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Großbritannien : Steigende Kurse trotz tiefer Rezession

Derzeit ist es an der Londoner Börse leerer. Bild: dpa

Die britische Börse hat sich seit Ende März von ihren Tiefständen deutlich erholt. Doch negative Überraschungen sind möglich.

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          Die Aussicht auf eine schrittweise Lockerung des Lockdowns, der wegen Corona erlassenen Beschränkungen der Wirtschaft, hat am Montag die Stimmung an einigen europäischen Börsen gehoben. Auch in Großbritannien stiegen die Aktienkurse. Der Börsenindex FTSE 100 mit den großen britischen, international ausgerichteten Werten kletterte um 1,0 Prozent nach oben. Die britische Wirtschaft macht zunehmend Druck auf die Regierung, die Maßnahmen zu lockern, andernfalls drohen vermehrt Unternehmenspleiten. Premierminister Boris Johnson bremst indes Hoffnungen auf eine baldige Lockerung.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Obwohl die Rezession in Großbritannien seit März mit voller Wucht eingeschlagen hat, gibt es an den Märkten eine entgegengesetzte Bewegung. Nach den Tiefständen in der zweiten Märzhälfte kam es zu einer recht kräftigen Erholung. Der FTSE 100-Index ist ebenso wie der Weltmarktindex MSCI World von seinem Tiefpunkt aus um fast ein Viertel gestiegen. Verglichen mit dem Jahresbeginn liegt der FTSE 100 aktuell nur noch 20 Prozent im Minus, das entspricht dem europäischen Durchschnitt des Eurostoxx-Index. Der Londoner Aktienmarkt hat sich dabei minimal schlechter als der deutsche Leitindex Dax gehalten, aber besser als der französische Aktienindex Cac 40 (21 Prozent Minus seit Jahresbeginn) und deutlich besser als die Börsen in Italien und Spanien (minus 25 und minus 27 Prozent), die auch am Montag schwach waren.

          Ungewiss ist, wie es weitergeht. Alistair Jex von der Deutschen Bank und Chef des Portfolio-Managements in Großbritannien sagt dazu: „Von jetzt an wird die Erholung eher gedämpft sein, es wird schwieriger, denn die hereinkommenden Wirtschafts- und Firmendaten sind schlecht und liegen unter den Erwartungen.“ Der Londoner Commerzbank-Ökonom Peter Dixon betont, dass die Märkte sich vor allem deshalb teilweise erholt hätten, weil sie darauf vertrauen, dass die starke Reaktion der Zentralbanken und der Regierungen wirken würden. „Es ist aber gut möglich, dass es negative Überraschungen gibt, die Entwicklung der Umsätze und Gewinne vieler Unternehmen sieht ziemlich fürchterlich aus“, fügt er hinzu.

          Die größten Kursverluste im Februar und März mussten Banken sowie die Luftfahrt- und Reiseindustrie hinnehmen. Die Kurse liegen dort durchschnittlich fast 40 Prozent unter dem Jahresanfangsstand. Die Finanzbranche macht mehr als ein Zehntel des FTSE 100 aus: Allein die HSBC-Aktie ist mit 5,7 Prozent der drittgrößter Wert, Lloyds kommt noch auf 1,4 Prozent, Barclays hat nur noch 1,1 Prozent Gewicht im Index. Schlimm abgestürzt sind auch die Aktien der Öl- und Gaskonzerne, vor allem Royal Dutch Shell und BP, die zusammen mehr als ein Zehntel Anteil am FTSE 100 haben.

          Der Absturz liegt an der geringeren Nachfrage nach Öl und Gas sowie dem gesunkenen Ölpreis. In der vergangenen Woche jedoch waren die Ölkonzerne indes die stärksten Gewinner, sie erholten sich um fast 10 Prozent. Nun liegen sie noch durchschnittlich um 35 Prozent unter dem Jahresanfangsniveau. Am Dienstag wird BP unter seinem neuen Chef Bernard Looney Zahlen zum ersten Quartal vorlegen. Analysten erwarten hier noch einen Zuwachs gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Zahlen für das zweite Quartal dürften dann aber wesentlich schlechter ausfallen. Auch andere Rohstoffkonzerne leiden derzeit stark unter den gesunkenen Preisen. Einige der weltgrößten Konzerne, unter anderem Rio Tinto, Anglo American, Glencore und BHP, sind an der Londoner Börse notiert und machen zusammen immerhin 7 Prozent des FTSE-100-Index aus. Weniger stark gelitten haben seit Ausbruch der Corona-Krise dagegen die nichtzyklischen Werte, etwa die großen Pharmakonzerne Astra Zeneca und GlaxoSmithKline, zwei absolute Schwergewichte im FTSE 100.

          Wie tief die Rezession in Großbritannien wird, dürfte entscheidend an der Länge des Lockdowns liegen, der die wirtschaftliche Aktivität stark einschränkt. Die Rezession wird wohl tiefer als der Einbruch 2008 und 2009 infolge der Finanzkrise. „Was auffällt ist, dass die aktuelle Rezession wohl die größte unserer Lebenszeit ist, aber dass die Kurse sich schon teils erholt haben, obwohl die Rezession sich verschärft“, sagt Kallum Pickering, Ökonom der Berenberg Bank in London. „Das liegt daran, dass die Geld- und Fiskalpolitik einen guten Job macht und es gelungen ist, das Vertrauen wiederherzustellen.“ Anders als 2008 werde es zu keiner großen Finanzkrise kommen, die Banken seien mit dickeren Kapitalpolstern heute besser gerüstet als damals. Daher hätten sich auch die Aktienmärkte stabilisiert. „Natürlich gibt es immer das Risiko einer Korrektur, aber es ist gut denkbar, dass die Märkte sich weiter erholen, wenn die Restriktionen nach und nach gelockert werden“, meint Pickering.

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