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Aktien im Handelskrieg : Keine Angst vor Trump!

Donald Trump ist zu einer Gefahr für die Weltwirtschaft geworden. Bild: AP

Der Handelskrieg zwischen Amerika und China spitzt sich weiter zu. Das macht es auch gefährlich für Anleger. Doch es gibt Aktien, die dagegen immun sind.

          Es ist vielleicht die letzte Chance für längere Zeit, den Handelskrieg zwischen Amerika und China zu beenden: Am kommenden Freitag und Samstag treffen sich die Staatschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer in Japan. Mit dabei sind auch der amerikanische Präsident Donald Trump und sein chinesischer Widersacher Xi Jinping – wenn nicht noch einer von beiden kalte Füße bekommt. Seit mehr als einem Jahr überziehen sich die beiden Länder mit Strafzöllen und stürzen damit die Wirtschaft in Deutschland und der Welt in Schwierigkeiten. Denn wenn Produkte künstlich verteuert werden, schadet das dem Handel.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit dem Abbruch der Verhandlungen zwischen beiden Staaten vor wenigen Wochen eskaliert die Lage ständig weiter. Es wäre also höchste Zeit für neue Gespräche, das Aufeinandertreffen der beiden Präsidenten in Osaka wäre ein Gelegenheit. Doch bisher deutet nichts darauf hin, dass der G-20-Gipfel eine Wende bringt. Für Anleger am Aktienmarkt bedeutet das: Sie müssen vorbereitet sein, dass der Handelskrieg sich weiter verschärft und vielleicht bald auch Europa miteinbezieht. Zölle gegen die europäischen Autobauer hat Trump schon angedroht, die EU will für diesen Fall mit Gegenzöllen antworten. Vorbereitet sein heißt: die richtigen Aktien haben, die immun sind gegen die negativen Folgen der Zölle.

          Die Autohersteller und -zulieferer sind es naturgemäß nicht, Chiphersteller Infineon auch nicht, dessen wichtiger Handykunde Huawei aus China gerade besonders in die Mangel genommen wird. Aber wer dann? Das amerikanische Finanzunternehmen M-Cam International kam da auf eine Idee: Anfang Juni legte es einen Indexfonds (ETF) auf, mit dem Anleger angeblich an einem Handelskrieg gut verdienen können. Der ETF trägt den Namen „Innovation Alpha Trade War“, ist an der Börse unter dem griffigen Kürzel TWAR notiert und bildet einen Index nach, der sich „Martin Global Innovation Equity Trade War Index“ nennt. Darin befinden sich Unternehmen mit großer oder mittelgroßer Marktkapitalisierung, die nicht nur als innovativ gelten, sondern auch geschäftliche Beziehungen zu staatlichen Institutionen pflegen. Sollte sich der Handelskonflikt zuspitzen, so die Annahme, würden diese Konzerne verschont bleiben oder sogar profitieren.

          Besser ist es, sich selbst ein Portfolio zu bauen

          Es ist allerdings eine gewagte Wette, dass General Electric, Cisco Systems, IBM und Co. quasi unter Schirmherrschaft der amerikanischen Regierung stünden. Schließlich hat sich Trump bislang wenig um Verträge und Gepflogenheiten geschert, und niemand kann seine nächste krude Idee vorausahnen. Von daher erscheint Regierungsnähe kein Qualitätsmerkmal, auf das man sein Geld setzen sollte. Zumal der Handelskrieg-ETF mit einer Gebühr von jährlich 0,81 Prozent außergewöhnlich teuer ist.

          Besser ist es, sich selbst ein Portfolio zu bauen, das bestmöglich gegen Trumps Drohungen und die Folgen eines globalen Handelskonflikts schützt. Christian von Engelbrechten, Fondsmanager bei Fidelity, betont zwar, dass Anleger auch schon vor Trumps Wahl Ende 2016 das Schlimmste befürchtet hatten, danach aber die Börsenkurse auf immer neue Höchststände stiegen. Auch im Handelsstreit ist nicht ausgeschlossen, dass der Präsident überraschend und relativ zügig neue Abkommen wie jüngst mit Mexiko schließt, um seine Chancen einer Wiederwahl Ende 2020 zu erhöhen.

          Da dies aber längst nicht sicher ist und eine Eskalation vielleicht sogar wahrscheinlicher erscheint, bevorzugt Engelbrechten Aktien von Unternehmen, die unabhängig vom politischen oder gesamtwirtschaftlichen Umfeld wachsen und die hohe Dividenden ausschütten. Das sind Papiere, die Finanzprofis deswegen gerne als defensive Aktien bezeichnen. Solche Unternehmen sind vor allem in den Sektoren Gesundheit, IT, Software und Konsum zu finden.

          Nahrungsmittelhersteller gehören dazu

          Da ist zum Beispiel der Technologiekonzern Qiagen. Der Tec-Dax-Konzern ist führend in der medizinischen Diagnostik, bringt in schöner Regelmäßigkeit neue Produkte auf den Markt und steigert so relativ unabhängig von der Konjunktur seine Erlöse. Bis 2020 kalkuliert Qiagen mit einem Umsatzplus zwischen sieben und neun Prozent im Jahr. „Qiagen profitiert von dem Megatrend der alternden Bevölkerung und dem Wunsch nach mehr medizinischer Diagnostik“, sagt Engelbrechten.

          Ein anderes deutsches Technologieunternehmen, dem ein globaler Handelsstreit wenig anhaben kann, ist Scout24. Der Betreiber von ImmobilienScout24 und AutoScout24 ist vor allem in Deutschland, aber auch in einigen europäischen Ländern aktiv und hat seine Umsätze 2018 um 13 Prozent gesteigert. Im laufenden Jahr soll das Plus sogar bis zu 17 Prozent betragen. Das starke Wachstum, auch dank der Übernahme des Vergleichsportals Finanzcheck.de, war angesichts der gescheiterten Übernahme des M-Dax-Konzers durch die Finanzinvestoren Hellman&Friedman und Blackstone Mitte Mai vorübergehend in den Hintergrund getreten. An Scout24 kommt laut Engelbrechten kaum jemand vorbei, „der eine Wohnung oder ein Haus sucht, was hohe und steigende Gewinne mit sich bringt“.

          Auch Benjardin Gärtner, Leiter des Aktienfondsmanagements der Fondsgesellschaft Union Investment, hält defensive Aktien für am besten geeignet, dem Handelskrieg halbwegs schadlos zu entgehen. Dazu zählt er europäische Immobilienunternehmen wie Vonovia, die nicht so sehr von der Enteignungsdebatte wie die Deutsche Wohnen in Berlin betroffen sind. Oder Stromversorger wie RWE oder Eon. Auch Nahrungsmittelhersteller wie Nestlé gehören dazu. Und das erfolgreiche, aber weitgehend unbekannte M-Dax-Unternehmen Symrise, ein weltweit aktiver Hersteller von Duftstoffen für Kosmetik- und Nahrungsmittelprodukte. Solche Stoffe haben einen geringen Anteil an den Gesamtkosten von Kosmetikprodukten, weswegen auch Zölle darauf das Geschäft nicht stark beeinträchtigen sollten.

          Defensive Aktien

          Gärtner sieht auch Unternehmen im Vorteil, die Software für die Digitalisierung der Wirtschaft liefern, zum Beispiel die amerikanischen Firmen Salesforce, Microsoft, Amazon, Alphabet (Google) oder die deutsche SAP. Denn an Ausgaben für dieses Zukunftsthema sparten die Firmen als Letztes, selbst wenn sie mit Zöllen belegt würden. Und in China sind viele von ihnen ohnehin kaum aktiv.

          Pharma- und Gesundheitsaktien sind ebenfalls defensive Aktien. Sie könnten aber unter dem Streben Trumps leiden, die Gesundheitskosten in Amerika zu reduzieren. Das könnte zum Beispiel den Dax-Wert Fresenius Medical Care treffen.

          Es gibt auch Papiere, die zwar dem Handelskrieg trotzen, die man aber trotzdem nicht unbedingt kaufen sollte. Dazu gehören zum Beispiel Telekomaktien. Sie haben gerade stark mit den Folgen eines harten Preiswettbewerbs und hoher Investitionen zum Beispiel für die schnellen 5G-Handynetze zu kämpfen.

          Auch Konsumwerte wie Henkel, Beiersdorf oder Adidas sind von Zöllen nicht so stark getroffen. Allerdings könnten sie Probleme bekommen, wenn der Handelskrieg so stark eskaliert, dass die gesamte Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen wird und dadurch die Arbeitslosigkeit steigt. Dann würde auch die Konsumlaune stark eingetrübt. Solch einem Negativszenario könnten sich allenfalls Wohn- und Versorgeraktien entziehen.

          Vorsicht sollten Anleger in Amerika walten lassen. Die Wette auf die vermeintlichen Profiteure, die von Trumps Zöllen vor Konkurrenz geschützt werden sollen, ging bisher nicht auf. Der Aktienkurs des amerikanischen Aluminiumgiganten Alcoa hat sich seit Einführung der Zölle mehr als halbiert. Auch die Aktie des Waschmaschinenherstellers Whirlpool stürzte kräftig ab.

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