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Geschäftszahlen : Immer mehr deutsche Unternehmen enttäuschen

Der Lichtkonzern Osram kriselt. Das macht Übernahmegerüchte glaubwürdig. Bild: dpa

Schlechte Nachrichten für Anleger: Seit 2011 haben hierzulande nicht mehr so viel Unternehmen negativ überrascht wie zuletzt. Vor allem der Handelskonflikt mit Amerika führt zu Einbußen.

          Trotz der positiven Lage der Wirtschaft mussten im ersten Halbjahr dieses Jahres in Deutschland deutlich mehr Unternehmen ihre Prognosen überraschend senken als noch im Vorjahr. Die Zahl der Warnungen stieg sogar auf das höchste Niveau seit 2011. Von den 307 im Prime Standard der Deutschen Börse notierten Konzerne korrigierten 42 ihren Umsatz oder das Ergebnis nach unten, nach 29 im ersten Halbjahr 2017. Damit gab hierzulande jede achte Aktiengesellschaft eine Warnung heraus.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Dies hat die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY in einer Analyse festgestellt, die sie seit sieben Jahren durchführt. Zugleich hat sich demnach die Zahl der positiven Korrekturen von 106 auf 42 mehr als halbiert, wenn also Unternehmen das Übertreffen ihrer bisherigen Prognosen ankündigen. Immerhin ist damit die Zahl der positiven wie auch der negativen Überraschungen gleich. Basis der Analyse sind die veröffentlichungspflichtigen Korrekturen an Gewinn- und Umsatzprognosen der börsennotierten Konzerne von 2011 bis Mitte 2018.

          Autoindustrie unter Druck

          Der stärkste Anstieg an negativen Prognosekorrekturen war demnach im Dax zu verzeichnen: 17 Prozent oder fünf der großen deutschen Konzerne mussten in den ersten sechs Monaten dieses Jahres ihren Ausblick nach unten anpassen. Im Vorjahreszeitraum hatte der Anteil nur 3 Prozent betragen. Im M-Dax ist der Anteil von 4 auf 8 Prozent gestiegen, während im S-Dax und im Tec-Dax jeweils nur noch 8 statt 10 Prozent der Unternehmen eine Gewinn- oder Umsatzwarnung veröffentlicht hätten.

          Eindeutig nach unten zeige der Trend aktuell für Unternehmen aus der Autoindustrie, heißt es. Hier hat jede vierte Gesellschaft eine Umsatz- oder Ergebniswarnung herausgeben. Kein einziges Unternehmen habe dagegen eine positive Korrektur veröffentlicht. Umgekehrt seien es bei Software-Unternehmen, Immobilienkonzernen und Telekomanbietern mehr positive Korrekturen zu beobachten gewesen.

          Große Veränderung gegenüber 2017

          In den vergangenen Monaten hätten vor allem stark im internationalen Wettbewerb stehende und im Ausland engagierte Unternehmen Schwierigkeiten bekommen, die selbstgesteckten Ziele zu erreichen, heißt es von EY. Sie seien von den geopolitischen Entwicklungen auf der Welt besonders betroffen. Die Unsicherheiten seien so groß wie lange nicht mehr.

          Der Handelskonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China führe inzwischen zu spürbaren Einbußen für exportorientierte deutsche Unternehmen. Noch in der zweiten Jahreshälfte 2017 hätte sich die Konjunktur auf der ganzen Welt überraschend stark gezeigt, und viele Unternehmen hätten ihre Prognosen nach oben angepasst. Nun schwinge das Pendel zurück, die Zahl der Umsatz- und Gewinnwarnungen nähme deutlich zu.

          „Nachdem es im vergangenen Jahr einen Rekord an positiven Prognosekorrekturen gab, haben wir im ersten Halbjahr des laufenden Jahres so viele Warnungen gesehen wie noch nie“, sagt Marc Förstemann, Partner von EY. Dies zeige das Maß an Unsicherheit und die enorme Spanne der Volatilität, mit der die Unternehmen nun umgehen müssten. Und: „Wir bewegen uns schon seit einiger Zeit am oberen Rand des Konjunkturzyklus – und es mehren sich die Anzeichen, dass eine Abkühlung bevorsteht“.

          Im gesamten Prime Standard haben laut EY in den ersten sechs Monaten 2018 rund ein Viertel der Unternehmen mindestens einmal ihre eigene Prognose revidiert, und sie nach unten oder oben korrigiert. Dabei hätten die kleinen Gesellschaften im S-Dax und die großen im Dax die meisten positiven Korrekturen aufgewiesen, ist ein weiteres Ergebnis der Analyse. In beiden Indizes haben 20 beziehungsweise 17 Prozent der Unternehmen ihren Ausblick nach oben angepasst.

          Prognoseänderungen schlagen sich natürlich auch in der Kursentwicklung an den Aktienbörsen nieder. Nach den Beobachtungen von EY waren die Kursreaktionen zuletzt bei den Unternehmen besonders stark, die ihren Ausblick nach unten korrigieren mussten. Im Durchschnitt sanken die Aktienkurse der jeweiligen Konzerne am Tag der Ergebniswarnung um 7 Prozent. Auch in der Folgewoche konnten sie sich nicht wieder davon erholen. Im Gegenteil: Eine Woche später lag der Aktienkurs im Durchschnitt noch immer um rund 9 Prozent niedriger als vor der Ad-hoc-Meldung.

          Kündigten dagegen Unternehmen ein Übertreffen ihrer Gewinnprognosen an, führte das im Durchschnitt zu einem Anstieg des Aktienkurses um nur 2 Prozent, und dies sowohl am Tag der Bekanntmachung als auch noch eine Woche danach. Positive Korrekturen werden an der Börse derzeit kaum honoriert, während Ergebniswarnungen zu deutlichen Einbußen führen, heißt es von EY. Tief stapeln lohne sich also für die Unternehmen nicht, zu optimistische Prognosen würden dagegen kräftig bestraft.

          EY geht davon aus, dass die Zahl der Ergebnis- und Umsatzwarnungen im laufenden Jahr voraussichtlich auf einen neuen Höchststand klettern und schließlich die Zahl der positiven Korrekturen übertreffen werde. Das verspricht auch für die Börsen nichts Gutes. Aktuell liegt der Dax 5 Prozent tiefer als zu Jahresbeginn.

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