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Bridgewater-Chef Ray Dalio : Rücksichtslos, superschlau, superreich

Es wäre jedoch falsch, den Hedgefondsmanager deswegen für einen Menschen zu halten, der sich stets für andere einsetzt. Sein persönliches Vermögen von sagenhaften 16 Milliarden Dollar hat er nämlich auf eine Art und Weise verdient, die selbst in seiner hartgesottenen Branche zu einigen Irritationen geführt hat. Sein Erfolg beruht auf einer ungewöhnlichen Anlagestrategie in Kombination mit einer rücksichtslosen Form der Unternehmensleitung. Nicht wenige sagen, Dalio sei mitunter zum Fürchten.

Radikale Ehrlichkeit und radikale Transparenz

Bei den seltenen öffentlichen Auftritten des Milliardärs deutet wenig darauf hin. Dann zeigt er sich oft mit einem Lächeln im Gesicht und wirkt in seiner gemütlichen Strickjacke wie ein freundlicher Großvater. Doch in Wahrheit herrscht in seinem Unternehmen ein anderer Umgangston. Nicht, dass Dalio zu lautstarken Beleidigungen neigt. Aber viele Jahre mussten sich neue Bridgewater-Mitarbeiter an ihren ersten Arbeitstagen ein Video ansehen, das nichts für sanfte Gemüter ist. In dem Mitschnitt stellen Dalio und andere Führungsleute immer wieder die Investmentidee einer Managerin in Frage. Dies geht so lange, bis die Frau in Tränen ausbricht. Ziel des Videos: neuen Mitarbeitern zu zeigen, was Dalios Konzept der „radikalen Ehrlichkeit“ und der „radikalen Transparenz“ in der Praxis bedeutet.

Folgt bald der Kurssturz? Dalio hat besonders Siemens im Visier.
Folgt bald der Kurssturz? Dalio hat besonders Siemens im Visier. : Bild: dpa

Zwar wird das Video heute nicht mehr gezeigt. Für den Firmengründer selbst hatte es aber nie etwas Anrüchiges. Um Erfolg zu haben, ist Dalio überzeugt, darf niemand mit seiner Meinung hinterm Berg halten, ganz egal, wie unangenehm das für andere auch sein mag. Nur so lässt sich aus seiner Sicht das Idealbild verwirklichen, das der Bridgewater-Gründer anstrebt: Sein Unternehmen soll eine „Ideen-Meritokratie“ sein, in der sich stets die besten Ideen durchsetzen. Jeder müsse sich darum trauen, einerseits seine Ideen zu äußern und andererseits die Ideen anderer rücksichtslos zu kritisieren. „Radikale Ehrlichkeit bedeutet, die eigenen Gedanken nicht zu filtern“, schreibt Ralio in seinem Buch. Wer nicht offen spreche, verhindere, dass die bestmögliche Investmentidee entstehe.

Totale Überwachung der Mitarbeiter

Dies führt zu einer bizarren Form des Miteinanders: Mit Hilfe einer firmeneigenen Software und unter Einsatz von iPads geben sich alle Mitarbeiter während der Besprechungen ständig Feedback und bewerten die Wortbeiträge der anderen. Alles gipfelt in einer Abstimmung, bei der jedoch die Stimmen erfahrener Manager mehr Gewicht erhalten. Alle wichtigen Anlageentscheidungen bei Bridgewater werden so getroffen. Nicht wenige neue Mitarbeiter kommen mit dieser Art des Austauschs nicht zurecht, zumal sie mit einer weiteren Ungeheuerlichkeit umgehen müssen: Dalio lässt jedes Gespräch in den Firmenräumen aufzeichnen, damit niemand hinter dem Rücken über andere reden könne. „Schleimige Betrüger“ nennt Dalio solche Menschen. In Wahrheit lässt sich dieses Vorgehen nur als totale Überwachung bezeichnen. Die Kündigungsquote bei Bridgewater liegt in den ersten 18 Monaten bei 25 Prozent.

Alle aber, die freiwillig bleiben, hat Dalio reich gemacht. Man mag seine Methode als brutal ansehen – im Ergebnis funktioniert sie. Auch seine Kunden, zu denen viele Pensionskassen zählen, stören sich nicht daran. Erfolgreich Geld anzulegen bedeutet, „mit Erfolg gegen die allgemeine Überzeugung aller anderen Investoren zu wetten“, lautet das Credo des Bridgewater-Gründers. An den Märkten kann sich nur derjenige vor allen anderen auszeichnen, der eine unerwartete Kursbewegung voraussieht. Zu Beginn seiner Karriere ist Dalio solche Wetten oft auf eigene Faust eingegangen, Anfang der 1980er Jahre lag er aber einmal furchtbar falsch und stand vor der Pleite. So erklärt sich, warum er riskante Wetten wie die aktuelle Spekulation gegen europäische Unternehmen heute nur nach intensiver Diskussion mit seinen Leuten eingeht.

Dalios Investmentansatz ist unter dem Namen „Risk Parity“ bekannt geworden: Idealerweise geht er dabei unter Berücksichtigung von Inflations- und Wachstumserwartungen viele verschiedene, weitgehend voneinander unabhängige Investments ein, die unter keinen Umständen alle gleichzeitig an Wert verlieren dürfen. Kommt es doch zu Wertverlusten, greift die Formel, in der sich Ray Dalios gesamtes Weltbild verdichtet. Sie spielt in seinem Buch eine wichtige Rolle und lautet: „Schmerz + Reflexion = Fortschritt“. Sollte Dalios 22-Milliarden-Dollar-Wette gegen Europa nicht aufgehen, darf man sicher sein: Die Schmerzen werden enorm sein.

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