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„Harvey“ und „Irma“ : Wie sich die Wirbelstürme auf die Börse auswirken

  • -Aktualisiert am

Zerstörte Autowaschanlage in Port Aransas, Texas Bild: AP

Neben Versicherern stehen auch die Titel von großen Kreuzfahrt-Gesellschaften unter Druck. Eine Branche profitiert aber weiterhin von den schweren Zerstörungen.

          3 Min.

          Die extremen Wirbelstürme der Karibik sorgen in diesem Jahr auch an der Wall Street für ungewöhnlich starke Turbulenzen. Nach den schweren Überschwemmungen in der texanischen Metropole Houston, dem Zentrum der amerikanischen Öl- und Gasindustrie, in Folge des Hurrikans „Harvey“ vor knapp zwei Wochen bewegt sich nun Hurrikan „Irma“ auf den bevölkerungsreichen Bundesstaat Florida und den Ballungsraum Miami zu.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Würde Miami voll vom Sturm getroffen, wären in nur einem Jahr zwei der drei größten Schreckensszenarien für Wirbelsturmrisiken in den Vereinigten Staaten eingetreten. Das dritte Megarisiko für hohe Schäden ist ein Hurrikan, der die Stadt New York trifft – wie vor fünf Jahren der Hurrikan „Sandy“.

          Nachdem der Sturm für schwere Zerstörungen auf mehreren Karibik-Inseln gesorgt hatte, folgen Hunderttausende Bewohner von Südflorida bereits dem Aufruf zur Evakuierung. Davon betroffen ist auch der Golfclub Mar-a-Lago in Palm Beach, der dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump gehört. An der Börse gerieten angesichts der Naturkatastrophe in dieser Woche vor allem die Aktienkurse von Versicherern unter Druck, die für Teile der Schäden aufkommen müssen. Der S&P 500 Property & Casualty Insurance Subindex, ein Branchenbarometer für die im breitgefassten Aktienindex S&P 500 abgebildeten Schadens- und Sachversicherer, sackte am Donnerstag um mehr als 2 Prozent ab, erholte sich am Freitag im frühen Handel aber deutlich. Die Kursverluste des vergangenen Monats belaufen sich auf knapp 7 Prozent.

          Auch Rückversicherer betroffen

          Besonders stark betroffen waren vergleichsweise kleine Versicherer, die stark in Florida engagiert sind. Der Aktienkurs des in Jacksonville beheimateten Sachversicheres HCI Group verlor fast ein Drittel seines Börsenwertes. Aber auch große Gesellschaften gerieten an der Börse unter Druck. Der Aktienkurs des im Dow Jones abgebildeten Versicherers Travelers ist allein in den vergangenen fünf Handelstagen um mehr als 2 Prozent abgesackt.

          Getroffen wurden auch Rückversicherer, die besonders große Risiken übernehmen. Der Aktienkurs der deutschen Gesellschaft Munich Re gab in den vergangenen fünf Handelstagen um knapp 3 Prozent, der des Konkurrenten Hannover Rück sogar um fast 6 Prozent nach. Der Aktienkurs von Berkshire Hathaway, der Gesellschaft des Starinvestors Warren Buffett, fiel im gleichen Zeitraum um knapp 3 Prozent. Das Konglomerat mit mehr als 80 Tochtergesellschaften, ist im Kern eine Versicherungsgesellschaft, zu der große Rückversicherer wie General Re und Autoversicherer wie Geico gehören.

          „Es gibt Kapital im Überfluss“

          Branchenvertreter gaben sich zuversichtlich, dass die Assekuranzbranche die Verluste schultern kann. „Es gibt Kapital im Überfluss“, sagte Steve Bowen, Chefmetereologe des Versicherungsmaklers Aon, dem Wirtschaftssender CNBC. „Die Branche dürfte nicht nur die Verluste der potentiellen Schäden von Irma, sondern auch die von Harvey in der vergangenen Woche verkraften.“ Die Bank Credit Suisse hat die von „Irma“ potentiell verursachten, versicherten Schäden auf mindestens 125 Milliarden Dollar beziffert. Damit wäre „Irma“ der teuerste Hurrikan in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

          Die Versicherungssituation in Florida ist aber in gewisser Weise besonders. Nachdem im Jahr 1992 Hurrikan „Andrew“ den Bundesstaat verwüstet hatte, waren zahlreiche Versicherer pleitegegangen. Andere hatten sich aus Florida zurückgezogen, weil sie die Risiken nicht mehr übernehmen wollten. Ein großer Teil der Risiken wird nun von der Citizen Property Insurance geschultert, einer im Jahr 2002 vom Bundestaat Florida gegründeten gemeinnützigen Gesellschaft, die Policen für Hausbesitzer bietet, die auf dem freien Markt keinen Versicherungschutz finden. „Als letzte Versicherungsinstanz des Bundesstaates sind wir in sehr guter finanzieller Verfassung“, sagte ein Sprecher. Der Staat übernahm die Risiken, weil andernfalls das vor allem von der Baubranche getriebene Wirtschaftswachstums in Florida in Frage stehen würde.

          Einige Aktienfachleute halten die negative Marktreaktion für übertrieben. „Es scheint wahrscheinlich, dass Investoren die Kosten überschätzen“, meinte Peter Garnry, Aktienmarktstratege der dänischen Saxo Bank. Obwohl Garnry wegen „Irma“ mit Schäden von rund 200 Milliarden Dollar kalkuliert, rechnet er mit „weiteren Kaufgelegenheiten“ im amerikanischen Aktienmarkt.

          Unter Druck gerieten an der Börse auch die Aktien von Kreuzfahrt-Gesellschaften. Der Aktienkurs der Gesellschaft Royal Caribbean Cruises ist in den vergangenen fünf Tagen um mehr als 3 Prozent gefallen. Die Titel der Norwegian Cruise Line fielen um mehr als 4 Prozent und die des Konkurrenten Carnival um knapp 4 Prozent. Alle drei Anbieter haben ihre Hauptverwaltung in Miami. Auf Kreuzfahrten in der Karibik entfällt rund ein Drittel der gesamten Kapazität der Branche.

          Zu den Gewinnern an der Börse gehörten wie schon im Vorfeld von „Harvey“ Aktien von Unternehmen, die Materialien für den Wiederaufbau zerstörter Häuser produzieren und verkaufen. Der Aktienkurs des Baumaterialherstellers USG hat in den vergangenen fünf Handelstagen um rund 8 Prozent zugelegt. Der Aktienkurs der Baumarktkette Home Depot kletterte um rund 7 Prozent.

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