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Wachstumsprognosen gesenkt : Handelskonflikt verunsichert Aktienmärkte

Die Drohung der Vereinigten Staaten, neue Zölle auf chinesische Waren zu erheben, sieht Deutsche-Bank-Analyst Jim Reid als Auslöser für den Stimmungswechsel an den Börsen. Bild: dpa

Die Kursverluste an den Börsen deuten auf einen Stimmungswechsel hin. Die Anleger bewerten die Wachstumsaussichten nun vorsichtiger. Das belastet auch den Euro.

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          Der zwischen den Vereinigten Staaten und China eskalierende Handelskonflikt hat am Dienstag die Aktienmärkte rund um den Erdball den zweiten Tag nacheinander belastet. Erstmals seit Mai fiel der deutsche Aktienindex Dax zeitweise kurz unter 12.600 Punkte. Der chinesische Aktienmarkt, der gemessen am Schanghai-Aktienindex schon seit drei Jahren schwächelt, verlor am Dienstag weitere 3,8 Prozent und baute seinen Jahresverlust auf mehr als 8 Prozent aus. Am amerikanischen Aktienmarkt verlor der Dow-Jones-Index im Handelsverlauf 1,4 Prozent.

          Gerald Braunberger
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          Redakteur in der Wirtschaft.
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          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Anleger im Dax haben seit Donnerstag ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Die Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB), das Anleihekaufprogramm zu beenden, hatte den Index noch auf mehr als 13.100 Punkte getrieben. „Der Dax hat die halbwegs guten Perspektiven, die er sich noch am vergangenen Donnerstag erarbeitet hat, wieder zunichte gemacht“, sagte der technische Aktienanalyst Wieland Staud.

          Der Euro hat am Dienstag am Devisenmarkt nach einer Rede von Mario Draghi auf dem jährlichen EZB-Forum im portugiesischen Sintra auf weniger als 1,16 Dollar abgewertet. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hatte auf die Risiken eines internationalen Handelskonflikts für die Konjunktur in der Eurozone verwiesen und herausgestellt, dass der aktuelle Aufschwung in historischer Betrachtung weder kräftig sei noch bisher lange gedauert habe. „Das Wachstum liegt unter unseren Erwartungen“, sagte er.

          Konjunkturelle Risiken werden mehr beachtet

          Draghi wiederholte seine Bemerkung aus der vergangenen Woche, wonach die für das Jahresende geplante Beendigung des Anleihekaufprogramms nicht selbstverständlich, sondern an weitere wirtschaftliche Fortschritte gebunden sei. Zudem wiederholte Draghi seine Überzeugung, dass die Eurozone noch längere Zeit eine expansive Geldpolitik benötige.

          An den Finanzmärkten zeichnet sich aber ein Stimmungswechsel ab. Reagierten die Investoren in den vergangenen Wochen noch gelassen auf die Verschärfung des handelspolitischen Kurses der Vereinigten Staaten und auf die geldpolitische Straffung durch die amerikanische Notenbank Fed sowie die EZB, scheinen nun stärker die konjunkturellen Risiken in den Vordergrund zu rücken. „Die verschlechterte weltpolitische Lage lastet wohl stärker als zunächst angenommen auf der europäischen Konjunktur“, erklärte der Chefvolkswirt der DZ Bank, Stefan Bielmeier. Die Volkswirte von Deutschlands zweitgrößter Geschäftsbank senkten am Dienstag ihre Wachstumsprognosen für Deutschland und den Euroraum.

          Bild: F.A.Z.

          Commerzbank-Analyst Andreas Hürkamp verwies auf die zuletzt nur noch um 2 Prozent gewachsenen Autoverkaufsumsätze in Europa und den Vereinigten Staaten. In der Tat belasten den Dax vor allem die stark vertretenen Autoaktien, natürlich auch wegen des Diesel-Skandals. Die VW-Aktie war am Dienstag den zweiten Tag nacheinander der größte Verlierer im Dax.

          Deutsche-Bank-Analyst Jim Reid sieht die Finanzmärkte insgesamt inzwischen in einer risikoscheuen Verfassung. Das bedeutet: mehr Sicherheit, weniger Risiken. Aktien sind in solchen Phasen nicht mehr erste Wahl. Die Drohung der Vereinigten Staaten, neue Zölle auf chinesische Waren zu erheben, sieht Reid als Auslöser für den Stimmungswechsel. Angesichts der anstehenden Urlaubssaison hält es Carsten Mumm, Chefvolkswirt der Privatbank Donner & Reuschel, für wahrscheinlich, dass sich einige Marktteilnehmer vorsichtiger positionieren und sich aus Aktienengagements verabschieden.

          Bild: F.A.Z.

          Auch aus Schwellenländern ziehen Anleger Geld ab. Die türkische Lira erreichte zum Dollar am Dienstag ein neues Rekordtief. Erstmals mussten 4,75 Lira für einen Dollar bezahlt werden. Zum Euro allerdings hat die türkische Lira noch kein neues Tief erreicht. Mit 5,49 Lira für einen Euro zahlten Anleger etwas weniger als Mitte Mai mit in der Spitze 5,58 Lira. Damals hatte die Notenbank mit Zinserhöhungen die Währungsschwäche bekämpft – offenbar nur mit vorübergehendem Erfolg. In diesem Jahr hat die Lira zum Dollar schon 15 Prozent und zum Euro 11 Prozent verloren. Auch der brasilianische Real steht unter Druck.

          Diese Schwäche wichtiger Schwellenländerwährungen gilt als Warnsignal für die Finanzmärkte insgesamt. Dass die türkische Lira am Dienstag in Dollar und nicht in Euro ein neues Rekordtief erreichte, zeigt die Stärke der amerikanischen Währung. Von 1,24 Dollar im April fiel der Euro bis Dienstag auf weniger als 1,16 Dollar. Das Bankhaus Metzler veränderte am Dienstag wegen der „politischen Gemengelage im einheitlichen Währungsraum“ seine Prognose. Metzler erwartet nun bis Jahresende einen Euro-Kurs von nur noch 1,13 Dollar.

          Einige Marktteilnehmer sehen die Konjunktur am Ende des Zyklus. Eine Rezession in den Vereinigten Staaten hält Philippe Waechter, Chefvolkswirt des zur französischen Investmentbank Natixis gehörenden Vermögensverwalters Ostrum, im Jahr 2020 zu 50 Prozent für wahrscheinlich. Die Befürchtungen eines Wachstumseinbruchs der größten Volkswirtschaft der Welt spiegelt seiner Ansicht nach die flachere Zinskurve amerikanischer Staatsanleihen wider.

          Die belebenden Auswirkungen der Steuerreform würden nach dem Jahr 2019 spürbar nachlassen, erwartet Waechter. Ein Wachstumseinbruch in Amerika wird seiner Ansicht nach auch die europäische Wirtschaft belasten.

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