https://www.faz.net/-gv6-9flni

Fallende Kurse : Der Horror der Prognosesenkung

Die Senkung von Gewinnprognosen erschreckt die Börsianer. Auch wenn es manchmal dahinter gar nicht so schlimm aussieht. Bild: dpa

Die Reaktionen auf die Senkung von Gewinnprognosen sind derzeit heftig. Besonders hart trifft es derzeit viele Autozulieferer.

          3 Min.

          Wie witzelte doch der Komiker Otto in seinem ersten Film? „Zwei Dinge mögen wir hier gar nicht: Leute wie Du und Leute, die so aussehen tun wie Du!“ Geht es dieser Tage um die Börse, so lässt sich dies paraphrasieren: „Zwei Dinge mögen wir hier gar nicht: Gewinnwarnungen und Meldungen, die so aussehen tun wie Gewinnwarnungen!“ Wobei man der deutschen Sprache Gerechtigkeit widerfahren lassen muss - vor Gewinnen wird eigentlich nicht gewarnt, sondern davor, dass diese niedriger ausfallen als erhofft.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Börsianer mögen das nie, derzeit aber sind die Konsequenzen einschneidend. Das musste in den vergangenen Wochen etwa schon der Elektronikeinzelhändler Ceconomy erfahren, und am Mittwoch erst der Medizinkonzern Fresenius und seine Tochtergesellschaft Medical Care.

          Auch der Donnerstag hat wieder einiges an „Gewinnwarnungen“ zu bieten - mit entsprechenden Konsequenzen für die Kurse. Mit einem Minus von 17 Prozent hat der Autozulieferer SHW am stärksten zu leiden. Dabei sollte der Spezialist für Abgasreinigung ja gerade derzeit gut im Rennen liegen. Doch das ist nicht so einfach. Die Umstellung auf den neuen Abgastestzyklus WLTP sorgt vielmehr derzeit für viel Unsicherheit. Denn solange nicht feststeht, wie die Normen künftig aussehen werden, wird kein Autobauer in großem Umfang investieren. Hinzu kommt, dass die Geschäftsaktivitäten des Unternehmens in China langsamer anlaufen als gedacht.

          SHW AG

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Statt eines Umsatzes zwischen 540 und 560 Millionen Euro erwartet SHW für 2019 nur noch 440 bis 480 Millionen Euro. Das ist eine satte Reduzierung der Erwartungen um 15 bis 20 Prozent. Und damit nicht genug: Die operative Marge wird wohl nur 8,5 bis 10 Prozent und nicht 11,5 bis 12,5 Prozent betragen. Auch 2020 wird nicht so gut werden wie erhofft.

          Damit habe nun der nächste Autozulieferer vor einer schwächeren Geschäftsentwicklung gewarnt, sagten Händler. Investoren erkennen allmählich, dass auch 2019 ein schwieriges Jahr werde und die meisten mittelfristigen Ziele der Branche unrealistisch seien.

          Insofern stehen auch die Kurse anderer Zulieferer unter Druck, die frühere „Gewinnwarnungen“ nicht verziehen bekommen. Elringklinger hatte schon Ende Juni seine Prognosen angepasst. Doch seitdem ist der Kurs beständig weitergefallen. Mittlerweile beträgt der Kursverlust schon satte 40 Prozent.

          ELRINGKLINGER

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Dass am Mittwoch die Berenberg Bank Besorgnis über den hohen Verbrauch von liquiden Mitteln äußerte, machte es sicher nicht besser. 70 Prozent der Umsätze erwirtschaften die Schwaben mit Produkten, die ausschließlich in Benzin- und Dieselmotoren eingesetzt werden können, schreibt Berenberg. Der erwartete niedrigere Absatz von Verbrennungsmotoren dürfte die Margen strukturell unter Druck setzen.

          Dabei wird durchaus differenziert. Am Mittwoch hatte auch der Lackieranlagenbauer Dürr wegen höherer Restrukturierungsaufwendungen seine Gewinnziele reduziert. Die betriebliche Marge werde 2018 nur noch 5,8 bis 6,3 Prozent erreichen und nicht 6,8 bis 7,3 Prozent. Das ließ den Kurs zunächst um fast 10 Prozent fallen. Doch seitdem hat er sich wieder erholt, am Donnerstag steht gar ein Plus von 5 Prozent zu Buche.

          Der Grund ist zum einen, dass Dürr eben nicht nur ein Autozulieferer ist. Zwar kommen die Probleme gerade aus anderen Geschäften wie Anlagen für Mikrogasturbinen, was nun eingestellt wird. Auch Homag, die Sparte für Maschinen zur Holzbearbeitung, wird neu organisiert. Allerdings weil sich die Nachfrage hin zu kompletten Fertigungslinien verschoben hat. Doch ist Dürr im Automobilbereich nicht mit Motoren verknüpft. Elektroautos müssen ebenfalls lackiert werden, und das ist das Geschäft von Dürr.

          DÜRR

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Aber nicht nur Autozulieferer stehen unter Druck. Hart trifft es auch Heidelbergcement. Während der SHW-Kurs sich allmählich einem Drei-Jahres-Tief nähert, steht die Notierung von Heidelbergcement kurz vor einem Vier-Jahres-Tief. Das aktuelle Minus beträgt 8 Prozent.

          Höhere Energiekosten im Jahresverlauf hätten nur teilweise durch Preiserhöhungen abgefedert werden können, verlautete Heidelbergcement. Zusätzlich belasteten widrige Wetterverhältnisse in den Vereinigten Staaten wie etwa starker Regen die Geschäfte.

          Auch in diesem Fall ist das Ausmaß groß: Das vergleichbare operative Ergebnis werde 2018 im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich sinken. Bislang war Heidelbergcement von einem Anstieg im mittleren bis hohen einstelligen Prozentbereich ausgegangen.

          HEID. CEMENT

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Seit dem Mehrjahreshoch im Januar 2018 bei 96,16 Euro, mit dem die Papiere ihren seit Ende 2011 laufenden Aufwärtstrend abgeschlossen hatten, hat Heidelbergcement nun schon mehr als 40 Prozent an Börsenwert verloren.

          Analysten sind indes optimistisch, dass sich der Kurs bald fangen wird. Da die Kürzung vor allem mit dem schlechten Wetter in den Vereinigten Staaten zu tun habe, dürfte dies die langfristige Zielsetzung des Konzerns für das operative Ergebnis nach 2018 nicht durcheinanderbringen, meint Phil Roseberg von Bernstein Research. Die sehr negative Kursreaktion überrasche ihn allerdings nicht. Rajesh Patki von JP Morgan machen dagegen die höheren Energiekosten Sorgen, die seiner Meinung nach für den gesamten Baustoffsektor zum Thema werden dürften.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald und Melania Trump am vorigen Mittwoch in Washington

          Trumps Impeachment-Prozess : Mehr Zeit für neue Skandale

          Der Impeachment-Prozess gegen Donald Trump soll erst am 9. Februar eröffnet werden. Bis dahin hoffen die Demokraten auf neue Skandale, die der Anklage weitere Munition liefern.
          Mehr Unterstützung aus Washington: Amerikanische Forscher von Regeneron arbeiten am experimentellen Antikörper-Medikament.

          Antikörper-Medikament : Was auch bei Trumps Genesung half

          Ein amerikanisches Antikörper-Präparat erhält eine Notzulassung, 200.000 Dosen kauft die Bundesregierung. Deutsche Wissenschaftler vermissen Unterstützung bei ihrer Forschung – so würden Chancen verpasst, kritisieren sie.
          Verrammelt und verriegelt: Das Lamb & Flag in London (Symbolbild)

          Großbritannien : 10.000 Pubs und Restaurants schließen

          Großbritanniens Gastronomie ist von der Corona-Krise besonders hart getroffen. Während große Ketten sich frisches Kapital beschaffen, gehen die Kleinen unter.
          Aggressiv, schamlos, schnell gekränkt, selbstverliebt: Besaß Trump die Reife für sein Amt?

          Egozentrisch und rücksichtslos : Wenn der Partner ein Narzisst ist

          Narzissten wollen immer heller strahlen als ihr Gegenüber. Dafür ist ihnen meist jedes Mittel recht: Manipulation, Beschimpfungen und dreiste Lügen. Woran merkt man, dass einem das in der eigenen Beziehung widerfährt – und wie geht man damit um?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.