sich jedes mal, wenn verkündet wurde, diesmal sei alles anders und die Konjunkturzyklen seien tot, diese es verstanden sich wunderbar in Erinnerung zu bringen.

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